Mobiltelefon und mobiles Internet, – Chancen für gemeinützige Organisationen

Welche Möglichkeiten bieten Mobiltelefone und das mobile Internet Nonprofit-Organisationen?

Amy Sample Ward zeigt anhand der Hilfe für Haiti auf, wie wichtig mobile Geräte und die mobile Internetnutzung für das Fundraising, Online-Volunteering und Mapping geworden sind.

Fundraising: Das amerikanische Rote Kreuz erhielt innerhalb von vier Wochen 31 Mio. Dollar an Spenden für Haiti per SMS. Auch in Deutschland wurden Spenden über das Mobiltelefon eingesammelt, allerdings noch in kleinerem Rahmen. Die Aktion Deutschland Hilft konnte mehr als 200.000 Euro per SMS und aus einem  Aktionsportal akquirieren, -  zusätzlich zu den Online-Spende, die über die Webseite eingingen.  MobileActive.org listet eine ganze Reihe amerikanischer und europäischer Spenden-SMS für Haiti auf.

Den Kontakt zu den Spendern können NPOs ebenfalls mobil über Twitter, Facebook und andere soziale Netzwerke halten, um mit ihrer Botschaft präsent zu bleiben und Multiplikatoren zu gewinnen.

Freiwilliges Engagement: Bürgerschaftliches Engagement kann auch über das Mobiltelefon erfolgen. Amy Sample Ward schildert das Beispiel von The Extraordinaries, wo über eine mobile iPhone-Applikation das Micro-Volunteering möglich wird., das in den freien Minuten und Wartezeiten erledigt werden kann, die in jedem Tagesablauf vorkommen. Fast 30.000 Menschen machen bei den Extraordinaries mit und nutzen Wartezeiten und Pausen im Alltag, um sich online zu engagieren. Mehr als 240.000 Micro-Aufgaben wurden von den Extraordinaries  mobil erledigt.  Was für Aufgaben kommen in Frage? Übersetzungsaufgaben, die Verschlagwortung von Photos und Dokumenten, das Mapping von Plätzen/Einrichtungen, die Suche nach Fördermöglichkeiten für soziale Organisationen usw. Im Fall von Haiti sah die Hilfe der Extraordinaries so aus, dass aktuelle Aufnahmen von Menschen in Haiti von den  Freiwilligen kategorisiert wurden (über 76.000 Fotos) um diese mit Vermisstenbildern abzugleichen und so herauszufinden, ob und wo die gesuchte Person noch lebt.

Oline-Kartierung: Über das Mobiltelefon können im Katastrophenfall die betroffenen Menschen Hilfeanfragen und Hilfsangebote per SMS, Twitter oder Mail übermitteln, die dann von einem Projekt wie Ushahidi in einer Web-Karte visualisiert werden, die öffentlich zugänglich ist. Ushahidi kartierte so über 2000 Hilferufe von Menschen im Anschluss an das Erdbeben in Haiti und jetzt – ganz aktuell – die Hilfsgesuche nach dem Erdbeben in Chile.

Diese Informationen “von unten”, d.h. von den Menschen, die von einer Katastrophe direkt betroffen sind, werden für die Steuerung eines Hilfseinsatzes immer wichtiger. Die Hilfsorganisationen entscheiden nicht mehr allein aufgrund ihrer Bestandsaufnahmen, sondern auch auf der Basis der eingehenden Informationen von Betroffenen darüber, welche Hilfsmaßnahmen zu ergreifen sind.

Nonprofits können desweiteren von kollaborativen  Kartenprojekten profitieren, bei denen Nutzer über das mobile Web Räume kartieren, über die es noch kein oder nur unzureichendes Kartenmaterial gibt. So halfen bspw. über 2000 Freiwillige mit, die OpenStreetMap von Port au Prince in Haiti zu ergänzen. Die mobile Web-Karte, die so entstand, half den Hilfsdiensten, sich in der Stadt schnell zurecht zu finden. Ein anderes Beispiel ist das Projekt Map Kibera, bei dem Freiwillige mobil ein Slum in Nairobi kartieren. Auf crisscrossed.net finden sich noch weitere internationale Beispiele für ‘Maptivism’, wo  Bürger und zivilgesellschaftliche Organisationen sich die räumliche Dokumentation von bisher nicht kartierten/vernachlässigten/mit Problemen belasteten Gegenden vorgenommen haben, um deren Stärken und Schwächen stärker ins Rampenlicht zu rücken.

Unabhängig vom Katastrophenfall sollten Nonprofits  mobile Web-Karten nutzen, um  ihr Leistungsangebot und dessen Lokalisierung von unterwegs aus abrufbar zu machen. Also Karten, die sämtliche Beratungsstellen, Sozialstationen, Krankenhäuser usw. eines Trägers lokalisieren und dem Nutzer beim Auffinden der Einrichtung helfen.

Ergänzend könnte man noch die folgenden Funktionen nennen, die über das mobile Netz möglich sind und auch NPOs Perspektiven eröffnen:

Netzwerkaufbau- und Pflege: Über das mobile Internet werden insbesondere die Seiten sozialer Netzwerke aufgerufen. In den USA gehen 91% der Nutzer mobiler Geräte online, um ihre sozialen Kontakte zu pflegen. Fast drei Stunden täglich nutzen Amerikaner das mobile Web. Der Kontakt mit dem eigenen Netzwerk kann mobil zu jeder Zeit und an jedem Ort gepflegt werden. Auch Nonprofits können von diesen Möglichkeiten profitieren, wenn es darum geht, die Beziehungen zu ihren Stakeholdern zu pflegen.

Hilfe über mobile Geräte: Über Mobiltelefone können Dienste für Hilfsbedürftige angeboten werden. Eine Vertreterin von MobileActive.org führt das Beispiel einer Organisation auf den Philippinen an. Diese mobilisiert für philippinische Arbeitsmigranten im Ausland im Fall von Missbrauch und Ausbeutung sofort Hilfe, wenn eine  SOS-SMS eingeht.

Koordination: Die räumliche Koordination zwischen Menschen wird über geosoziale Netzwerke wie Foursquare oder GoogleBuzz möglich. Auch Twitter bietet das geo-tweeting an, das Kurznachrichten mit Orten versieht. Über die Koordination hinaus verbinden geosoziale Netzwerke Orte mit Informationen. So kann ein Bild darüber entstehen, was in einem bestimmten Viertel passiert bzw. wie es um die örtliche Community steht. Für Nonprofits eine interessante Perspektive.

Augmented Reality: über Mobiltelefone mit Internetzugang  können Live-Bilder von der Umgebung mit Daten aus dem Netz versehen werden. Ein Beispiel: mit der augmented reality app acrossair kann man sich in London die U-Bahn, die dem eigenen Standort am nächsten ist, anzeigen lassen. Man fixiert mit dem iPhone  ein Objekt in der Umgebung und bekommt automatisch die Informationen über den nächsten U-Bahn-Standort. Auch mit der Suchfunktion von Google googles, die nicht via Text, sondern über Bilder sucht, die dann mit Internet-Informationen kombiniert werden, kann man mehr über die eigene Umwelt erfahren.  Zum Beispiel über Nonprofit-Einrichtungen in der eigenen Stadt, die im Internet mit Bild und Text vertreten sind und über google googles gefunden werden können.

Viele dieser mobilen Anwendungen sind im Nonprofit-Bereich außerhalb der Katastrophenhilfe und internationaler Organisationen noch nicht etabliert. Lediglich das Fundraising via SMS ist schon bekannter.  Und dennoch, - “mobile matters”, das heißt: das mobile Netz sowie die ortsbasierten Dienste, die Standorte lokalisieren,  gewinnen an Bedeutung.

Was speziell die ortsbasierten Dienste suspekt macht, ist ihre Gefahr für die Privatsphäre der Nutzer, siehe hierzu kritisch das Projekt PleaseRobMe. Und auch die Gesichtserkennung, die im Rahmen der Augmented Reality schon möglich ist, trägt erhebliche negative Potentiale in sich. Wie es in einem Blogkommentar heißt: “the market for masks and anonymizers will become huge”….

