Kategorie-Archiv: NPO

Führung im Dritten Sektor – welche Herausforderungen gibt es?

Mit welchen Herausforderungen sind Organisationen des Dritten Sektors konfrontiert und wie steht es um die Führungskompetenz gemeinnütziger Organisationen, Genossenschaften und Sozialunternehmen?

Zu den großen Problemen des Dritten Sektors in Europa zählen u.a. die schwierige finanzielle Situation der Sozialwirtschaft, der unsicher werdende Zugriff auf Freiwillige, der zunehmende Zwang zur Rechenschaftspflicht und zum Leistungsnachweis gegenüber den Geldgebern und die niedrigen Einkommen im Sektor selbst (siehe dazu den Blogartikel vom Dezember 2016).

Wie gut werden vom Dritten Sektor diese aktuellen Probleme bewältigt und neue Horizonte angesteuert? Es gibt nicht wenige Beobachter, die einen erheblichen Mangel an Führungskompetenz im Dritten Sektor ausmachen, so auch die beiden britischen Forscher Julie Hodges und Brian Howieson. Sie befassen sich in einem aktuellen Aufsatz vom Februar 2017 mit den „challenges of leadership in the third sector“ (in: European Management Journal 35).

Diesem Mangel an Führung kann die herrschende wissenschaftliche und praktische Managementliteratur nicht wirklich abhelfen. Denn zumeist dominieren in der Literatur hierarchische, individualisierte und psychologische Ansätze, die unterschätzen, dass Dritte Sektor-Organisationen zumeist mit vernetzten, kollaborativen Strukturen konfrontiert sind und mit Beteiligungswünschen seitens der Stakeholder. Auch werden europäische Verhältnisse vernachlässigt, weil ein Großteil der Literatur von amerikanischen Autoren geprägt ist. Ebenso ist die Übernahme erfolgreicher Methoden aus der Privatwirtschaft bzw. das verbreitete „copy and paste“ von Techniken aus dem privatwirtschaftlichen in den gemeinnützigen Bereich den Autoren zufolge kein wirklich gangbarer Weg für Nonprofits. Denn auch diese Techniken tragen der spezifischen Situation des Dritten Sektors nicht wirklich Rechnung (Hodges/Howieson, S. 70).

Was aber macht gute Führung im Dritten Sektor aus? Hodges und Howieson haben dazu Führungskräfte aus dem Dritten Sektor befragt. Den Praktikern zufolge ist gute Führung nicht so sehr ein Wissensbestand oder eine Qualifikation als vielmehr eine Herangehensweise. Diese setzt nicht darauf, die richtigen Antworten zu wissen, sondern die richtigen Fragen zu stellen. Sie will die Reputation und Vision einer Organisation erhalten, ethische Standards nicht verletzen, Menschen motivieren und ein positives Arbeitsumfeld schaffen (ebd., 72f). Die persönlichen Qualitäten des Führungspersonals spielen ebenfalls eine sehr wichtige Rolle.

Und welche Herausforderungen kommen den Praktikern zufolge auf die Führungsebenen im Dritten Sektor zu?

  • Finanzielle Einbrüche und Schieflagen müssen durch neue Geschäftsmodelle aufgefangen werden, die partizipativer und kollaborativer aufgestellt sind, als dies in der Vergangenheit der Fall war
  • Die gute Zusammenarbeit mit anderen Akteuren über Sektorengrenzen hinweg muss eingeübt werden
  • Im Dritten Sektor muss ein innovationsfreundliches Klima geschaffen werden. Derzeit ist dieses nicht überall vorhanden, so dass es erheblich an neuen Ideen fehlt. Intrapreneure sollten unterstützt werden: „there is a need to liberate innovators“ (Hodges/Howieson , 74)
  • Es muss mehr in die Führungskompetenz der bestehenden und nachwachsenden Führungsgeneration investiert werden. Auch braucht es mehr Möglichkeiten für Partizipation
  • Die politische und gesellschaftliche  Legitimation der Dritte-Sektor-Organisationen ergibt sich durch die veränderten Verhältnisse nicht mehr automatisch, wie dies in der Vergangenheit der Fall war, sondern muss gezielt hergestellt und gefördert werden

(Hodges/Howieson, S. 73f). Die Autoren schließen aus den von ihnen geführten Gesprächen, dass es im Dritten Sektor nun darum gehen muss, massiv in Führungskompetenzen zu investieren und diese weiterzuentwickeln. Freilich muss dafür „the lack of leadership“ erst einmal im Sektor selbst anerkannt und offen diskutiert werden.

