Kategorie-Archiv: Ehrenamt

Quartiersvernetzung fördern (Teil 6) – der Beitrag der Kirchengemeinden

Dies ist der sechste Beitrag einer kleinen, wöchentlichen Artikelserie hier im Blog zum Thema „Quartiersvernetzung“. Nach dem ersten Beitrag, warum Quartiersvernetzung wichtig ist, ging es im zweiten Blogartikel  um den Wissensaustausch unter den örtlichen Stadtteilvernetzern. Der dritte Beitrag nahm die engagierten Bürger, die als Vernetzer tätig sind, und die örtlichen Freiwilligenagenturen in den Blick. Der vierte Artikel beleuchtete die Rolle von Unternehmen und Stiftungen in der Quartiersvernetzung. Der fünfte Beitrag fragte nach der Bedeutung von Sozialunternehmen in diesem Bereich. Der nun folgende Blogartikel setzt sich mit der  Rolle der Kirchengemeinden beim Aufbau neuer sozialer Beziehungen im Viertel auseinander. Der nächste Beitrag stellt Internet-Tools zur lokalen Zusammenarbeit in den Mittelpunkt.

Welche Rolle könnten und sollten Kirchengemeinden und die kirchlichen Wohlfahrtsverbände in der örtlichen Zivilgesellschaft spielen? Welchen Beitrag können sie zum Aufbau neuer Nachbarschaften leisten? Diese Fragen bilden den Schwerpunkt des aktuellen Forschungsjournals Soziale Bewegungen (Heft 1, 2015) und auch die Stiftung Mitarbeit widmete diesem Thema Anfang Juni ihren eNewsletter Nr. 10/2015.

Die Voraussetzungen für eine aktive Rolle der Kirchengemeinden in der örtlichen Zivilgesellschaft sind gut:

  • Viele Kirchenmitglieder sind ehrenamtlich aktiv: 67% der Engagierten in Deutschland gehören der katholischen oder evangelischen Kirche an.
    Die Kirche zählt zu den zentralen Orten des Engagements in Deutschland: allein in der evangelischen Kirche sind bis zu 1,5 Millionen Freiwillige aktiv (Schendel 2015, 2). Das Engagement dieser Freiwilligen beschränkt sich dabei nicht nur auf den kirchlichen Raum, sondern jeder zweite in der evangelischen Kirche Aktive engagiert sich auch außerhalb der Kirche  in gemeinnützigen Organisationen oder Parteien. Das ist das Ergebnis einer Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD, die Martin Horstmann, mein Bloggerkollege von diakonisch.de , 2013 erstellte.
  • Die Kirchengemeinden besitzen zahlreiche Kontakte  in die örtliche Zivilgesellschaft und Politik hinein, „zumindest gelegentlich“, wie mehr als 90% der Kirchengemeinden mitteilen (Quelle siehe Kommentar).
  • Die Kirchengemeinden und kirchlichen Sozialdienste verfügen zudem über Gebäude, Räume und Ausstattung  im Stadtteil, so dass sie allein schon durch diese infrastrukturellen Qualitäten zu Quartiers-Knotenpunkten werden könnten (Kurzke-Maasmeier 2015, 6).
  • Auch haben sich Diakonie und Caritas, die beiden Träger der kirchlichen Sozialarbeit, in den letzten Jahren stärker dem Sozialraum zugewandt und sich eine Stärkung der „Gemeinwesendiakonie“ bzw. der „Sozialraumorientierung“ vorgenommen.

Trotz dieser positiven Voraussetzungen für ein Engagement der Kirchengemeinden in und mit der örtlichen Zivilgesellschaft werden die Gemeinden bisher noch nicht wirklich  als gemeinwesenorientierte Akteure wahrgenommen, was laut Kurzke-Maasmeier (2015, 7) auch daran liegt, dass immer noch viele Kirchengemeinden ihre Angebote zu stark auf die eigene kirchliche Klientel ausrichten. Sie nehmen häufig die Funktion einer Insel im Stadtteil wahr, statt die einer Brücke in andere Bereiche und Milieus hinein.