Unabhängig von diesen negativen Seiten müssen sich Nonprofits mit den neuen mobilen Diensten und Möglichkeiten auseinandersetzen und sich die Chancen herausgreifen, die der NPO und ihren Stakeholdern den größten Mehrwert bringen.

Die Verflechtung von Staat und Verbänden im Sozialsektor und die Stellung der Bürger – am Rand

Auf den neuen Dialog- und Vernetzungsmöglichkeiten des Internets ruht die Hoffnung, dass sie auch zwischen Bürgern und dem gemeinnützigen Sektor einen engeren Austausch ermöglichen und Bürgern in den sozialen Diensten mehr Mitwirkungsmöglichkeiten verschaffen können.

Diese Hoffnung trifft allerdings auf  institutionelle Strukturen im Politikfeld, bei denen die Bürger nur Randfiguren ohne essentielle Mitgestaltungsmöglichkeiten sind.  Backhaus-Maul (2009) schildert in einem Aufsatz für das Archiv für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit prägnant, wer in unserem Land die wirklich wichtigen Player im Bereich sozialer Dienstleistungen sind: der Staat und die großen Wohlfahrtsverbände. Beide schließen gemeinsam Leistungsvereinbarungen für den Sozialbereich ab, in denen die Leistungsarten, die Leistungsmenge, die Preise, Qualitätsstandards, deren Messung und Evaluation festgelegt werden (S. 74). Und zwar in nicht-öffentlicher Runde.  Diese Verhandlungen bestimmen faktisch darüber, wie sozialstaatliche Gesetze konkret umgesetzt werden. Bürger haben darauf keinen Einfluss. Es sind die freigemeinnützigen Träger, die “maßgeblich über politische Prioritäten beim Einsatz und der Vergabe öffentlicher Mittel entscheiden” (Backhaus-Maul, ebd.).

Die enge Verflechtung zwischen Staat  und Verbänden erschwert Backhaus-Maul zufolge das Empowerment der Leistungsempfänger hin zu Bürgern und Ko-Produzenten. Aber auch für die Wohlfahrtsverbände bringt die Verflechtung nicht nur materielle Chancen und Wachstumsmöglichkeiten mit sich, sondern ebenso eine Bürokratisierung und Unterwerfung unter staatliche Vorschriften. Die Verflechtung mit dem Staat bedroht überdies die Legitimation der freien Wohlfahrtspflege, weil die Verbände zu Dienstleistungsunternehmen mutierten und ihre gesellschafts- und demokratiepolitischen Funktionen vernachlässigten. Aus der Verflechtung mit dem Staat kann die freie Wohlfahrtspflege keine Vision für die Zukunft entwickeln. Dienstleistungsunternehmen sind sie schon – was könnten Nonprofits im Sozialsektor aber darüber hinaus sein?

Neue Wege ergeben sich für soziale Dienste nur durch die Bürger und mit den Bürgern. Letztere dürfen nicht als Bedrohung professioneller Errungenschaften und der verbandlichen Autonomie betrachtet werden, sondern als Enabler,  die freien Trägern helfen können, ein neues Selbstbild zu entwickeln. Aus der Sackgasse, in der sich Nonprofits befinden, wird man nicht durch mehr Professionalisierung und noch mehr betriebswirtschaftliche Konzepte herauskommen, sondern nur durch eine stärkere Demokratisierung, die Bürgern mehr Handlungsspielräume in den verbandlichen Einrichtungen und im Sozialsektor eröffnet.

Nonprofits reden – wie alle Entscheidungsträger in unserem Land – viel von der Förderung des bürgerschaftlichen Engagements. Sie reden aber – wie alle anderen auch – viel zu wenig von den demokratiepolitischen Dimensionen des Engagements. Die Hilfe der Bürger ist sehr erwünscht, – die inhaltliche Mitsprache weniger (siehe “Demokratie Macht Bürgergesellschaft” von R. Roth). Es wird nicht gesehen, dass es genau die – gefürchtete – Partizipation der Bürger ist, die den Wohlfahrtsverbänden in der Verflechtung mit dem Staat und jenseits von dieser neue Perspektiven aufzeigen könnte.

Social Media bieten der freien Wohlfahrtspflege die Chance, über das Internet enger mit den Bürgern in Kontakt zu kommen. Über Social Media können Bürger auch Mitwirkungsmöglichkeiten in Nonprofit-Organisationen erhalten. Und dennoch darf man nicht vergessen, dass die Technologien allein keine Partizipationsrechte und -pflichten begründen. Der Social Media- Einsatz bleibt vom guten Willen eines Trägers abhängig. Deshalb muss man über die Technologien hinaus sich um eine rechtliche Institutionalisierung von Partizipationschancen für Bürger bemühen. Die digitale Welt darf kein Surrogat für Mitwirkungsrechte sein, die man in der realen Welt der Institutionen,  Gesetze und Politikfeld-Steuerung den Bürgern vorenthält.

Live im Internet – sinnvoll für soziale Organisationen?

David Röthler von politik.netzkompetenz.at fragt im Rahmen der 13. NPO-Blogparade, ob synchrone Online-Tools wie Chat, Skype oder Online-Konferenz-Systeme sinnvolle Instrumente für NPOs sein können. David selbst ist als Organisator des Online-Webmontags und des Online-Frühstücks, ko-moderiert von meinem Blogger-Kollegen Christian Henner-Fehr, sehr erfahren im Umgang mit Webkonferenzen. Seine Passion für Live-Tools bringt er nun in die jetzige Blogparaden-Runde ein.

Ob Echtzeit-Instrumente für NPOs sinnvoll sind, hängt von deren Einsatzfeld ab. Wie Jörg Reschke es schon andeutet: für den Bereich der Entwicklungshilfe, der Katastrophenhilfe oder globaler Umweltinitiativen sollten Live-Tools zu den Instrumenten erster Wahl gehören, um intern die Abstimmung über Ländergrenzen hinweg zu erleichtern. Und um die weltweite Öffentlichkeit über Video-Live-Streams oder Online-Pressekonferenzen ausführlich zu informieren.

Für soziale Organisationen auf kommunaler Ebene (Pflegeheime, Beratungsstellen, Jugendhilfeeinrichtungen usw.),  auf die ich fokussiert bin, zählen speziell die videobasierten Echtzeit-Tools im Moment nicht zu den Mitteln, die ich einer Einrichtung empfehlen würde. Und zwar aus fünf Gründen nicht:

  1. Für lokale Sozialeinrichtungen sind die örtlichen/regionalen Netzwerke sehr wichtig. Das heißt der örtliche Träger, die Lokalverwaltung, der Gemeinderat oder Kreistag, die lokalen Politiker, Bürger, Händler, Kirchen und Vereine. Zwar muss auch eine Abstimmung mit dem Dachverband und mit professionellen Fachverbänden erfolgen, aber ich denke nicht, dass es einen großen Mehrwert bringen würde, wenn man diese Face-to-Face-Kontakte in Online-Konferenzen verwandeln würde: so zeitaufwändig und kostspielig sind die zu überwindenden Distanzen nicht, verglichen mit der Situation internationaler Organisationen.
  2. Die IT-Ausstattung von lokalen Einrichtungen im Sozialbereich ist suboptimal: nur 60% der Mitarbeiter nutzen regelmäßig einen PC, wobei es 400.000-500.000 PC-Arbeitsplätze gibt (bei rund 1,2 Mio Mitarbeitern) (zu den Daten s.  hier). Den örtlichen Einrichtungen fehlen im Moment die Ausstattung und das Know-How, um Online-Konferenzen durchführen zu könne. In dieser Umgebung hätten diese ziemlich futuristischen Charakter.
  3. Die sozialen Dienste sind erst im Web 1.0 angekommen. Webseite und Internetanschluss sind nun vorhanden. Aber der Auftritt ist häufig beim örtlichen Träger oder sogar beim Dachverband zentralisiert, d.h. die einzelne Beratungsstelle, die örtliche Diakoniestation oder das Pflegeheim verfügt häufig  über keinen eigenen unabhängigen Webauftritt, sondern ist lediglich als Adresse oder standardisierte Unterseite auf der Webpage des Trägers präsent. Insofern existiert für viele Sozialeinrichtung im Viertel in der Regel nicht die Möglichkeit,  sich online interaktiver zu präsentieren. Entsprechend gering ist deshalb auch ihr Interesse an Social Media, einschließlich synchroner Online-Tools.  Man fühlt sich dafür nicht zuständig. Alles, was mit dem Internet zu tun hat und mit der Online-Kommunikation intern oder mit der ‘Außenwelt’ wird (aus Erfahrung heraus) als Sache des Trägers betrachtet.
  4. Der soziale Sektor ist ganz auf den Menschen hin ausgerichtet. IuK-Technologien werden als lästige Begleiter empfunden, nicht als wertvolle Hilfe. Sie halten vermeintlich von Beziehungen in der realen Welt ab, – und um diese geht es in den sozialen Diensten. Ich glaube nicht, dass sich die Mitarbeiter in den Sozialeinrichtungen mit Online-Konferenzen als Surrogat für echte Treffen zufrieden geben würden.  In internationalen Zusammenhängen ist deren Mehrwert (Kostenersparnis usw.) für die Mitarbeiter leichter erkennbar.
  5. Auch in der Beratung würde ich für Textchats plädieren, weil dann die Schwelle für die Ratsuchenden niedrig gehalten wird. Je elaborierter die Formate sind, desto mehr Menschen werden von diesen ausgeschlossen. Derzeit existiert schon eine große Kluft zwischen den Social Media-Nutzern und jenen, die nicht wissen, um was es sich dabei handelt. Man sollte versuchen, diese Kluft zu verkleinern, indem man niedrigschwellige Tools  einsetzt. “Putting social tech two clicks down” heißt ein Beitrag von David Wilcox, in dem er dafür plädiert, sich auf das Wesentliche von Social Media zu konzentrieren: auf die Beziehungen zwischen Menschen, nicht auf Technologien.