Wie steht es um diese Diskussion im deutschen Dritten Sektor? Wie es die Autoren selbst formulieren: es ist einfacher, öffentlich über Finanzierungsdefizite zu sprechen als über Führungsdefizite.

Neudefinition des „Dritten Sektors“ (Teil 2): Die Rolle des freiwilligen Engagements

Wie im letzten Blogartikel beschrieben arbeiten Forscherinnen und Forscher im Rahmen eines europäischen Projekts an einer Re-Formulierung des Konzepts des sogenannten „Dritten Sektors“.

Zum „Dritten Sektor“ sollen nun nicht mehr nur jene Organisationen zählen, die keine Gewinne erzielen dürfen („Nonprofits“), sondern auch Genossenschaften, Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit und Sozialunternehmen, sofern sie privat verfasst und freiwillig sind, öffentliche Ziele verfolgen und u.a. nicht mehr als 50% ihrer Gewinne an ihre Stakeholder verteilen. Diese inhaltliche Erweiterung macht Sinn angesichts der weiten Verbreitung von Genossenschaften speziell im Süden Europas und der Zunahme des sozialen Unternehmertums.

Die Forscher möchten nun auch das freiwillige Engagement von Bürgerinnen und Bürgern konzeptionell dem Dritten Sektor zurechnen, da Kritiker schon lange bemängeln, dass zivilgesellschaftliche Aktivitäten von Bürgerseite bisher in dem Konzept fehlten, ebenso wie Normen und Werte. Soll nun jedes freiwillige Engagement zum „Dritten Sektor“ gehören?

Salamon/Sokolowski (in VOLUNTAS, 27/4, 2016), die an dem Forschungsprojekt beteiligt sind, beginnen mit einer Definition des „freiwilligen Engagements“, die sie von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) übernehmen (S. 1538). Derzufolge ist das freiwillige Engagement

  • unbezahlt (wobei eine Aufwandsentschädigung bis zu einem gewissen Grad zulässig ist)
  • freiwillig
  • es wird im Rahmen von Organisationen oder direkt erbracht
  • die Nutznießer des Engagements gehören nicht zur eigenen Familie oder zum eigenen Haushalt

Salamon/Sokolowski grenzen sich aber in einem Punkt von der ILO-Definition ab. Ihnen zufolge kann freiwilliges Engagement, das in Organisationen geleistet wird, nur dann zum Dritten Sektor gerechnet werden, wenn es in einer Organisation erbracht wird, die ihrerseits zum Dritten Sektor bzw. zum TSE-Sektor (third sector/social ecomomy) gehört. Und staatliche/kommunale Organisationen ebenso wie for-profit-Unternehmen gehören nicht dazu. Also würde auch das folgende freiwillige Engagement nicht zum Dritten Sektor zählen:

  • das Engagement in kommunalen Einrichtungen wir bspw. im städtischen Pflegeheim oder Krankenhaus
  • das Engagement im Rahmen der staatlich geregelten oder staatlich organisierten Freiwilligendienste (FSJ, FÖJ, Internationaler Jugendfreiwilligendienst, Bundesfreiwilligendienst)
  • das Engagement im Zuge der schulischen oder universitären Ausbildung
  • das Engagement von Mitarbeitern im Rahmen der sozialen Aktivitäten von Unternehmen (corporate social responsibility)

Diese Sicht widerspricht  Ansätzen, für die der „Dritte Sektor“ und die Zivilgesellschaft deckungsgleich sind, so dass alles freiwillige Engagement auch automatisch Teil des Dritten Sektors wäre (vgl. den letzten Blogartikel).

