Alle Artikel von Brigitte Reiser

Web 2.0

Der Einsatz von Social Software bzw. der neuen Möglichkeiten des Web 2.0 macht für gemeinnützige Organisationen erst dann Sinn, wenn sie sich vom Leitbild Staat/Kostenträger verabschieden und sich ihrer Ressourcenabhängigkeit auch von gesellschaftlichen Akteuren bewusst werden.

Die Perspektive muss sich erweitern. Erst wenn Nonprofit-Organisationen (NPOs) im Sozialbereich die gesellschaftlichen Ressourcen ebenso wertschätzen wie die des Staates, wird der Wunsch nach einer dialogorientierten Kommunikation mit den unterschiedlichsten nicht-staatlichen Stakeholdern entstehen.

Vorerst reicht den NPOs offensichtlich noch die traditionelle einseitige bzw. monologische Form der Kommunikation durch Broschüren, Faltblätter, Websites. Zumindest habe ich von bekannten und viel gelesenen Weblogs von sozialen Diensten und ihren verbandlichen Trägern noch nichts gehört. Ebenso wenig scheint es in NPOs Mitarbeiter- und Klienten-Wikis oder Wikis für Ehrenamtliche zu geben, die deren Partizipation ermöglichen. Dies ist ein Indiz dafür, dass die gesellschaftlichen Stakeholder von NPOs noch nicht so aufmerksam wahrgenommen werden wie die staatlichen (Kosten)Träger, auf die NPOs mit einer Art Angststarre blicken ( Abgesehen davon kann man auch die Kooperation mit der öffentlichen Hand hervorragend über ein Wiki steuern oder Weblogs speziell für Geldgeber schreiben).

Sagen wir so: wer am Feedback der Umwelt interessiert ist, wird zu Social Software greifen. Wer lieber nicht so genau wissen möchte, was die internen und externen Stakeholder denken und sich wünschen, wird Social Software meiden.

Verortung

Je besser eine Nonprofit-Organisation mit ihrem Umfeld vernetzt ist, umso größer ist das soziale Kapital, über das sie verfügt. Derzeit bekommen Nonprofits in den sozialen Diensten zwei Drittel ihrer Einnahmen von der öffentlichen Hand, nur 5% kommen von privaten Spendern (Zimmer/Priller 2004).

Gemeinnützige Träger leiden unter dieser Abhängigkeit von staatlichen Institutionen und heuern Fundraiser an, um mehr Mittel von Privaten anzuwerben. Das Problem von Nonprofits liegt aber tiefer. Mit einzelnen Spendenaktionen und zusätzlichen Sponsoren ist es nicht getan. Was sich in Nonprofit-Organisationen ändern muss? Ziemlich viel. In erster Linie die eigene Verortung:
Sehen wir uns als Leistungserbringer, der von oben nach unten steuert oder als Organisation, die mit ihrem gesellschaftlichen Umfeld intensiv vernetzt ist und auf Augenhöhe mit den Bezugsgruppen arbeitet? Sind wir Anhänger eines vertikalen oder eines horizontalen Governance-Modells? Eine solche Entscheidung hat weitreichende Folgen. Sie bestimmt darüber, wie eine Einrichtung mit ihren Mitarbeitern, ihren Klienten, den Angehörigen, Ehrenamtlichen etc. umgeht.

Ressourcen

Nonprofit-Organisationen im Sozialbereich befinden sich in einem Umbruch. Die öffentliche Hand zieht sich aus der Finanzierung von Sozialleistungen zurück, der Wettbewerb um die verbleibenden öffentlichen Mittel nimmt zu. Wie können Nonprofits den entstandenen Einnahmeverlust kompensieren? Sie müssen weg vom Leitbild ‚Staat‘ und sich ihrem gesellschaftlichen Umfeld zuwenden. Die Beziehungen zu ihren Stakeholdern bilden das soziale Kapital von Nonprofit-Organisationen. Zu den ‚Stakeholdern‘ werden alle Akteure oder Organisationen gezählt, die durch ein Interesse (tatsächlich oder potentiell) mit der Nonprofit-Organisation verbunden sind. Zu den Stakeholdern zählen Klienten, Mitarbeiter, Mitglieder, Angehörige, Zulieferer, Sponsoren, Konkurrenten, Akteure aus Politik und Verwaltung, die Bürger einer Gemeinde usw. Der Begriff ’soziales Kapital‘ bedeutet: aus den Beziehungen mit ihren Stakeholdern kann die gemeinnützige Organisation Nutzen ziehen, nämlich Ressourcen und zusätzliche Handlungsräume.