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Neudefinition des „Dritten Sektors“ (Teil 1): Welche Organisationen gehören dazu?

Was versteht man unter dem „Dritten Sektor“? Die Antworten darauf fallen weltweit ganz unterschiedlich aus und nicht einmal innerhalb eines Landes herrscht diesbezüglich eine Übereinstimmung.  Das liegt an der unglaublichen Vielfalt des Dritten Sektors und der Konzepte, sie sich mit ihm befassen.

Eine traditionelle Definition des „Dritten Sektors“, die auch in diesem Blog verwendet wird, lautet, dass zu ihm alle gemeinnützigen Organisationen zählen, die – im Unterschied zum Markt – nicht gewinnorientiert sind und – im Unterschied zum Staat – auf Freiwilligkeit basieren und deshalb einen eigenen Sektor jenseits von „Markt“ und „Staat“ bilden. Diese traditionelle Definition steht vor immer größeren Schwierigkeiten, denn was ist dann mit Genossenschaften und Versicherungsvereinen auf Gegenseitigkeit, die auf dem Markt aktiv sind, aber dennoch soziale Ziele verfolgen? Was ist mit Sozialunternehmen? Warum zählt nicht auch das individuelle freiwillige Engagement zum Dritten Sektor? Gehören wirklich nur Organisationen und nicht auch Normen und Werte zum sogenannten „Third Sector“?

Als Reaktion auf die vielen Kritiker haben sich Salamon und Sokolowski gemeinsam mit anderen Forschern im Rahmen des Third Sector Impact Project (TSI) der Europäischen Union an die Ausarbeitung einer neuen Definition des Dritten Sektors gemacht und hierfür die existierende Literatur ausgewertet, international Fachleute befragt und mit der Fach-Community diskutiert (die übrigens erstaunlich klein ist, – es fehlen viele Akteure, die hier eigentlich dabei sein sollten…).  Ihre Arbeitsergebnisse wurden nun im Sommer in der Zeitschrift Voluntas veröffentlicht (2016, Band 27, S. 1515-1545).

Die beiden Forscher starten mit einer Bestandsaufnahme, was man in den unterschiedlichen Ländern unter dem „Dritten Sektor“ versteht (S. 1525f):

  • Das engste Verständnis des Sektors hat man in Großbritannien. Hier stehen die „public charities“ im Vordergrund, – Organisationen, die ihre Wurzeln in der historischen Armenfürsorge haben
  •  Das weiteste Verständnis vom Dritten Sektors im Sinne einer „Sozialwirtschaft“, die sich durch soziales Handeln, Solidarität und Demokratie auszeichnet, existiert in frankophonen Ländern, im Süden Europas und in Lateinamerika. Hier verschwimmen die Grenzen zwischen dem Dritten Sektor und dem Markt und hier sind auch die Genossenschaften und Versicherungsvereine sehr stark
  • In Mittel- und Osteuropa versteht man unter dem „Third Sector“ die ganze Zivilgesellschaft, d.h. nicht nur Organisationen werden hier dazu gezählt, sondern auch die gemeinwohlorientierten Aktivitäten der Bürgerinnen und Bürger

Die Forscher finden aber auch drei Prinzipien heraus, die trotz vieler Unterschiede überall als Eigenschaften des „Dritten Sektors“ anerkannt sind. Demnach ist der „Dritte Sektor“ gekennzeichnet durch (S. 1528):

  • privates (d.h. nicht-staatliches) Handeln
  • die Verfolgung öffentlicher Zwecke, die über das Private und Familiäre hinausgehen
  • Freiwilligkeit

Bei den drei Prinzipien ist die Eigenschaft „Non-profit“ nicht mehr dabei. Dies eröffnet die Chance, nun auch Genossenschaften, Versicherungsvereine und Sozialunternehmen in das „Dritte Sektor“-Konzept zu integrieren, – aber nur unter bestimmten und genau definierten Voraussetzungen. Da manche Genossenschaften und Versicherungsvereine riesige Marktakteure sind und von normalen for-profit-Unternehmen nicht zu unterscheiden, da diese Organisationen auch in den nationalen Statistiken ganz klar unter der Rubrik „Wirtschaft“ geführt werden und nicht im Nonprofit-Bereich, muss die Definition, welche Organisationen zum Dritten Sektor zählen, weiter verfeinert werden.

