Quartiersvernetzung fördern durch Wissenstransfer

Dies ist der zweite Beitrag einer kleinen, wöchentlichen Artikelserie hier im Blog zum Thema „Quartiersvernetzung“. Nach dem ersten Beitrag, warum Quartiersvernetzung wichtig ist, geht es im zweiten Blogartikel  um den Wissensaustausch unter den örtlichen Quartiersvernetzern. Die nächsten Beiträge nehmen die Rolle bürgerschaftlicher Netzwerkknüpfer, die örtliche Wirtschaft,  Sozialunternehmen und Kirchen in den Blick.

Welche Vernetzungsaktivitäten  gibt es in den unterschiedlichen Quartieren einer Stadt? Welche erfolgreichen Vernetzungs-Projekte könnten von einem Stadtteil in den anderen übernommen werden? Sehr häufig fehlt den Vernetzern im Quartier ein Überblick über den Stand von Nachbarschaftsprojekten in anderen Teilen der Stadt.

Fortbildungen zum Thema „Gemeinwesenarbeit/Quartiersvernetzung“ finden zum Teil nur trägerintern statt, zum Teil auch trägerübergreifend, dann aber häufig bezogen auf ein bestimmtes Fachgebiet (z.B. Altenarbeit), so dass  der fach- und sektorenübergreifende Austausch auf örtlicher Ebene beim Thema „Quartiersvernetzung“ nicht gesichert ist. Bürgerschaftliche Vernetzer, die an keine Institution angedockt sind, haben überdies gar keinen Zugriff auf trägerinterne Weiterbildungen, so dass gerade für bürgerschaftliche Vernetzer der offene Wissenstransfer eine herausragende Rolle spielt, um den eigenen impact in der Quartiersvernetzung verbessern zu können.

Da angesichts des demographischen Wandels und sozialer Veränderungen speziell das bürgerschaftliche Engagement im Bereich der Quartiersvernetzung gefragt ist, sollten bürgerschaftiche Quartiersvernetzer einen Zugriff auf das Vernetzungswissen von anderen Akteuren und anderen Stadtteilen erhalten. Allein auf  das Engagement von städtischen oder gemeinnützigen Institutionen zu setzen, wird in Zukunft nicht ausreichen. Wir brauchen nicht nur einzelne Stadtteibüros, Sozialdienste, Mehrgenerationenhäuser und Kirchengemeinden, die Vernetzungsstrukturen im Quartier aufbauen und als Netzwerkknoten fungieren. Sondern wir brauchen viele Aktive an vielen unterschiedlichen Stellen, die das Quartier mit einem gemeinwesenorientierten Blick bereichern.

In Stuttgart gibt es für diesen notwendigen offenen Wissenstransfer in der Quartiersvernetzung seit Sommer 2013 das Forum der „Stadtteilvernetzer Stuttgart“ , das ich gemeinsam mit anderen Aktiven initiiert habe. Es ist ein Netzwerk für den Wissensaustausch unter den lokalen Quartiersvernetzern und zwar bezirks-, sektoren- und fachübergreifend.  Im Rahmen vierteljähriger Treffen in unterschiedlichen Bezirken tauschen gemeinnützige, bürgerschaftliche und städtische Akteure Wissen über Vernetzungsaktivitäten in den Stadtteilen aus und wirken als Katalysator für die Quartiersvernetzung. Gute Projekte, die einfach handzuhaben sind, werden als mögliche Transferprojekte für andere Quartiere beworben. Fachthemen werden gemeinsam bearbeitet, neue Themen, die für die Quartiersvernetzung relevant sein könnten, aufgegriffen. Was im Moment noch fehlt, sind Kontakte zur lokalen Wirtschaft, d.h. an der Trisektoralität der Initiative ist noch zu arbeiten.

Der offene Wissensstransfer unter den Stadtteilvernetzern kann die Versäulung des Knowhows auch im Bereich der Quartiersvernetzung aufbrechen und die Effizienz und Effektivität lokaler Vernetzungsaktivitäten fördern, da man gemeinsam von erfolgreichen und gescheiterten Projekten lernen kann.