Aber tatsächlich ist die Zivilgesellschaft doch viel größer als der Dritte Sektor und kann nicht auf diesen reduziert werden. Insofern macht die Einteilung, die die Forscher vorlegen, Sinn. Auf den ersten Blick wirkt es verwirrend, wenn gemeinnütziges Engagement im Bereich des Staates oder der gewerblichen Wirtschaft nicht zum Dritten Sektor gezählt wird, der für Gemeinnützigkeit und Solidarität steht. Auf den zweiten Blick jedoch muss man sehen, dass ziviles Verhalten in jedem Sektor beheimatet sein kann, nicht nur im Dritten Sektor, sondern auch in Markt und Staat. Zivilität wird auch hier gelebt, freiwilliges Engagement gibt es auch hier – aber eben im Rahmen anderer Strukturen: nicht denen des Dritten Sektors, sondern in einem staatlichen oder marktlichen Setting.

Die beiden Autoren selbst stellen die zivilen Potenziale von Staat und Markt aber nicht heraus. Sie sind ganz auf den Dritten Sektor fixiert. Sie möchten dessen Leistungsfähigkeit, Wirkung und Bedeutung für die europäischen Gesellschaften nachweisen. Dadurch verlieren sie Überschneidungen zwischen Markt, Staat und Drittem Sektor aus den Augen. Die Autoren betonen aus statistischen Gründen eher das Trennende und nicht das Verbindende. Dadurch gerät ihnen auch einiges durcheinander. So betonen sie bspw., dass das Engagement von Minderjähringen und Bürgern mit Lernbehinderung nicht zum Dritten Sektor zählt, weil nicht sichergestellt werden kann, ob es freiwillig erfolgt. Durch diese Exklusion von Freiwilligen werden neue Gräben aufgerissen, statt alte zugemacht.

Neudefinition des „Dritten Sektors“ (Teil 1): Welche Organisationen gehören dazu?

Was versteht man unter dem „Dritten Sektor“? Die Antworten darauf fallen weltweit ganz unterschiedlich aus und nicht einmal innerhalb eines Landes herrscht diesbezüglich eine Übereinstimmung.  Das liegt an der unglaublichen Vielfalt des Dritten Sektors und der Konzepte, sie sich mit ihm befassen.

Eine traditionelle Definition des „Dritten Sektors“, die auch in diesem Blog verwendet wird, lautet, dass zu ihm alle gemeinnützigen Organisationen zählen, die – im Unterschied zum Markt – nicht gewinnorientiert sind und – im Unterschied zum Staat – auf Freiwilligkeit basieren und deshalb einen eigenen Sektor jenseits von „Markt“ und „Staat“ bilden. Diese traditionelle Definition steht vor immer größeren Schwierigkeiten, denn was ist dann mit Genossenschaften und Versicherungsvereinen auf Gegenseitigkeit, die auf dem Markt aktiv sind, aber dennoch soziale Ziele verfolgen? Was ist mit Sozialunternehmen? Warum zählt nicht auch das individuelle freiwillige Engagement zum Dritten Sektor? Gehören wirklich nur Organisationen und nicht auch Normen und Werte zum sogenannten „Third Sector“?

Als Reaktion auf die vielen Kritiker haben sich Salamon und Sokolowski gemeinsam mit anderen Forschern im Rahmen des Third Sector Impact Project (TSI) der Europäischen Union an die Ausarbeitung einer neuen Definition des Dritten Sektors gemacht und hierfür die existierende Literatur ausgewertet, international Fachleute befragt und mit der Fach-Community diskutiert (die übrigens erstaunlich klein ist, – es fehlen viele Akteure, die hier eigentlich dabei sein sollten…).  Ihre Arbeitsergebnisse wurden nun im Sommer in der Zeitschrift Voluntas veröffentlicht (2016, Band 27, S. 1515-1545).