Aus meiner Sicht geht es im Moment darum,  örtlichen Sozialeinrichtungen das Internet zu erklären, Interesse dafür zu schaffen und mit textbasierten Formaten (wie Blogs, Wikis, Twitter) den Einstieg ins Netz zu beginnen, – immer vorausgesetzt, der Träger macht mit und baut keine Hürden auf. Wenn das Interesse geweckt und die Kompetenzen gewachsen sind, kann sich eine Einrichtung an Live-Tools wie Chats  und Online-Konferenzen wagen.

Wie Ludger Brenner erwähnt wäre es wünschenswert, wenn die öffentliche Hand die Social Media-Kompetenzen von  gemeinnützigen Trägern fördern würde.  Das capacity-building des Dritten Sektors sollte für den Staat ein wichtiges Thema sein,  denn die Bürgergesellschaft braucht starke und kompetente Nonprofit-Organisationen, die zum Austausch mit ihrer Umwelt in der Lage sind. Von einer schwachen zivilgesellschaftlichen Infrastruktur kann unsere Demokratie nicht profitieren. (Vgl. hierzu die britischen capacity builders und ICT Champions).

Nonprofit-PR in der Defensive: “Verhüllung” statt Transparenz

Spricht man gemeinnützige Sozialeinrichtungen auf kommunaler Ebene auf die Möglichkeiten von Social Media an, so erhält man oft die Antwort: weshalb sollten wir bloggen oder twittern, – wer interessiert sich schon für unsere Themen und unsere Klientel? Auch im Sozialsektor gibt es Moden, das heißt Themen, die besser gehen als andere. Speziell von Nonprofits, die mit einer “randständigen” Klientel zu tun haben – seien es Drogenabhängige oder verhaltensauffällige Jugendliche – kommt dieses Feedback, niemand interessiere sich für die eigene Arbeit und auch Förderer finde man nicht, die seien längst zu jenen sozialpolitischen Feldern weiter gezogen, die populärer sind und den Unterstützern mehr Publicity verschaffen.

Aber nicht nur Nonprofits mit schwieriger Klientel,  – auch viele ganz gewöhnliche Sozialeinrichtungen, die in der Altenhilfe oder der Mainstream-Jugendarbeit aktiv sind, tun sich schwer mit Social Media. Die Idee, in einen Dialog mit der Umwelt zu treten und offener über die eigene Organisation zu berichten, löst in vielen Einrichtungen Ängste aus: was ist, wenn man  öffentlichen Geldgebern,  örtlichen Politikern oder Vereinsmitgliedern mit einem ungefilterten Text vor den Kopf stößt? Welche Folgen kann das haben? Carsten Tesch, der wie ich auf einer Tagung der evangelischen Fachhochschule Darmstadt einen Workshop hielt, spricht von einer “PR der Verhüllung” statt einer “PR der Praxis” und der Transparenz, die in vielen Sozialeinrichtungen dominiere. Regional herrsche eine Öffentlichkeitsarbeit der Spatenstiche, der Scheckübergaben und  der Tage der offenen Tür vor. Was ungesagt bliebe, sind all die wertvollen Geschichten und Erfahrungen aus dem Alltag der Pflege und der Sozialarbeit.

Die Fähigkeit zu erzählen nimmt in dem Maße ab, wie das Schicksal eines Menschen entwertet wird, so wurde vor kurzem Walter Benjamin in der SZ zitiert. Bezogen auf Sozialeinrichtungen könnte man formulieren:  ihre Fähigkeit, offen aus der Praxis zu erzählen, hat in dem Maße abgenommen, wie sie sich und ihre Arbeit entwertet fühlen verglichen mit anderen Sektoren in der Gesellschaft.

Insbesondere im Vergleich mit der Wirtschaft, in den sich Nonprofits durch ihre Ökonomisierung drängen ließen, schneiden Sozialeinrichtungen im Hinblick auf Effizienz und Effektivität schlecht ab. Statt offensiv auf die Besonderheiten sozialer Dienstleistungen hinzuweisen und den Schulterschluss mit ihren Unterstützern aus der Bürgergesellschaft zu suchen, hat die freie Wohlfahrtspflege vor ihrer Verbetriebswirtschaftlichung kapituliert, – ja sie häufig  sogar zu ihrem Ziel erklärt.  Ein strategischer Fehler, der die gemeinnützigen Träger ihrer Glaubwürdigkeit beraubt und sie von ihren weltanschaulichen/spirituellen Wurzeln und Quellen entfernt. Wer im Sozial- und Pflegesektor die eigene Arbeit durch die Brille von Effizienz und Effektivität betrachtet, wird zwangsläufig  irgendwann Minderwertigkeitsgefühle entwickeln, weil die eigene Arbeit an Grenzen stößt, die durch geringe Budgets und den Kooperationswillen der Klienten gesetzt sind. Es gibt eben nicht nur erfolgreiche Geschichten im Sozialsektor, sondern auch solche, die vom Scheitern und Versagen, von Konflikten, Ausstieg und Tod erzählen. So lange für diese Art von Geschichten kein Platz an der Öffentlichkeit ist, so lange  werden Nonprofits sie nicht erzählen, sondern sie verhüllen und verstecken. Wenn von Politik und Teilen der Gesellschaft allein Effizienz und Effektivität beklatscht werden, dann werden sich Nonprofits auch noch langfristig schwer tun, mit Social Media aus der Praxis der Sozialarbeit zu berichten.

Sozialeinrichtungen können sich aus der vertrackten Situation, in die sie sich in den letzten Jahren hinein manövriert haben, – aus ihrem Sinn- und Zielvakuum und ihrer Defensivposition- , selbst nur schwerlich befreien. Besser kann ein Self-Empowerment der freien Wohlfahrtspflege gelingen, wenn Sozialeinrichtungen von ihren Unterstützer-Netzwerken Hilfe erfahren. Dies ist ein wichtiger Gedanke:  wenn es darum geht, den gemeinnützigen Sektor zu stärken, sollten politische Konzepte immer auch das Netzwerk von Nonprofits in den Empowerment-Prozess mit einbeziehen. Die Organisationen dürfen nicht als singuläre Institutionen gedacht, sondern sollten immer im Zusammenhang mit ihren Stakeholdern betrachtet werden.