Die Forscher schlagen als weitergehende Definition folgendes vor:

Genossenschaften, Versicherungsvereine und Sozialunternehmen gehören nur dann zum „Dritten Sektor“ mit seinen öffentlichen Zielen, wenn sie ganz oder erheblich darin eingeschränkt sind, ihre Gewinne an ihre Mitglieder, Investoren oder andere Stakeholder zu verteilen (S. 1533). Das heißt, Organisationen der Sozialwirtschaft (social economy/économie sociale) müssen die folgenden Voraussetzungen erfüllen, wenn sie zum Dritten Sektor gerechnet werden wollen (S. 1536):

  • sie brauchen eine rechtlich bindende soziale Mission
  • sie dürfen nicht mehr als 50% ihrer Gewinne an Mitglieder oder andere Stakeholder verteilen
  • der einbehaltene Gewinn muss wieder in die  Organisation gesteckt werden
  • sie müssen a) 30% ihrer Mitarbeiter oder Klienten aus benachteiligten Gruppen rekrutieren oder b) dürfen Gewinne nur in der Höhe verteilen, wie sie auch Kapital investiert oder Gebühren eingenommen haben

Salamon/Sokolowski fordern dazu auf, dieses neue Dritte Sektor-Konzept nun inhaltlich zu testen und in die nationalen Statistiken einzubringen. Sie selbst erweitern den Begriff des Dritten Sektors um die Sozialwirtschaft und reden von „third sector/social economy“ bzw. dem TSE-Sektor, – eine Formulierung, die bewusst modular gebaut ist. Man wird sehen, wie und ob sich der neue Begriff weiterverbreitet.

Insgesamt finde ich die Überlegungen der Forscher überzeugend, insoweit sie versuchen,  sozialwirtschaftliche Organisationen in den Dritten Sektor konzeptionell einzubinden. Was ich kritischer finde, sind ihre Überlegungen bezogen auf das freiwillige Engagement. Dazu im nächsten Artikel mehr.

Wirkungsmessung in der Freien Wohlfahrtspflege – Methoden und ihre Grenzen

Auch in der Freien Wohlfahrtspflege wird die Wirkungsmessung ein zunehmend wichtiges Thema, um die eigene Existenz und Effektivität vor Geldgebern, Politik und Gesellschaft zu legitimieren.

Um einen Überblick über die unterschiedlichen Methoden der Wirkungsmessung zu erhalten, hat das Heidelberger Centrum für soziale Investitionen und Innovationen (CSI) im Auftrag der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege ein Transparenzgutachten durch Kehl/Glänzel/Then/Mildenberger erstellt, das im März 2016 veröffentlicht wurde und online verfügbar ist.

Die Forscher untersuchten insgesamt 48 (!) Ansätze zur Wirkungsmessung und zwar nach folgenden Kriterien: methodische Qualität, Quantifizierung und Monetarisierung von Wirkung, Wirkungsdimensionen und -ebenen, Standardisierungsgrad und Ressourcenaufwand, Einsatzfelder und Adressaten. Die Ergebnisse der Analyse sind in einer Tabelle im Anhang des Berichts (S. 71- 86 zusammengefasst).