Es wäre wichtig, wenn auch in der Projekt- und Engagementförderung die örtlichen Vernetzungs- und Austauschstrukturen stärker in den Blick rücken würden, weil gute Strukturen die Ergebnisse und Wirkungen öffentlicher und zivigesellschaftlicher Aktivitäten verbessern können.

Auch lokale Stiftungen könnten es sich zum Ziel setzen, die örtliche  Vernetzung über Sektorengrenzen hinweg zu fördern und den lokalen Wissenstransfer – online und offline – in der Quartiersvernetzung voranzubringen. Für eine örtliche Stiftung könnte diese Aufgabe sogar profilbildend sein.  In der Regel wird aber auch im Stiftungsbereich die Bedeutung von Strukturen vernachlässigt.  Man setzt lieber auf medial gut zu vermittelnde Projekte mit sozialem Charme. Dadurch kommt das, was hinter den Projekten liegt, sozusagen der „Maschinenraum“ der Zivilgesellschaft, nicht voran. Einzelne Projekte werden enden, aber gute Netzwerkstrukturen im Quartier bleiben und bieten die Grundlage für neue Initiativen und Entwicklungen.

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Quartiersvernetzung fördern – Nutzen stiften

Mit diesem Beitrag startet eine kleine, wöchentliche Artikelserie hier im Blog zum Thema „Quartiersvernetzung“. Nach einem Einstieg ins Thema, warum Quartiersvernetzung wichtig ist, wie sie gefördert werden sollte und warum lokale Netzwerke Geschäftsmodelle brauchen, nehmen die nächsten Beiträge die Bedeutung des lokalen Wissenstransfers und die Rolle bürgerschaftlicher Vernetzer, die örtliche Wirtschaft,  Sozialunternehmen und Kirchen in den Blick.

Stadtquartiere,  Dörfer und Gemeinden müssen sich neu aufstellen. Der demographische Wandel, die Veränderung von Familienstrukturen, soziale und kulturelle Spaltungen erfordern aktive gesellschaftliche Gegenstrategien. Der Bedarf an sozialen Diensten und die Nachfrage nach Inklusion und Teilhabe wächst. Gleichzeitig stagnieren soziale Budgets und vergrößert sich die Personallücke im Pflege- und Betreuungsbereich.

Die sozialräumliche Vernetzung auf Quartiersebene, die Schaffung neuer Nachbarschaften in den Vierteln oder Gemeinden, ist ein wichtiger Weg, um Strukturen zu bilden, die so tragfähig sind, dass sie im Bedarfsfall dem einzelnen Unterstützung bieten, ergänzend zu den professionellen Angeboten auf lokaler Ebene.  Eine gute Quartiersvernetzung kommt allen Bewohner/innen zugute, besonders wichtig ist sie aber für Bürger, die über keine größere Mobilität verfügen, wie Ältere, Jugendliche, Kinder und Familien und Menschen mit Einschränkungen (van Rießen/Knabe 2015). In die sozialräumliche Vernetzung sollten alle relevanten Akteure des Quartiers eingebunden sein: die Bürger und Bürgerinnen, gemeinnützige Organisationen, kommunale Stellen, die lokale Wirtschaft und die politischen Vertreter seitens des Rates und des Bezirks.

Die Quartiersvernetzung wird gefördert und auf ein dauerhaftes Fundament gestellt, wenn sie von Bund, Ländern und Kommunen durch entsprechende Regelungen und Finanzierungsstrategien unterstützt wird. Dies geschieht aber zumeist nicht auf der Basis eines abgestimmten Konzepts, das alle Politikbereiche und Leistungssysteme umfasst, sondern im Rahmen einzelner Projekte mit begrenzter Laufzeit („Projektitis“), so dass vor Ort die aufgebauten Vernetzungsstrukturen nicht wirklich gesichert sind.