Für Sozialeinrichtungen ist insbesondere die Anbindung an die Bürgerschaft und an ihre Förderer/Unterstützer von großer Bedeutung. Nur im Diskurs und der Kooperation mit bürgerschaftlichen Kräften können Nonprofits Wege aus der Ökonomisierungsfalle heraus entwerfen und Ziele wie Solidarität, Integration, Dialog und Demokratisierung usw. neu beleben oder aufnehmen.  Um die Unterstützung der Bürgergesellschaft für das eigenen Empowerment ausschöpfen zu können, müssen die bürgerschaftlichen Kräfte in Nonprofits mehr Handlungsspielräume erhalten. Nonprofits sollten sich also daran machen, das bürgerschaftliche Engagement für und in gemeinnützigen Organisationen zu stärken und zu fördern, – und zwar über die Sonntagsreden hinaus, im Rahmen eines realen Machtzuwachses für jene, die freie Träger unterstützen und fördern. So entstehen Verbündete, die Nonprofits neue Wege abseits der Ökonomisierung ebnen können.

Dies gilt auch für den Bereich der Kommunikation bzw. für den Social Media-Einsatz von Nonprofits: mit einem starken Bürger- und Unterstützernetzwerk im Rücken lassen sich manche Geschichten öffentlich leichter erzählen als ohne ein solches Netzwerk. Bürger können bei  Nonprofits die Rolle digitaler Mentoren spielen und ihnen helfen, sich nach außen hin zu öffnen.  Von bürgerschaftlicher Seite darf dabei nicht nachgelassen werden, mehr Transparenz von gemeinnützigen Organisationen einzufordern. Denn Intransparenz, eine PR der “Verhüllung”, mangelnde Dialogbereitschaft, hierarchische Steuerung,  fortschreitende Ökonomisierung  usw. werden langfristig die Legitimation des Dritten Sektors zerstören. Wie  Carsten Tesch in seiner Präsentation ausführt: das kleine ‘g’ für gemeinnützig bei den gGmbHs muss den ganzen Unterschied zum privatwirtschaftlichen Sektor hin ausmachen. Es ist fraglich, ob das kleine  ‘g’ die Legitimation des Dritten Sektors stützen kann, wenn  ansonsten in den Einrichtungen der Unterschied zwischen der Privatwirtschaft und gemeinnützigen Trägern verschwimmt.

Rationaler Spenden – Neues aus der Online-Fundraising-Welt und wie Nonprofits darauf reagieren sollten

Die gemeinnützige Fundraising-Plattform Philanthropedia, seit kurzem online, zielt auf  ’smart giving’:

Spendenwillige finden auf der Seite vier Fonds vor (Klimawandel, Bildung, Mikrofinanz und Obdachlosigkeit), die von Experten zusammengestellt wurden. Diese Fonds umfassen ausgewählte Nonprofit-Organisationen, die nach Ansicht der Experten zu den effektivsten in ihrem Arbeitsfeld gehören. So dass der Spender, wenn er sich für einen Fond entscheidet, die Überzeugung vermittelt bekommt, seinen finanziellen Beitrag so nutzbringend wie möglich angelegt zu haben.

Im Fond ‘Klimawandel’ sind bspw. 15 NPOs zusammengestellt, die entsprechend ihrem Anteil bzw. der Beurteilung ihrer Effektivität von den Spenden profitieren.  139 (unbezahlte) Experten aus Stiftungen, der Wissenschaft, von NPOs und anderen Einrichtungen haben diesen Fond zusammengestellt. Die Plattform ist sehr transparent, wenn es darum geht, sämtliche beteiligten Experten zu benennen. Intransparent bleiben die Effektivitätskriterien, die die Experten an NPOs anlegen. Letztlich kann jeder Experte seine eigenen Kriterien einbringen (s. die FAQs).

Finanziert wird die Plattform von der  Hewlett Foundation (s. hier), die gerade erst einen Bericht über den aktuellen Stand der Online Philanthropie veröffentlicht hat (via Philanthropy 2173). Darin wird moniert, dass von den bestehenden 55  Online-Fundraising Plattformen (hautsächlich aus dem angloamerikanischen Bereich) die wenigsten fundierte Informationen über die Effektivität der gelisteten Nonprofits bieten. Von den 10 am häufigsten genutzten Plattformen schneidet dem Bericht zufolge Kiva am besten ab, wenn es darum geht, Spendenwillige mit Leistungs- und Finanzdaten der angebotenen Projekte zu versorgen.

Die Gründung von Philanthropedia ist eine Antwort auf den Trend,  Spendenwillige mit mehr Informationen für ihre  Spendenentscheidung auszustatten. Wer nicht von vornherein auf eine bestimmte NPO oder ein spezifisches  Projekt festgelegt ist, wer eher Problemfeld-orientiert ist und Hilfe bei der Auswahl von Organisationen braucht, für den ist die Vorauswahl von NPOs im Rahmen themenbezogener Fonds durch Experten sicher sehr attraktiv. Dieses Vorgehen suggeriert dem Spender- ob berechtigt oder nicht – dass seine Spendenentscheidung so rational wie möglich gefällt wird.

Im Vergleich zu Philanthropedia sind die meisten herkömmlichen Spenden-Plattformen unübersichtliche Märkte, in denen sich der Spender angesichts der Zahl der angebotenen Hilfsprojekte nur schwer zurechtfindet. Einige Plattformen (wie z.B. betterplace) setzen deshalb auf persönliche Empfehlungen als Auswahlhilfe für Spendenwillige: Fürsprecher empfehlen online Projekte der Plattform, Besucher berichten von ihren Erfahrungen vor Ort. Philanthropedia setzt dagegen auf Expertenwissen als Auswahlhilfe – zwei unterschiedliche Konzepte, die sicher jeweils  ihre Unterstützer finden und erfolgreich sein werden.

Vor dem Hintergrund der Entwicklung des smart giving bzw. des aufgeklärten Spendens stellt sich die Frage, wie hiesige Nonprofits darauf reagieren sollten:

  • Mit mehr Transparenz hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit und ihrer Leistungsbilanz. Transparenz zahlt sich aus, weil sie signalisiert, dass man Unterstützer ernst nimmt. Vielleicht sind für intransparente NPOs die Nachteile im Moment noch nicht spürbar, so dass es keinen Anreiz gibt, das eigene Organisationsverhalten zu ändern. Wenn neue Spender-Generationen die alten Jahrgänge ablösen, wird Transparenz aber einen viel höheren Stellenwert besitzen als sich dies viele NPOs heute vorstellen können.
  • Mit Zusammenschlüssen bzw. Fundraising-Partnerschaften. Was Philanthropedia anbietet, können NPOs auch selbst: Netzwerke aus Organisationen bilden, die sich gemeinsam in einem Politikfeld engagieren und ihre Expertise bündeln, um für Spender (”Kunden”) ein attraktives Spenden-Angebot machen zu können. Statt mit externen Experten und über das Entscheidungskriterium “Expertenwissen” würde eine solche Partnerschaft auf  “Kooperation” als Kriterium setzen, anhand dessen Spendern die Auswahl aus unterschiedlichen Angeboten erleichtert werden soll.
    Die an einer Partnerschaft beteiligten Organisationen blieben formal unabhängig und erhielten  die Spendengelder entsprechend einem intern verabredeten Schlüssel. Gleichzeitig würden sie die Bereitschaft zusichern,  ihr Wissen und ihre Kampagnen zu bündeln oder – noch weitergehend – ein abgestimmtes Leistungsangebot vorzuhalten.

Als Beispiel einer Fundraising-Partnerschaft kann die gemeinnützige Aktion Deutschland hilft gelten, bei der 18 Hilfsorganisationen ihren humanitären Einsatz im Katastrophenfall untereinander koordinieren.

Der Vorteil für die NPOs einer Fundraising-Partnerschaft liegt u.a. darin, dass sie auf Plattformen mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen könnten. Ich vertrete schon lange die Ansicht, dass Organisationsstrategien, die auf Wettbewerb zielen statt auf Kooperation, speziell für mittlere und kleine NPOs eine Sackgasse sind.