Das Fazit der Forscher (siehe CSI-Gutachten S. 6f):

  • Die meisten Ansätze betrachten gar nicht den impact (= Nettowirkung) von Maßnahmen, sondern nur den output, d.h. die Leistungen und Güter, die eine Organisation erstellt.  Manche fokussieren auch auf den outcome (= Bruttowirkung), der entsteht, wenn unterschiedliche outputs zusammenkommen. Betrachtet man nur den outcome ist es nicht möglich, einen eindeutigen Zusammenhang zwischen einer einzelnen Maßnahme und einer konkreten Wirkung herzustellen
  • Die Mehrheit der Ansätze konzentriert sich auf nur eine Wirkungsdimension, nämlich die ökonomische, und lässt andere Wirkungsdimensionen (soziale, kulturelle, politische) außen vor
  • Die meisten Ansätze beschränken sich auf die Ebene der Klienten (Mikro) oder auf die gesamtgesellschaftliche Ebene (Makro) und vernachlässigen die Ebene der Organisation (Meso)

Keiner der Ansätze wird der Komplexität von Wohlfahrtsverbänden gerecht, die nicht nur soziale Dienstleistungen erbringen, sondern auch noch weitere Funktionen haben: nämlich Interessen zu vertreten, Menschen zu integrieren und Beteiligungsmöglichkeiten zu bieten.

Die Forscher raten deshalb dazu,  unterschiedliche Ansätze miteinander zu kombinieren. Sie selbst halten fünf davon für Methoden mit größerem Potenzial für Nonprofits, sofern diese Ansätze methodisch und inhaltlich erweitert  und kombiniert werden: Kosten-Nutzen-Analyse, Quality-of-Life-Analyse, IRIS, SROI, Politische Diskursnetzwerkanalyse.

Empfohlen wird auch, auf unterschiedlichen Verbandsebenen unterschiedliche Wirkungsdimensionen in den Blick zu nehmen, also bspw. auf Bundes- und Landesebene sich eher mit den den politischen und ökonomischen Wirkungsdimensionen zu befassen und auf der lokalen Ebene in den Einrichtungen selbst mit den sozialen und kulturellen Dimensionen.

Die Herausforderung liegt darin, dass innerhalb der Freien Wohlfahrtspflege das Thema „Wirkungsmessung“ hoch umstritten ist. Analyse-Methoden mit einem rein ökonomischen Blickwinkel werden abgelehnt (und das ist auch gut so). Gleichzeitig fehlt es verbandsintern an den notwendigen Ressourcen und Kompetenzen, um Wirkungsmessungen durchzuführen.

Die Wissenschaftler schlagen deshalb ein mehrstufiges Verfahren der Wirkungsmessung vor, bei dem die Bundesebene der Freien Wohlfahrtspflege eine wichtige Rolle spielen würde, wenn es darum geht, festzulegen, was überhaupt im Rahmen einer Wirkungsmessung gemessen werden sollte (S. 63).

Tatsächlich ist die Erarbeitung einer Basis-Indikatorik, anhand derer die Wirkung gemessen werden kann, für die Freie Wohlfahrtspflege sinnvoll. Aber ich bin der Ansicht, dass diese nicht top down oder von Externen erabeitet werden sollte, sondern ausgehend von der lokalen Ebene, in enger Kooperation mit der Zivilgesellschaft.  Dass so etwas funktioniert, zeigt der Kommunale Index für Inklusion, der in der Praxis getestet und überarbeitet wurde.

Gute Prinzipien für das Freiwilligenmanagement

Das Freiwilligenmanagement in gemeinnützigen Organisationen wird häufig an den Erkenntnissen ausgerichtet, die im betriebswirtschaftlichen Personalmanagement gesammelt wurden. Die Managementaufgaben im Umgang mit den Freiwilligen werden in die folgenden Phasen eingeteilt: Planung, Rekrutierung, Orientierung und Training, Supervision und Monitoring, Anerkennung, Verabschiedung/Trennung. Die Freiwilligentätigkeit wird in der Organisation so gehandhabt wie eine ganz gewöhnliche  betriebliche Beschäftigung.

Dieses „Arbeitsplatzmodell“ des Freiwilligenmanagements wird dem Umstand nicht gerecht, dass es häufig in den Institutionen keine ganz klar abgegrenzten Aufgaben für einen Freiwilligen gibt, sondern diese in der Praxis ausgehandelt werden zwischen dem Freiwilligen, den bezahlten Mitarbeitern, der Führungsebene und anderen Stakeholdern der Organisation. Die Freiwilligen sind hier eher „Co-Worker“ der professionellen Mitarbeiter als „Dienstleister“ (Rochester 1999). In diesem Fall muss auch das Freiwilligenmanagement den Aushandlungsprozessen zwischen Freiwilligen und Mitarbeitern Rechnung tragen.