Dies liegt auch daran, dass nicht alle in den beiden großen Kirchen die Vision teilen, die Kirchengemeinde und auch die Sozialdienste sollten Teil der Zivilgesellschaft sein. Viele sehen die Kirche als erhabenes „Licht auf dem Berg“ und nicht als „Salz der Erde“ , das sich mit der Welt vermischt (Schockenhoff, zit. nach Vieregge, 2015, 1).  Diese zivilgesellschafts-kritische Haltung wird dadurch gestärkt, dass die beiden großen Kirchen schon rein formal nicht als Vereine organisiert sind (wie bspw. evangelische Freikirchen oder muslimische Gemeinden), sondern als Körperschaften des öffentlichen Rechts, was ihren zivilgesellschaftlichen Charakter verhüllt (der aber durch die Nonprofit-Forschung schon längst bestätigt ist) (Strachwitz 2015, 28).  Auch die jahrhundertelange Verquickung mit dem Staat und parteipolitischen Interessen (siehe Gabriel 2015) erschweren vielen in der Kirche die Hinwendung zur Zivilgesellschaft, so dass Strachwitz (2015, 29) konstatiert: „Bekenntnisse deutscher Kirchenvertreter zur Zivilgesellschaft sind Ausnahmen“.

Dennoch müssen sich Kirchen um eine neue Position in der Gesellschaft bemühen, da sie ihr Monopol auf das Religiöse verloren haben und ihre Nähe zum Staat ihnen eher Kritik einbringt als zusätzliche Legitimität. Insofern bietet sich die Zivilgesellschaft als neue Verortung für Kirchengemeinden an.

Gefordert wird von vielen eine „radikale Öffnung“ (Kurzke-Maasmeier) der Kirchengemeinden hin zu dem sie umgebenden Gemeinwesen. Kirchengemeinden sollten gezielt versuchen, nicht kirchlich Gebundene für die ehrenamtliche Arbeit in den Gemeinden zu gewinnen. Die Gemeinden selbst sollten in den Netzwerken auf Quartiersebene vertreten sein und selbst Netzwerke initiieren, die Menschen aus dem Viertel über Grenzen hinweg einbinden. Gerade jene Kirchengemeindemitglieder, die im Gemeinwesen aktiv sind, könnten hierfür als „Brückenbauer und Impulsgeber“ genutzt werden (Coenen-Marx 2015, 109).

Verändert werden müssten auch alltägliche Handlungsstrukturen der Gemeinden und zwar dergestalt, dass der Teilhabe ein bedeutenderer Stellenwert beigemessen wird.  Denn „besonders schlecht scheiden die Kirchen (..) beim Thema Mitsprache und Mitentscheidung der Freiwilligen ab: Hier bildete die katholische Kirche  schon seit 2004 das Schlusslicht, während die evangelische Kirche (..) bis 2009 an Boden verloren hat“ (Gabriel 2015, 24, mit Blick auf die Ergebnisse des Freiwilligensurveys 2010).

Kirchengemeinden, die sich dem Sozialraum zuwenden und an der Quartiersvernetzung mitwirken, stärken sich selbst als Institution, indem sie neue Aufgaben, Freunde und Unterstützer hinzugewinnen: „Kirche für andere ist auch Kirche für sich“ (Vieregge 2015, 5), d.h. die Sozialraumorientierung kann Gemeinwohl- und Eigeninteressen erfolgreich miteinander verbinden.

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Quartiersvernetzung fördern (Teil 3) – Bürgerprojekte ermöglichen

Dies ist der dritte Beitrag einer kleinen, wöchentlichen Artikelserie hier im Blog zum Thema „Quartiersvernetzung“. Nach dem ersten Beitrag, warum Quartiersvernetzung wichtig ist, ging es im zweiten Blogartikel  um den Wissensaustausch unter den örtlichen Stadtteilvernetzern. Der untenstehende Beitrag nimmt nun die engagierten Bürger, die als Vernetzer tätig sind, und die Rolle der Freiwilligenagenturen in den Blick. Die nächsten drei Beiträge beziehen sich auf  die örtliche Wirtschaft,  Sozialunternehmen und Kirchen in der Quartiersvernetzung.

Quartiersvernetzung braucht engagierte Bürgerinnen und Bürger: Aktive, die bei bestehenden Projekten mitmachen, eigene Projektideen einbringen und umsetzen oder selbst eine Vernetzungsinitiative im Quartier starten. Wie gut sind die etablierten Institutionen zur Förderung des Freiwilligenengagements auf das Vernetzungsthema eingestellt und auf Bürger/innen, die selbst ein Quartiersvernetzungsprojekt initiieren möchten?