In der oben erwähnten Studie wird aufgezeigt,  dass von den 53 Mio. Nutzern, die Online-Fundraising-Plattformen ansteuern, 80% die 10 beliebtesten Plattformen besuchen. Die restlichen 20% der Nutzer verteilen sich auf die 45 weiteren Plattformen, die untersucht wurden.  Es ist also sehr schwierig, im Netz die Aufmerksamkeit für das eigene Anliegen zu gewinnen, wenn man nicht auf den beliebtesten Plattformen vertreten ist. Und auch dort konkurriert eine NPO mit tausenden Projekten. Das  Motto “Allein gegen alle”, dem sehr viele im Nonprofit-Sektor anhängen , können sich höchstens die großen, weltumspannenden gemeinnützigen Organisationen erlauben. Und auch diese stehen tagtäglich im Wettbewerb auf dem Sozialmarkt. Und können durch Spendenkonzepte wie das von Philanthropedia, das sich auf die Effektivität von Organisationen konzentriert und nicht auf deren Größe oder  Namen, von ihrem Platz verdrängt werden.

Die Zukunft ist offen und niemand im Nonprofit-Sektor kann sich auf dem Staus quo ausruhen. Es ist im Detail noch nicht absehbar, wie sich das Online-Fundraising und die Konkurrenz auf und zwischen den Fundraising-Plattformen  auf NPOs auswirken wird. Noch haben viele gemeinnützige Einrichtungen das Internet als Fundraising-Kanal gar nicht für sich entdeckt: einer amerikanischen Studie zufolge halten bspw.  fast 70% von 200 befragten NPO-Geschäftsführern die traditionellen Fundraising-Kanäle überzeugender als das Internet.

Sobald jedoch das Online-Fundraising für Organisationen zum Standard gehören wird, werden auch die Plattform-Angebote sprunghaft zunehmen, die als Intermediäre darauf abzielen, für  Spender die Online-Fundraising-Märkte überschaubarer zu machen. Transparenz  auf Seiten der Nonprofit-Organisationen wird dabei eine sehr große Rolle spielen, weil Effektivität als Auswahlkriterium für Spender an Bedeutung gewinnt. Mehr Effektivität können gemeinnützige Organisationen  über Produktions- und Fundraising-Netzwerke erzielen. Der Pool an verfügbaren Ressourcen und damit auch die Handlungsmöglichkeiten für gemeinnützige Träger nehmen durch Netzwerke zu.

In Zukunft wird Fundraising dialogischer, partizipativer, transparenter sein und verstärkt in Netzwerken stattfinden. Ich denke, das sind die Grundlinien, die sich heute schon abzeichnen (vgl. hier).

Das Internet – glorifizieren, verdammen oder einfach sinnvoll nutzen?

Für viele Nonprofits sind die Diskussionen über den Einsatz von Social Media in gemeinnützigen Organisationen schon viel zu spezialisiert und fortgeschritten. Sie stehen immer noch an dem Punkt, an dem es zu entscheiden gilt, ob ihre Organisation sich überhaupt stärker im Netz engagieren sollte oder nicht. Diese Frage ist für sie noch längst nicht beantwortet.

Gerade im Nonprofit-Sektor gibt es viele Menschen, die aufgrund ihrer klaren ethischen Vorstellungen das Internet für eine Gefahr halten und ihm kritisch gegenüber stehen, – siehe hierzu auch den Beitrag meines Blogger-Kollegen Günter Bressau .  Es herrscht bei den Kritikern die Überzeugung vor, dass die Anonymität des Netzes und die unbeschränkten Publikationsmöglichkeiten  die Verantwortungslosigkeit  und  Unzivilität in der Gesellschaft fördern. Zudem binde das Internet zeitliche Kapazitäten, die für Aktionen in der realen Welt nicht mehr zur Verfügung stehen: “Wer im Internet ist, kann nicht gleichzeitig den Spaten in die Hand nehmen, um ein Klettergerüst zu bauen” (Konrad Hummel, pdf S. 6)). Auch der Machtverlust hierarchischer und repräsentativer Strukturen bringe nicht nur Gutes mit sich.   In dem verlinkten Protokoll des Arbeitskreises Bürgergesellschaft und Aktivierender Staat (via BBE-Newsletter) können die Argumente nachgelesen werde, die das Pro- und Contra des Netzengagements von NPOs und Bürgern ausloten.

Wenn man über den Nutzen des Internets für NPOs diskutiert, muss man aufpassen, dass man – unabhängig von der eigenen Begeisterung oder Skepsis – nicht deterministisch argumentiert und der Internet-Technologie  Automatismen – hin zum Guten oder zum Schlechten – unterstellt, die es so nicht gibt. Das Internet ist nur ein Instrument – entscheidend bleibt, was  Bürger und Institutionen daraus machen.

Der  instrumentelle Charakter des Internets wird aber zu häufig nicht ausreichend betont. Speziell die öffentliche Diskussion über das Netz in unserem Land zerfällt in zwei Lager, die sich unversöhnlich gegenüber stehen. Auf der einen Seite sind die Internet-Skeptizisten, die die Gefahren des Internets betonen, auf der anderen Seite die Internet-Euphoriker, die überzeugt davon sind, dass die Publikations- und Mitmachmöglichkeiten des Web 2.0 zu mehr Demokratie, mehr Bildungschancen und Emanzipationsmöglichkeiten führen werden.

Mundo Yang kritisiert in einem Aufsatz für das Online-Journal kommunikation@gesellschaft diese polarisierte Diskussion,  die davon ausgeht, dass “das Internet” zwangsläufig und ganz automatisch die befürchteten negativen oder die erhofften positiven Folgen für die Gesellschaft haben wird.  Beide Positionen vernachlässigen die Bedeutung des Handelns von Akteuren, – es spielt für das, was aufgrund der technischen Entwicklung ohnehin eintreffen wird, keine wichtige Rolle.

Yang macht allerdings wenig Hoffnung, dass diese unergiebige Form der Debatte über das Internet irgendwann zu einem Ende kommen wird. Und zwar deshalb nicht, weil jede Seite für ihre Argumente empirische Beispiele im Netz findet. Auch Yang zeigt anhand einer Untersuchung des Diskurses über Genfood im Internet und in Printmedien,  dass sich sowohl die Argumente der Internetbefürworter als auch der -gegner bestätigen lassen. Die Forschungsergebnisse, auf die er sich bezieht, zeigen: “Die Stimme der Zivilgesellschaft und ressourcenschwacher Akteure ist im Internet tatsächlich etwas stärker im Vergleich zu den Printmedien” (Yang, S. 4). Ein Ergebnis, das die Internet-Euphoriker freut. Gleichzeitig reproduziert der untersuchte Internetdiskurs aber jene Machtstrukturen, die auch offline herrschen: d.h. es werden im Internet bezüglich Genfood dieselben Aspekte behandelt und dieselben Akteure für wichtig gehalten, wie in den Printmedien. Und schließlich zeigt der untersuchte Fall, dass die Debatte auch im Internet von Experten geführt wird, so dass sich die Schere zwischen jenen, die partizipieren und jenen, die in öffentlichen Dingen sprachlos sind, noch weiter öffnet. Beide Ergebnisse stärken die Position der Internet-Kritiker.

Konstruktiver als eine polarisierende Debatte über das Internet wäre es, sich stärker mit den konkreten Internetanwendungen zu befassen und zu fragen, welches Handeln online Mehrwert für die Gesellschaft und für Individuen produziert und welches nicht.  Es kommt – wie oben erwähnt – darauf an, was die unterschiedlichen Akteure aus den Bildungs-, Partizipations – und Vernetzungschancen des Netzes machen und was sie nicht daraus machen. Oder wie es die Süddeutsche Zeitung im Hinblick auf das Internet formuliert: “Wissen ist heute – genau wie Verblödung- gratis und dezentral zu jeder Tages- und Nachtzeit zu haben ” (Boie, 16.11.09).

Es müsste auch Aufgabe von zivilgesellschaftlichen Organisationen sein, über diese Fragen nachzudenken. Denn das Internet ist ein neuer öffentlicher Raum, in dem Macht und Handlungschancen verteilt werden. Wer sich am Mitmach-Internet nicht beteiligt, verabschiedet sich von vielen Gestaltungsmöglichkeiten – nicht nur für sich selbst, sondern auch für die eigene Klientel.  Für mich wäre es nicht zu weit hergeholt, wenn das Thema ‘Internet’ in das Angebot auch von sozialen Organisationen integriert würde. Denn es sollte doch darum gehen, Menschen nicht nur zu versorgen und zu pflegen, sondern ihnen auch Mitgestaltungschancen als Bürger zu vermitteln. Entsprechende Empowerment-Projekte gibt es im Sozialbereich. Aber die Frage ist, inwieweit sie das Internet als Handlungs- und Vernetzungsraum mit integrieren. Welche Potentiale das Internet Individuen – und besonders immobilen oder körperlich beeinträchtigten Menschen bietet – zeigt eine Beitragsreihe bei den Blogpatenschaften, bei der speziell der Beitrag von Heiko Kunert – er ist blind – herausragt.