Sibylle Studer hat die Komponenten bzw. Prinzipien eines interaktionalen Freiwilligenmanagements in einem wissenschaftlichen Aufsatz  (2015) zusammengetragen. Sie hat dafür die relevante Fachliteratur und 399 ausgefüllte Fragebögen von Freiwilligenmanagern aus schweizerischen Nonprofit-Organisationen ausgewertet.  Was ist wichtig, um im Rahmen des Freiwilligenmanagements Aushandlungsprozesse zwischen Freiwilligen und Mitarbeitern, Freiwilligen und der Führungseben der Organisation und den Stakeholdern einer Einrichtung erfolgreich zu steuern?

  • Unterschiedliche Interessen und Werte müssen ausbalanciert werden
  • Für den Einsatz und die Wertschätzung von Freiwilligen ist in der Organisation Überzeugungsarbeit zu leisten
  • Freiwillige brauchen Partizipations – und Mitbestimmungsmöglichkeiten
  • Strategisches Commitment, d.h. die Führung der Organisation muss den Einsatz von Freiwilligen befürworten, diesen fördern und in die dafür zuständigen Organisationsstrukturen investieren
  • Koordination und Austausch in Freiwilligen-Angelegenheiten über Organisationsgrenzen hinweg
  • Rollenklarheit bei Freiwilligen und bezahlten Mitarbeitern schaffen
  • Den Teamgeist in der Organisation stärken
  • Respekt und Wertschätzung der Freiwilligen fördern

(Studer 2015, S. 10 und 11). Diese Prinzipien beeinflussen die Ergebnisse des Freiwilligenmanagements laut Studer positiv. Wobei hier die Ergebnisse „Rekrutierung“ und „Erhalt“ von Freiwilligen im Mittelpunkt der Betrachtung stehen. Lediglich die Komponenten „Partizipation und Mitbestimmung“ bleiben ohne positive Korrelation mit dem outcome des Freiwilligenmanagements, – ein Ergebnis, das Studer verwundert (ebd., S. 17). Ihr zufolge könnte eine mögliche Erklärung dafür sein, dass Freiwillige, die mitgestalten wollen, gemeinsam mit anderen Freiwilligen ihre eigenen Projekte organisieren und nicht mehr beim klassischen Ehrenamt in Organisationen mitmachen (ebd.).  Schaut man sich die Ergebnisse des Deutschen Freiwilligensurveys 2014 an, dann sieht man tatsächlich, dass der Anteil derjenigen steigt, die in selbstorganisierten Gruppen aktiv sind, und der Anteil jener sinkt, die sich in formalen Organisationen  engagieren (Freiwilligensurvey 2014, S. 522). Gleichzeitig ist im Freiwilligensurvey aber zu lesen, dass die Mehrheit der Freiwilligen ihre Mitsprachemöglichkeiten in Organisationen als gut oder sehr gut bewerten, – wobei die Älteren die Dinge positiver sehen als die Jüngeren (Freiwilligensurvey 2014, S. 526).

Laut Studer eignen sich die obigen Prinzipien sehr gut, um organisationsintern das eigene Freiwilligenmanagement auf den Prüfstand zu stellen und zu schauen, inwieweit es den Prinzipien des interaktionalen Freiwilligenmanagements gerecht wird. Studer hat ihre Forschungsergebnisse auch in einer deutschsprachigen Studie zusammengefasst, die Umsetzungshilfen und Checklisten für Nonprofits enthält. Ein Manko der  ganzen Untersuchung ist, dass die Komponenten für ein interaktionales Freiwilligenmanagement nur aus Organisations- und Wissenschaftsperspektive zusammengestellt wurden. Die Freiwilligen selbst wurden nicht befragt.