Die beiden Forscher starten mit einer Bestandsaufnahme, was man in den unterschiedlichen Ländern unter dem „Dritten Sektor“ versteht (S. 1525f):

  • Das engste Verständnis des Sektors hat man in Großbritannien. Hier stehen die „public charities“ im Vordergrund, – Organisationen, die ihre Wurzeln in der historischen Armenfürsorge haben
  •  Das weiteste Verständnis vom Dritten Sektors im Sinne einer „Sozialwirtschaft“, die sich durch soziales Handeln, Solidarität und Demokratie auszeichnet, existiert in frankophonen Ländern, im Süden Europas und in Lateinamerika. Hier verschwimmen die Grenzen zwischen dem Dritten Sektor und dem Markt und hier sind auch die Genossenschaften und Versicherungsvereine sehr stark
  • In Mittel- und Osteuropa versteht man unter dem „Third Sector“ die ganze Zivilgesellschaft, d.h. nicht nur Organisationen werden hier dazu gezählt, sondern auch die gemeinwohlorientierten Aktivitäten der Bürgerinnen und Bürger

Die Forscher finden aber auch drei Prinzipien heraus, die trotz vieler Unterschiede überall als Eigenschaften des „Dritten Sektors“ anerkannt sind. Demnach ist der „Dritte Sektor“ gekennzeichnet durch (S. 1528):

  • privates (d.h. nicht-staatliches) Handeln
  • die Verfolgung öffentlicher Zwecke, die über das Private und Familiäre hinausgehen
  • Freiwilligkeit

Bei den drei Prinzipien ist die Eigenschaft „Non-profit“ nicht mehr dabei. Dies eröffnet die Chance, nun auch Genossenschaften, Versicherungsvereine und Sozialunternehmen in das „Dritte Sektor“-Konzept zu integrieren, – aber nur unter bestimmten und genau definierten Voraussetzungen. Da manche Genossenschaften und Versicherungsvereine riesige Marktakteure sind und von normalen for-profit-Unternehmen nicht zu unterscheiden, da diese Organisationen auch in den nationalen Statistiken ganz klar unter der Rubrik „Wirtschaft“ geführt werden und nicht im Nonprofit-Bereich, muss die Definition, welche Organisationen zum Dritten Sektor zählen, weiter verfeinert werden.

Die Forscher schlagen als weitergehende Definition folgendes vor:

Genossenschaften, Versicherungsvereine und Sozialunternehmen gehören nur dann zum „Dritten Sektor“ mit seinen öffentlichen Zielen, wenn sie ganz oder erheblich darin eingeschränkt sind, ihre Gewinne an ihre Mitglieder, Investoren oder andere Stakeholder zu verteilen (S. 1533). Das heißt, Organisationen der Sozialwirtschaft (social economy/économie sociale) müssen die folgenden Voraussetzungen erfüllen, wenn sie zum Dritten Sektor gerechnet werden wollen (S. 1536):

  • sie brauchen eine rechtlich bindende soziale Mission
  • sie dürfen nicht mehr als 50% ihrer Gewinne an Mitglieder oder andere Stakeholder verteilen
  • der einbehaltene Gewinn muss wieder in die  Organisation gesteckt werden
  • sie müssen a) 30% ihrer Mitarbeiter oder Klienten aus benachteiligten Gruppen rekrutieren oder b) dürfen Gewinne nur in der Höhe verteilen, wie sie auch Kapital investiert oder Gebühren eingenommen haben

Salamon/Sokolowski fordern dazu auf, dieses neue Dritte Sektor-Konzept nun inhaltlich zu testen und in die nationalen Statistiken einzubringen. Sie selbst erweitern den Begriff des Dritten Sektors um die Sozialwirtschaft und reden von „third sector/social economy“ bzw. dem TSE-Sektor, – eine Formulierung, die bewusst modular gebaut ist. Man wird sehen, wie und ob sich der neue Begriff weiterverbreitet.

Insgesamt finde ich die Überlegungen der Forscher überzeugend, insoweit sie versuchen,  sozialwirtschaftliche Organisationen in den Dritten Sektor konzeptionell einzubinden. Was ich kritischer finde, sind ihre Überlegungen bezogen auf das freiwillige Engagement. Dazu im nächsten Artikel mehr.