Wir stehen erst am Anfang einer Debatte. Die Chancen von Social Media für den gemeinnützigen Sektor und für die Bürgergesellschaft  sind erkennbar und auch empirisch erfahrbar. Wie sich die Dinge im einzelnen entwickeln werden – wo Probleme auftauchen und Hoffnungen stranden werden – wird sich im Verlauf der Anwendung von Social Media im zivilgesellschaftlichen Sektor noch zeigen.

Wer am Nachdenken über entsprechende Fragen interessiert ist, den lade ich – auch im Namen meiner Host-Kollegen von der Nonprofit-Blogparade - herzlich in die neu gegründete Xing-Gruppe Zivilgesellschaft und Internet ein. Sie richtet sich an Akteure aus  zivilgesellschaftlichen Organisationen, aus Staat und Wirtschaft, die mit dem Thema ‘Bürgergesellschaft’ befasst sind und natürlich an alle, die ihr Wissen über das Internet bzw. über Social Media in den gemeinnützigen Bereich und in die Diskussion einbringen wollen. Wir hoffen, dass mit dieser Gruppe ein Ort entsteht, in dem sachkundig über die Chancen und Probleme des Internets für den zivilgesellschaftlichen Bereich diskutiert werden kann. Die Relevanz der Gruppe wird vom Engagement ihrer Mitglieder abhängen.

Grundlagen einer Social Media-Strategie von gemeinnützigen Organisationen

In der 12. Runde der NPO-Blogparade fragt Katrin Kiefer von netzwerkPR: “Welche Schritte müssen NPOs intern vollziehen, um Social Media erfolgreich einsetzen zu können?”

Social Media ermöglichen den Dialog und die Vernetzung mit den Stakeholdern. Aber wie Katrin Kiefer richtig feststellt, werden diese Potentiale des Mitmach-Internets von vielen Nonprofits noch nicht ausgeschöpft. Häufig folgen die Web 2.0-Aktivitäten von gemeinnützigen Organisationen der Logik des Monologs: Nonprofits treten als Sender auf und verbreiten ihre Botschaft. Wie der Empfänger darauf reagiert, interessiert nicht. Insbesondere an vielen Twitteraccounts von gemeinnützigen Trägern wird diese monologische Herangehensweise an Social Media sichtbar.

Der Wille, sich mit anderen Organisationen und Individuen über das Internet oder in der realen Welt zu vernetzen, entsteht dann, wenn

  • eine Organisation das Ausmaß ihrer eigenen Ressourcenabhängigkeit kennt
  • sie ihre Ressourcenquellen ausweiten und diversifizieren möchte
  • und sie den internen und externen Akteuren zutraut, als potentielle Ressourcenquellen in Frage zu kommen. Oder anders formuliert: wenn Stakeholder nicht als bedrohlich oder vernachlässigbar wahrgenommen werden, sondern als Chance.

Nun kennen gemeinnützige Organisationen ihre Abhängigkeit von monetären Ressourcen sehr gut – die Klagen über ihre finanzielle Notlage kann man beinahe täglich lesen oder hören.  Ganz anders sieht die Sache jedoch aus, wenn es um nicht-monetäre Ressourcen für den Nonprofit-Sektor geht. Wie sehr vermissen gemeinnützige Organisationen Ideen, empirisches Wissen und Vorschläge aus der Bürgerschaft? Wie sehr  wünschen sie sich Stakeholder, die sich aktiv einbringen und partizipieren? Der Wunsch nach Vernetzung und nach einem Ressourcenaustausch mit anderen entsteht erst, wenn man als Organisation die eigenen Schwächen, den eigenen Mangel  und die eigenen Grenzen kennt, – und zwar auch jene, die über den finanziellen Bereich hinausgehen.

Für viele Nonprofits ist in erster Linie der eigene Finanzbedarf die wichtigste Ressourcenabhängigkeit, die gesehen wird. Und der Staat ist für die Träger sozialer Dienste die wichtigste Ressourcenquelle, – rund zwei Drittel ihrer Einnahmen kommen von hier, nur etwa 4% von privater Seite über Spenden.

Die Frage ist, ob gemeinnützige Organisationen eine Ausweitung und Diversifizierung ihrer Ressourcenquellen ernsthaft anstreben oder ob man sich im bestehenden System nicht gut eingerichtet hat? Zwar wird der Staat seine prominente Rolle als Finanzier im Sozialbereich nie verlieren können und dürfen, aber mehr Ressourcen aus dem gesellschaftlichen Sektor wären für gemeinnützige Organisationen sicher nützlich.

Ob man sich allerdings als Organisation mit bestehenden und neuen Stakeholdern enger vernetzt und den Ressourcenaustausch intensiviert, hängt auch damit zusammen, ob  man den Menschen und Einrichtungen, die einen umgeben, überhaupt zutraut, eine relevante Ressourcenquelle zu sein – verglichen mit so potenten Akteuren wie dem Staat. Was kann eine gemeinnützige Organisation von ihren Ehrenamtlichen, von Klienten, Angehörigen, von Bürgern und von den anderen Nonprofits ihrer Gemeinde erwarten? Nur wenn eine Organisation von der Bedeutung der Ressourcen, die ihre Stakeholder bieten, überzeugt ist und sie wertschätzt, wird sie an einem engeren Austausch und an einer engeren Vernetzung interessiert sein.

Um auf die Frage von Katrin Kiefer nach den internen Schritten zurückzukommen, die NPOs unternehmen müssen, um Social Media erfolgreich einsetzen zu können:

Es ist sinnvoll, wenn Nonprofits ein internes Ressourcenassessment vornehmen, um die eigene Ressourcenabhängigkeit und die eigenen Ressourcenquellen zu analysieren. Die Abhängigkeit von wenigen Ressourcengebern deutet auf eine mangelhafte Vernetzung einer Organisation hin bzw. auf Defizite im Bereich soziales Kapital. Die Analyse der eigenen Abhängigkeit kann die Triebfeder für ein internes Programm sein, das auf den verstärkten Netzwerkaufbau – online und offline – zielt.

Auf  jeden Fall ist es sinnvoller, eine interne Social Media-Strategie an den organisationalen Bedürfnissen festzumachen, als an einem kulturellen Wandel der Organisation hin zu mehr Offenheit und Dialog. Ein kultureller Wandel braucht Zeit. Und “welches Unternehmen ändert seine Unternehmenskultur, um dann später mal twittern zu können? Der Ansatz, auf die passende Unternehmenskultur zu warten, ist (..) unrealistisch”, wie mein Blogger-Kollege Henner-Fehr schreibt.  Realistischer ist, dass die organisationale Ressourcenabhängigkeit einen adäquaten Social Media-Einsatz forciert.

Nun kann man einwenden, dass ein internes Ressourcenassessment ein hoher Aufwand ist, wenn es doch nur darum geht, einen Twitteraccount oder eine Facebook-Präsenz einzurichten. Aber wenn in einer Organisation der Social Media-Einsatz nicht organisch gewachsen ist – und das ist in den meisten etablierten NPOs nicht der Fall – dann sollte man sich dem Thema ‘Internet’ strategisch nähern. Und das eigene Social Media-Engagement auf ein gutes inhaltliches Fundament stellen. Nur auf dieser Basis wird das Engagement dauerhaft sein und den eigenen Bedürfnissen, den Bedürfnissen der Stakeholder und des Mediums gerecht werden können.

Soziales Kapital und gemeinnützige Organisationen

Auf was zielen Vernetzungsversuche  von gemeinnützigen Organisationen? Geht es nur darum, Kontakte zu sammeln oder geht es um mehr? Wie in meinem letzten Blogbeitrag beschrieben,  kann die bloße Vernetzung nicht das Ziel sein, angestrebt werden muss vielmehr der Ressourcenaustausch innerhalb der Netzwerke. Wobei der Begriff  ‘Ressourcen’ keineswegs mit finanziellen Mitteln verwechselt werden darf. Denn alles, was einer Organisation (oder einem Individuum) neue Handlungsmöglichkeiten eröffnet, gilt als Ressource, die in einen Austausch eingebracht werden kann.