Man wird als Interessent in Freiwilligendatenbanken nicht durchgängig Kategorien und Treffer finden zum Thema „Quartiersprojekt/Nachbarschaft/Gemeinwesenarbeit/Vernetzung“.  Inwieweit man von Freiwilligenagenturen inhaltliche Unterstützung erhält, wenn man selbst ein sozialräumliches Vernetzungsprojekt starten möchte, wird ebenfalls von Fall zu Fall unterschiedlich sein, denn viele Freiwilligenagenturen setzen eher auf das traditionelle „Matching“, bei dem Bürger/innen sich aus dem Pool an ehrenamtlichen Jobs, die von gemeinnützigen Organisationen eingestellt werden, ein Angebot auswählen können.

Immerhin steht in der „Augsburger Erklärung“ der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen, dass  die Engagementpolitik sich stärker am Sozialraum orientieren sollte und die Ermöglichung von Engagement statt die Erledigung bestimmter Aufgaben im Vordergrund stehen müsste. Aber faktisch sind die Profile von Freiwilligenagenturen so unterschiedlich, ist ihre finanzielle Ausstattung häufig so prekär und ihr Vernetzungsgrad mit den sie umgebenden Institutionen in der Regel so gering, dass  fraglich ist, inwieweit sie diese Ansprüche – Sozialraumorientierung, Ermöglichung von Bürgerprojekten  – auch umsetzen können.

Im Generali Engagementatlas 2015 ist nachzulesen, dass die „Unterstützung neuer Engagementprojekte und Projektideen von Bürger/-innen“ nur eine mittlere Bedeutung bei Freiwilligenagenturen genießt (S. 19). Ferner ist hier dokumentiert, dass sich die Angebote der Freiwilligenagenturen überwiegend an Senioren richten und manche Bevölkerungsgruppen- wie bspw. Studierende – nur selten angesprochen werden (S. 21f).

Keine Informationen finden sich darüber, ob Freiwilligenagenturen Kontakt zur lokalen Social Startup-Szene haben, welche  eine wichtige Schnittstelle für Freiwilligenagenturen sein könnte: denn die Ermöglichung von Bürgerengagement kann auch in die Entwicklung von Sozialunternehmen münden. Dass es durchaus das Interesse auf Bürgerseite gibt, eigene gemeinnützige Projekte professionell aufzubauen, umzusetzen und mit ihnen zu wachsen, zeigen Events wie die openTransferCamps , Social Impact – oder  Social Innovation Camps.

Welche Unterstützung brauchen Bürger/innen, die sozialräumliche Netzwerke im Quartier aufbauen? Aus eigener Erfahrung weiß ich: man braucht vor allem Wissen darüber, wie Vernetzungsprozesse funktionieren, man braucht Vernetzungskompetenzen, Kontakte zu den örtlichen Institutionen und in die Zivilgesellschaft hinein und den Zugriff auf Räume.  Sofern man nicht unter dem Dach einer Einrichtung tätig ist, sind die Möglichkeiten, als Quartiersvernetzer/in Weiterbildung, Beratung und Supervision in Anspruch zu nehmen, begrenzt bis gar nicht vorhanden.

Dabei wäre es sinnvoll, wenn Gemeinnützige Patenschaften für Stadtteilvernetzer übernehmen und hier als Mentoren wirken würden. Zwar fehlt vielen Stadtteileinrichtungen selbst noch das notwendige Vernetzungs-Knowhow und der quartiers- bzw. gemeinwesenorientierte Blick. Aber langfristig  könnten die Unterstützung bürgerschaftlicher Vernetzer und die Initiierung eigener Quartiersnetzwerke wichtige Standbeine für Nonprofits werden, um ihre zivilgesellschaftliche Anbindung zu stärken.

Quartiersvernetzung braucht viele engagierte Bürger/innen, die mitmachen und selbst Netzwerke aufbauen. Die örtlichen Strukturen, die das Bürgerengagement fördern wollen, sollten so gestaltet sein, dass Engagierte, die über institutionelle Grenzen hinweg bzw. in Sozialräumen tätig sind, auch Rat und Unterstützung erhalten.

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Quartiersvernetzung fördern (Teil 2) – durch Wissenstransfer

Dies ist der zweite Beitrag einer kleinen, wöchentlichen Artikelserie hier im Blog zum Thema „Quartiersvernetzung“. Nach dem ersten Beitrag, warum Quartiersvernetzung wichtig ist, geht es im zweiten Blogartikel  um den Wissensaustausch unter den örtlichen Quartiersvernetzern. Die nächsten Beiträge nehmen die Rolle bürgerschaftlicher Netzwerkknüpfer, die örtliche Wirtschaft,  Sozialunternehmen und Kirchen in den Blick.