Der deutsche Wohlfahrtsstaat ist extrem versäult, so dass es sozialräumliche Konzepte wie die Quartiersvernetzung, zu deren Logik das bereichsübergreifende Arbeiten gehört, schwer haben. Gemeinnützige Organisationen, die versuchen, quartiersbezogene Hilfsnetzwerke aufzubauen, können nicht auf Leistungsverträge zurückgreifen, die Netzwerke und deren Steuerung unterstützen. Sondern sie müssen mit zeitlich begrenzten Projektmitteln vorlieb nehmen oder intern eine Quersubventionierung vornehmen. So stößt die Quartiersvernetzung an Grenzen, die lokal nicht bearbeitet werden können, sondern von anderen Politikebenen verursacht sind.

In Nordrhein-Westfalen wurde nun mit der Abstimmung unterschiedlicher Politikfelder begonnen, um lokal quartiersbezogene Hilfsnetzwerke zu ermöglichen. Dazu gibt es den  „Masterplan altengerechte Quartiere“. In Baden-Württemberg fehlt noch eine in sich abgestimmte Quartiersstrategie und wird dementsprechend von gemeinnütziger Seite eingefordert. Aber Quartiersvernetzung geht über den seniorenpolitischen Bereich hinaus. Sie bietet, wie erwähnt, allen Alters- und Bevölkerungsgruppen die Chance, von den Erfahrungen, Kontakten und kleinen Hilfen aus der Nachbarschaft zu profitieren. Deshalb sollten von vornherein Quartiersnetzwerke ganz inklusiv aufgestellt sein und so bunt und vielfältig wie möglich.

Quartiersvernetzung lebt vom Engagement aller Beteiligten. Wie kann man Bürger, die lokale Wirtschaft, die politischen und städtischen Vertreter und die Gemeinnützigen mit ins Boot holen? Welchen Mehrwert schafft die Vernetzung auf örtlicher Ebene (neben dem, dass sie kurzfristig für die Beteiligten eine erhebliche Mehrarbeit mit sich bringt)? Von Anfang an muss klar sein, dass die Vernetzung kein Selbstzweck ist, sondern sie Nutzen stiften soll, – für das Gemeinwesen, aber auch für die Beteiligten selbst, die mitmachen, – sonst bekommt man die relevanten Akteure nicht mit ins Boot.

Jedes Quartiersnetzwerk sollte deshalb einerseits ein Geschäftsmodell ausarbeiten, in dem der angestrebte soziale Nutzen und die Zielgruppen aufgelistet werden, sowie die zu ergreifenden Maßnahmen, die notwendigen Ressourcen, anfallenden Kosten und Einnahmen berücksichtigt werden. Andererseits sollten aber auch die „gains and pains“ der Partner im Netzwerk ins Auge gefasst werden, denn hier sind häufig Kosten und Nutzen ungleich verteilt. Je klarer man die Erwartungen der mit-engagierten Partner kennt, desto eher kann man das Quartiersnetzwerk so aufstellen, dass es in unterschiedlichen Räumen einen Mehrwert schafft – nach außen hin in das Gemeinwesen und intern im Netzwerk selbst.

Literatur (wenn nicht verlinkt):
van Rießen/Knabe (2015): Die Konjunktur des Lokalen: Städtische Quartiere im Fokus, in: Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Heft 1, 164-169.

28. NPO-Blogparade: „Wo bitte geht’s hier zu mehr Teilhabe?“ – Koproduktion in Sozialeinrichtungen

Anlässlich des openTransfer CAMP „Inklusion“, das am 21. März 2015 in Dortmund stattfand, veranstalten openTransfer.de und Aktion Mensch eine NPO-Blogparade. Die beiden Blogparaden-Gastgeber fragen nach guten Projekten und Top-Ideen, die die Partizipation und Inklusion von Menschen mit Behinderungen vorantreiben können.