Dass zur Vernetzung noch der Austausch hinzukommen muss, weil erst auf diese Weise soziales Kapital entsteht, ist ein wichtiger Gedanke, wenn es darum geht, den Erfolg von Social Media- Aktivitäten zu messen. Christian Henner-Fehr deutet in einem seiner aktuellen Blogposts schon an, dass Zahlen über Twitter-Follower, Facebook-Freunde oder Webseiten-Besucher möglicherweise nicht so aussagekräftig sein könnten, wie es die Anhänger quantitativer Messmethoden propagieren. Vernetzung allein kann ganz wirkungslos bleiben, wenn sie kein Handeln nach sich zieht. Auf den anzustrebenden impact von Social Media zielt auch Allison Fine ab, wenn sie schreibt, dass gemeinnützige Organisationen über “hits, clicks, and friends” hinaus denken sollten. Nonprofits müssten sich vielmehr der Frage widmen, ob und wie sie soziales Kapital aufbauen und messen können und wie überhaupt Vernetzung in Handeln münden kann.

Eine weitere Frage ist, wie eine gemeinnützige Organisation das soziale Kapital nutzt, das sie über Netzwerke aufbaut. Nutzt sie es nur für die eigenen Organisationsziele oder blickt sie bei der Nutzung über die eigene Community hinaus? Im aktuellen Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen (3/2009) stellt Sandra Seubert in ihrem Text nochmals heraus, dass soziales Kapital der Inklusion oder der Exklusion dienen kann. Im Fall einer Bürgerstiftung im Ruhrgebiet bedeutet ‘Exklusion’ : in ihr ist die lokale Elite versammelt und man bleibt unter sich, – ohne die Mitwirkung breiterer Bevölkerungsschichten oder Vertretern der Zielgruppen. Ludgera Vogt befasst sich in ihrer empirischen Studie im Forschungsjournal mit der Frage, wie es zu einem solchen Schließungsprozeß in der Bürgerstiftung kommen konnte und wie sich die soziale Schließung auf die Arbeit der Stiftung auswirkt.

Viele gemeinnützige Organisationen bilden mitsamt ihren Unterstützern, Klienten, Mitarbeitern und Webseiten solche relativ geschlossenen Communities. Diese Organisationen verfügen über soziales Kapital, das sie eng mit Gleichgesinnten verbindet. Man bezeichnet dies als ‘bonding capital’ (Putnam) . Das Sozialkapital, das Gruppen eng zusammenschweißt, ist wichtig für die alltägliche Arbeit von Nonprofits und für ihre Identität und Mission.

Und dennoch weist der Auftrag von gemeinnützigen Organisationen über den Aufbau von ‘bonding social capital’ hinaus. Ihr Auftrag muss darin liegen, Brücken zwischen Netzwerken, Gruppen, sozialen Schichten, Themenfeldern zu schaffen, um den gesellschaftlichen Mehrwert zu erhöhen.  Das ist die Aufgabe für gemeinnützige Organisationen im 21. Jahrhundert: ‘bridging capital‘ (Putnam) aufzubauen bzw. soziales Kapital, das Netzwerke miteinander verbindet und damit gesamtgesellschaftlich integrativ wirkt und nicht exkludierend.

Wer dieses normative Ziel nicht teilt, lässt sich vielleicht durch ein nutzenorientiertes Argument überzeugen: die Netzwerkforschung zeigt, dass Organisationen, die als Brücken fungieren,  strategische Vorteile gegenüber jenen haben, die sich nur auf ihre eigene Community konzentrieren. Denn natürlich erhöht das bridging social capital, über das eine gemeinnützige Einrichtung verfügt, auch ihre Zugriffsmöglichkeit auf die unterschiedlichsten Ressourcenbestände, die in den diversen Netzwerken existieren. Paarlberg/Varda (2009), deren Aufsatz ich im meinem vorherigen Blogbeitrag über ‘Vernetzung’ behandelt habe, verweisen auf die Thesen eines Forscherkollegen:  strategische Vorteile haben in einer vernetzten Welt nicht jene Organisationen, die noch mehr vernetzt sind als ihre Partner oder Konkurrenten. Strategische Vorteile haben jene Organisationen, die besser vernetzt sind, d.h. die eine Brückenfunktion ausüben und Mehrwert für sich und die Allgemeinheit schaffen können.

Es wäre an der Zeit, dass gemeinnützige Organisationen im Sozialbereich – und hier denke ich insbesondere an die großen Wohlfahrtsverbände, die den Sektor dominieren -  sich die Vernetzung und den Aufbau von  sozialem Kapital, das Brücken schlägt,  auf die Fahnen schreiben.  Es gibt so viele Möglichkeiten für  Vernetzungsprojekte, offline und im Internet. Das Beispiel von Talk2Croyden, einer britischen lokalen Plattform, die Bürger, NPOs und die Lokalverwaltung vernetzt mit dem Ziel, mehr Bürgerbeteiligung und Dialog zu schaffen zeigt, was man vor Ort alles machen könnte. Man muss es nur wollen. Aber der Glaube der Wohlfahrtsorganisationen an die eigene Webseite, die eigene Fundraising-Plattform, die eigene Spender- und Projektdatenbank ist ungebrochen. Obwohl das Zusammenführen von Daten und die Vernetzung von Interessierten über Organisations – und Netzwerkgrenzen hinweg das Gebot der Stunde wäre.

Vernetzung als Chance für gemeinnützige Organisationen

In Zeiten von Wirtschaftskrise und kommunaler Sparhaushalte sorgen sich gemeinnützige Organisationen um ihre Budgets. In der Regel wird ein linearer Zusammenhang zwischen den zur Verfügung stehenden Ressourcen und der Größe und Vitalität des Nonprofit-Sektors gezogen. Die Netzwerkforschung zeigt jedoch, dass es nicht so sehr auf den Ressourcenbestand ankommt, über den der Nonprofit-Sektor verfügt, sondern darauf, ob Ressourcen zwischen Organisationen ausgetauscht werden (Paarlberg/Varda 2009). Durch den Ressourcenaustausch erweitern Nonprofits ihre Handlungsoptionen, weil sie auf einen größeren Pool an Ressourcen zugreifen können, als wenn sie ausschliesslich über ihre eigenen Mittel und Möglichkeiten verfügen können.

Existieren in den Gemeinden Netzwerke zwischen gemeinnützigen Einrichtungen, örtlichen Institutionen und Bürgern, in denen Informationen und Wissen ausgetauscht, Kompetenzen und Ressourcen gebündelt und gemeinsame Projekte initiiert und umgesetzt werden?

Wie wichtig der Ressourcenaustausch zwischen Organisationen ist, zeigen Paarlberg/Varda zufolge auch die Beispiele der High-Tech-Gründerzentren Silicon Valley und Route 128: beide verfügten anfangs über eine ähnliche Ressourcenausstattung. Aber während das Silicon Valley aufgrund des hier existierenden Ressourcenaustausches zwischen Organisationen schnell prosperierte, hinkte das Projekt Route 128 in Boston hinterher. Die dort herrschende ‘Geheimhaltungskultur’ und die Selbstbezogenheit der Organisationen verhinderten einen regen wechselseitigen Austausch.

Wo Menschen der Zugang zu sozialen Diensten fehlt oder dieser Zugang erschwert ist, muss es sich laut Paarlberg/Varda nicht  unbedingt um eine arme Gebietskörperschaft handeln. Der Mangel kann auch daran liegen, dass in der Kommune die gemeinnützigen Anbieter untereinander zu wenig im Austausch stehen bzw. sie ihre wechselseitigen Beziehungen nur mangelhaft steuern.