Welche Vernetzungsaktivitäten  gibt es in den unterschiedlichen Quartieren einer Stadt? Welche erfolgreichen Vernetzungs-Projekte könnten von einem Stadtteil in den anderen übernommen werden? Sehr häufig fehlt den Vernetzern im Quartier ein Überblick über den Stand von Nachbarschaftsprojekten in anderen Teilen der Stadt.

Fortbildungen zum Thema „Gemeinwesenarbeit/Quartiersvernetzung“ finden zum Teil nur trägerintern statt, zum Teil auch trägerübergreifend, dann aber häufig bezogen auf ein bestimmtes Fachgebiet (z.B. Altenarbeit), so dass  der fach- und sektorenübergreifende Austausch auf örtlicher Ebene beim Thema „Quartiersvernetzung“ nicht gesichert ist. Bürgerschaftliche Vernetzer, die an keine Institution angedockt sind, haben überdies gar keinen Zugriff auf trägerinterne Weiterbildungen, so dass gerade für bürgerschaftliche Vernetzer der offene Wissenstransfer eine herausragende Rolle spielt, um den eigenen impact in der Quartiersvernetzung verbessern zu können.

Da angesichts des demographischen Wandels und sozialer Veränderungen speziell das bürgerschaftliche Engagement im Bereich der Quartiersvernetzung gefragt ist, sollten bürgerschaftiche Quartiersvernetzer einen Zugriff auf das Vernetzungswissen von anderen Akteuren und anderen Stadtteilen erhalten. Allein auf  das Engagement von städtischen oder gemeinnützigen Institutionen zu setzen, wird in Zukunft nicht ausreichen. Wir brauchen nicht nur einzelne Stadtteibüros, Sozialdienste, Mehrgenerationenhäuser und Kirchengemeinden, die Vernetzungsstrukturen im Quartier aufbauen und als Netzwerkknoten fungieren. Sondern wir brauchen viele Aktive an vielen unterschiedlichen Stellen, die das Quartier mit einem gemeinwesenorientierten Blick bereichern.

In Stuttgart gibt es für diesen notwendigen offenen Wissenstransfer in der Quartiersvernetzung seit Sommer 2013 das Forum der „Stadtteilvernetzer Stuttgart“ , das ich gemeinsam mit anderen Aktiven initiiert habe. Es ist ein Netzwerk für den Wissensaustausch unter den lokalen Quartiersvernetzern und zwar bezirks-, sektoren- und fachübergreifend.  Im Rahmen vierteljähriger Treffen in unterschiedlichen Bezirken tauschen gemeinnützige, bürgerschaftliche und städtische Akteure Wissen über Vernetzungsaktivitäten in den Stadtteilen aus und wirken als Katalysator für die Quartiersvernetzung. Gute Projekte, die einfach handzuhaben sind, werden als mögliche Transferprojekte für andere Quartiere beworben. Fachthemen werden gemeinsam bearbeitet, neue Themen, die für die Quartiersvernetzung relevant sein könnten, aufgegriffen. Was im Moment noch fehlt, sind Kontakte zur lokalen Wirtschaft, d.h. an der Trisektoralität der Initiative ist noch zu arbeiten.

Der offene Wissensstransfer unter den Stadtteilvernetzern kann die Versäulung des Knowhows auch im Bereich der Quartiersvernetzung aufbrechen und die Effizienz und Effektivität lokaler Vernetzungsaktivitäten fördern, da man gemeinsam von erfolgreichen und gescheiterten Projekten lernen kann.

Es wäre wichtig, wenn auch in der Projekt- und Engagementförderung die örtlichen Vernetzungs- und Austauschstrukturen stärker in den Blick rücken würden, weil gute Strukturen die Ergebnisse und Wirkungen öffentlicher und zivigesellschaftlicher Aktivitäten verbessern können.

Auch lokale Stiftungen könnten es sich zum Ziel setzen, die örtliche  Vernetzung über Sektorengrenzen hinweg zu fördern und den lokalen Wissenstransfer – online und offline – in der Quartiersvernetzung voranzubringen. Für eine örtliche Stiftung könnte diese Aufgabe sogar profilbildend sein.  In der Regel wird aber auch im Stiftungsbereich die Bedeutung von Strukturen vernachlässigt.  Man setzt lieber auf medial gut zu vermittelnde Projekte mit sozialem Charme. Dadurch kommt das, was hinter den Projekten liegt, sozusagen der „Maschinenraum“ der Zivilgesellschaft, nicht voran. Einzelne Projekte werden enden, aber gute Netzwerkstrukturen im Quartier bleiben und bieten die Grundlage für neue Initiativen und Entwicklungen.

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