Zu den Top-Ideen gehört das Konzept der „Koproduktion“, bei dem die Nutzer sozialer Dienste an deren Planung, Umsetzung und Evaluation beteiligt sind. Nutzerinnen und Nutzer werden als Bürger ernst genommen, die Wissen und Kompetenzen einbringen, und nicht als Klienten oder Hilfsempfänger betrachtet, die mit fertigen Angeboten und Produkten konfrontiert werden. Im Rahmen der Koproduktion fördern die Mitarbeiter die Selbstbestimmung und Vernetzung ihrer Nutzer, statt lediglich Dienste für sie zu erbringen.

Diese partizipative Form der Steuerung sozialer Dienste funktioniert auch in der Behindertenhilfe, wo die bürgerschaftliche Mitgestaltung der Nutzer selbst noch nicht zum Standard gehört . Beck schreibt 2013, dass Partizipation gerade im Feld Behinderung ein relativ neues Thema zu sein scheint. Mit drei Facetten der Partizipation von Bürgern mit Behinderungen – mit ihrer politischen, digitalen, sozialen Beteiligung – habe ich mich in drei Blogbeiträgen schon auseinandergesetzt. Das daraus entstandene Papier „Bürger statt Klienten – mehr Selbst-und Mitbestimmung für Behinderte“ steht rechts in der sidebar als zweite Ausgabe des Forum Zivilgesellschaft zum download bereit.

Wie kann man im Alltag einer Sozialeinrichtung die Nutzer und Nutzerinnen in die Mitgestaltung und Umsetzung von Dienstleistungen einbeziehen? Die britische „Think Local Act Personal“ (TLAP)-Partnerschaft aus über 50 Organisationen aus dem staatlichen und gemeinnützigen Bereich hat gemeinsam mit Nutzern und deren Angehörigen 2014 auf einer Seite zusammengefasst, was man unter Koproduktion versteht, welchen Nutzen sie bringt, welche Punkte wichtig sind, um Koproduktion erfolgreich umzusetzen und wie die Koproduktion in Organisationen gefördert werden kann.

Diese Informationen liegen auch in einfacher Sprache vor, um unter den Nutzern sozialer Dienste, die auf einfache Sprache angewiesen sind, die Mitbestimmung und Mitgestaltung durch Koproduktion zu bewerben. In der Behindertenhilfe kann man mit den zehn folgenden Tipps (Quelle s. hier, leichte Sprache S. 2 und 3) von TLAP bzw. der „National Co-production Advisory Group“ die Koproduktion angehen und so die Partizipation von Nutzern fördern:

  1.  Bei der Koproduktion hat jeder Beteiligte das gleiche Mitspracherecht.
  2. Die Nutzer eines Dienstes müssen von Anfang an einbezogen werden.
  3. Die Mitsprache bezieht sich auf alle Aufgaben. Auf die Planung. Auf die Umsetzung. Und auf die Prüfung, ob etwas auch funktioniert.
  4. Für die Koproduktion ist wichtig, dass Mitarbeiter und Nutzer die selben Ziele teilen.
  5. Es ist gut, mit der Koproduktion klein anzufangen. Und dann nach und nach größere Projekte anzupacken. Führen sollen die Nutzer. Nicht die Mitarbeiter.
  6. Für die Koproduktion braucht man Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten.
  7. Für die Koproduktion braucht man Mitarbeiter, die Mitbestimmung fördern.
  8. Nutzer sollten genau wissen, was sie wollen. Und sie sollen das auch umsetzen.
  9. Nutzer eines Dienstes wissen, was funktioniert. Deshalb kann man ohne sie die Dinge nicht richtig machen.
  10. In der Gruppe kann man nach Lösungen suchen. Das muss man nicht alleine machen.

Welchen Nutzen bringt die Partizipation dem sozialen Dienst und den betroffenen Bürgern? Der Dienst wird besser. Es entsteht eine produktive Form der Zusammenarbeit. Alle profitieren von den unterschiedlichen Perspektiven. Die Nutzer und ihre Angehörigen fühlen sich wertgeschätzt (TLAP 2014).

Damit Koproduktion funktioniert, muss Macht geteilt werden. „Learn to share power“ lautet deshalb der Aufruf an die sozialen Dienste (TLAP 2014).