Wenn speziell der Austausch von Ressourcen einen Mehrwert schafft, dann rücken Beziehungen zwischen Tauschpartnern in den Vordergrund. Es geht dann darum, kommunale Netzwerke aufzubauen, die durch Wechselseitigkeit, Stabilität und Vertrauen gekennzeichnet sind. Aber viele Verantwortliche im Nonprofit-Sektor betrachten ihre Organisation als Solitär und  investieren zu wenig in den Netzwerkaufbau (über ihr eigenes Milieu hinaus), weil sie noch daran glauben, den Weg alleine gehen zu können. Dass durch mangelhafte Kooperation langfristig nicht nur ihre Organisation Schaden nimmt, sondern der gesamte Dritte Sektor einer Stadt und das Gemeinwesen als Ganzes, ficht sie nicht an.  Zu groß  sind ihre Bedenken, wenn es um eine Öffnung nach außen geht, zu wenig wird von einer Kooperation erwartet. Letzteres kommt zum Teil daher, dass manche Kooperations- und Vernetzungsprojekte nicht wirklich soziales Kapital schaffen. Denn dieses entsteht nicht automatisch durch gemeinsame Sitzungen, sondern nur, wenn man Ressourcen aktiv untereinander teilt.

Netzwerke für den Ressourcenaustausch sind lebensnotwendig für gemeinnützige Träger, wenn sie wachsen, gedeihen und effektiv sein wollen. Netzwerke bilden das soziale Kapital von Nonprofit-Organisationen, weil sie über Netzwerke Ressourcen akquirieren können.

Die Netzwerk-Perspektive bildet laut Michael C.  Gilbert vom Nonprofit Online News – Blog  den neuen “frame of reference” für gemeinnützige Organisationen. Nimmt man die Welt aus der Netzwerk-Perspektive wahr, dann sieht man auch Spender oder freiwillige Helfer nicht als isolierte Wesen, die mit einer Nonprofit-Einrichtung Verbindung aufnehmen. Sondern man sieht sie ebenfalls als Teil von Netzwerken. Was bedeutet, dass man als Nonprofit-Organisation Spender und Freiwillige nicht nur über Einzelwerbung und -ansprache erreichen kann, sondern auch über die eigene Vernetzung mit anderen Institutionen.

Das Internet ist eine große Hilfe, wenn Vernetzung angestrebt wird. Man kann sich hier nicht nur mit anderen direkt verbinden, sondern – wie im Fall von Xing oder Twitter – auch (indirekt) auf die Netzwerke anderer zugreifen. Allerdings bringt die Vernetzung allein noch keinen Mehrwert. Soziales Kapital entsteht erst – wie oben erwähnt – durch den Austausch und das Teilen von Ressourcen.

Chancen der webbasierten Kartierung für soziale Dienste und sozial engagierte Bürger

Nachdem Christian Kreutz von crisscrossed.net hier einen Gastbeitrag über die Kartierung durch Bürger und Nonprofits im Internet schrieb, habe ich das Thema auf dem Socialcamp Berlin ‘09 in einer gemeinsamen Session mit Georg Neumann von Transparency International nochmals aufgegriffen.

Mein Part war es, die Potentiale von Geoinformationssystemen (GIS) bzw. von webbasierten Karten speziell für Nonprofits im Sozialbereich und für sozial engagierte Bürger aufzuzeigen: “If Pizza Hut can use GIS to figure out the best route to deliver pizza, why not use it as a tool for social justice?” (G.Mandayam).

Karten können sich zu einem wichtigen Management-Instrument für soziale Dienste entwickeln, wenn man das demographische/sozioökonomische Profil der Einwohner eines Stadtteils, ihre Problemlagen und ihre Ausstattung mit sozialer Infrastruktur visualisiert. Auf den ersten Blick werden dann unterversorgte oder fehlversorgte Viertel sichtbar und die sozialen Dienste können ihr Leistungsangebot inhaltlich und räumlich besser anpassen (vgl. Mandayam o.D.). Die Kooperation der Anbieter kann durch die Visualisierung von Daten einen Auftrieb erhalten, weil man sieht, wer im Viertel als Anbieter aktiv ist und welchen sozialen Dienst man aus anderen Vierteln hinzuziehen könnte. Ein Beispiel: HealthyCity.org bietet Karten für Los Angeles, die Bürger, NPOs und Entscheidungsträger über die soziale Infrastruktur und die demographische/gesundheitliche Verfassung der  Bevölkerung informieren (zum Projekt s. Manzo/Pitkins 2009).

Nonprofits können webbasierte Karten nutzen, um auf soziale Probleme hinzuweisen, die in der öffentlichen Diskussion vernachlässigt werden. Ein gutes Beispiel ist der Armutsatlas des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes , der im Frühjahr veröffentlicht wurde und die Armutsquoten in den einzelnen Bundesländern aufzeigt. Wie weit entwickelt die webbasierte Kartographie hier schon ist, zeigt die Seite worldmapper.com (”the world as you’ve never seen it before”) u.a. mit ihrer animierten Weltkarte über die ungleiche Einkommensverteilung.

Sind die Karten interaktiv wie bei Healthycity.org, dann können auch Bürger bzw. die Zielgruppen von gemeinnützigen Organisationen in die Kartenerstellung mit ein bezogen werden, um von deren Ortskenntnis zu profitieren.

Karten verhelfen zivilgesellschaftlichen Organisationen in Verhandlungen mit der öffentlichen Hand zu mehr Überzeugungskraft. Bisher sind Karten eine Domäne der öffentlichen Verwaltung und ihrer Spezialisten in den Planungsämtern. Nonprofits, die auf der Basis von Karten argumentieren, befinden sich stärker auf Augenhöhe mit der öffentlichen Verwaltung (vgl. Manzo/Pitkins 2009).

Noch ist die webbasierte Kartenerstellung kein Thema in den sozialen Diensten, zumindest nicht flächendeckend und nicht öffentlich sichtbar. Datenschutzgründe, fehlende Daten, nicht-öffentliche Daten, mangelnder Datenaustausch , die Unkenntnis der neuen technischen Möglichkeiten usw., – dies alles sind Gründe, die der Kartierung in den sozialen Diensten entgegenstehen.

Bürger und bürgerschaftliche Organisationen werden die Kartierung über das Internet wahrscheinlich schneller schätzen lernen, weil Karten eine gute Möglichkeit sind (aber im Zweifel auch eine sehr manipulative…), um Bürgerwissen zu sammeln und Bürger stärker zu politisieren. Bürger können durch das collaborative bzw. social mapping über ihren Status als Adressaten staatlicher Politik hinauswachsen und ihre Interessenvertretung selbst in die Hand nehmen. Über gemeinsam erstellte Karten (Bsp. green map, open street map) können grundsätzlich auch die Mängel und die Ungleichverteilung sozialer Infrastruktur in der eigenen Kommune dargestellt werden. Verfallende Schulgebäude, Kitas mit Personalmangel, verwahrloste Spielplätze usw. können von Bürgern lokalisiert und – wo notwendig -  mit Photos, Videos etc.  dokumentiert werden.

Aber nicht nur die bedürfnisorientierte Sicht, die “need”-Perspektive, die zumeist bei Nonprofits und den städtischen Akteuren im Vordergrund steht, muss in Karten ihren Ausdruck finden. Auch die Ressourcen der Bürgerschaft können kartiert werden und so einen neuen Blick auf ein Stadtviertel eröffnen.

Durch webbasierte, gemeinschaftlich erstellte Karten erhalten  Bürger die Möglichkeit, ihre Perspektive in den öffentlichen Diskurs einzubringen und durch das (bottom-up) gewonnene Wissen die (top-down) erstellten Karten bzw. Weltdeutungen der Verantwortlichen in Politik, Verwaltung und Nonprofits zu ergänzen.

Georg Neumann schilderte anschliessend in der Socialcamp-Session, wie aus der Perspektive von Transparency International bzw. der Korruptionsbekämpfung das mapping genutzt werden kann: um mehr Öffentlichkeit zu schaffen, wenn es um die Verwendung öffentlicher Gelder geht. Bürger  und gemeinnützige Organisationen können die Umsetzung staatlicher Programme und Aufträge gemeinschaftlich begleiten und überwachen. So listet bspw. die Karte The Map of Bailout Recipients der gemeinnützigen Initiative ProPublica alle amerikanischen Finanzinstitute auf , die von den staatlichen Rettungskrediten im Zuge der Finanzkrise profitieren.