Kategorie-Archiv: Partizipation

Best Practice I: dieGesellschafter.de

Im Rahmen einer Best-Practice-Serie sollen hier in loser Folge die Webseiten von Sozialorganisationen vorgestellt werden, die durch die Integration von Web 2.0 Tools dialogorientiert sind und die Binnenperspektive hinter sich gelassen haben.

Die hier vorgestellten Webauftritte wurden – anders als beim Durchschnitt der NPO-Webseiten – zu einem guten Teil aus Sicht der Nutzer erstellt: was möchten die Besucher auf den NPO-Seiten machen? In die Diskussion mit anderen Benutzern eintreten? Sich für ein freiwilliges Engagement melden? Sich mit einer Idee oder einem Projekt einbringen? Einer Community als registriertes Mitglied beitreten? Online Geld spenden? Kampagnen per Mail oder Banner unterstützen?

Wer sich so in die Bedürfnisse und Wünsche der Benutzer hineinversetzt, wird eine andere Webseite kreieren, als die Organisation, die aus der Binnenperspektive heraus im Netz veröffentlicht. Da es letztlich für gemeinnützige Träger darum geht, Ressourcen aus der Umwelt zu erhalten, ist es ökonomisch rationaler, dialogorientierte Webseiten zu erstellen anstatt in einem binnenorientierten Webauftritt zu verharren.

Hier in Deutschland gibt es im Sozialbereich noch nicht viele dialogorientierte NPO-Webseiten. Web 2.0-Tools, die den Dialog ermöglichen, muss man mit der Lupe suchen. Aber es gibt sie, – die Organisationen, die voranschreiten, die neue Instrumente und Ideen aufgreifen und nutzen, um damit ihrer Botschaft und ihrer Klientel zu dienen.

Beispielhaft ist ein Projekt der Aktion Mensch. Die Aktion Mensch fördert Projekte der Behinderten(selbst)hilfe und Kinder- und Jugendhilfe. Im März 2006 hat sie das Projekt dieGesellschafter.de ins Leben gerufen. Unter der Überschrift: „In was für einer Gesellschaft wollen wir leben“ bietet die Seite den Bürgern die Möglichkeit zu diskutieren, Mitglied des Projekts zu werden, sich für ein Ehrenamt zu melden und zu partizipieren, indem Projektvorschläge eingebracht und deren Förderung beantragt werden kann.

Noch ist keine Vernetzung mit anderen Benutzern möglich, d.h. der Unterstützerkreis („ich will Gesellschafter werden“), der hier samt Adressdatenbank aufgebaut wird, nutzt derzeit nur der Aktion Mensch und nicht den Seitenbesuchern, die vielleicht nach Gleichgesinnten Ausschau halten.

Es werden einige Web 2.0-Tools genutzt, u.a. gibt es ein Projektblog, zusätzlich ein Blog mit wechselnden Autoren, Foren, RSS-Feeds. Für die Menschen, die nicht online sind, werden die wichtigsten Diskussionen auf der Webseite in einer Zeitung gedruckt, die an öffentlichen Stellen kostenlos ausliegt. Das ist ein schönes Beispiel für Benutzerfreundlichkeit, das Menschen ohne PC miteinschließt.

Insgesamt macht das Projekt dieGesellschafter.de, das übrigens von den großen Wohlfahrtsverbänden, von den Verbänden der Behinderten(selbst)hilfe und diversen Medien unterstützt wird, einen sehr frischen Eindruck, der eine Aufbruchstimmung vermittelt und sich aus dem statischen Einerlei der anderen NPO-Webseiten im Sozialbereich wohltuend abhebt.

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Wie interaktiv sind Webauftritte von Sozialorganisationen – Auswertung unseres Workshops

Im gestrigen Workshop haben wir die folgenden Thesen vertreten:

Usability 1.0 bezieht sich auf das Verhältnis Benutzer- Technik, Usability 2.0 rückt die Beziehungen zwischen Benutzer und der Organisation, die Seiten ins Netz stellt, in den Mittelpunkt.

Der Benutzer will in Dialog treten, die Sozialeinrichtung will Beziehungen aufbauen, um daraus Ressourcen zu schöpfen. Beide Interessen können durch interaktive Webseiten, die Web 2.0-Tools benutzen, befriedigt werden. Insofern schafft Usability 2.0, die Benutzerfreundlichkeit mit Interaktivität gleichsetzt, eine win-win-Situation für beide Seiten.

Die meisten Workshop-Teilnehmer, die ehrenamtlich oder beruflich mit Nonprofit-Organisationen zu tun haben, fanden die Thesen interessant. Sie bieten eine neue Perspektive, weil sich Usability ansonsten eher auf technische/kognitive/visuelle/manuelle Aspekte konzentriert und weniger auf soziale.

Dass Benutzer auf Webseiten den Austausch mit der Organisation und anderen Benutzern suchen und sich häufig auch aktiv einbringen wollen, halte ich m.E. für ein sichhaltiges Argument. Die Netzgeneration, die heranwächst, aber auch die Silversurfer, die sich zwischenzeitlich an das Internet gewöhnt haben und es schätzen lernten, werden den Dialog und die Partizipation auf Webseiten immer stärker einfordern.

Teilnehmer mit Kontakt zu NPOs bemängelten die dortigen langsamen Entscheidungsabläufe, die sich auch negativ auf das Erscheinungsbild der Einrichtungen auswirken: notwendige Maßnahmen, um statische Webseiten auf ein zeitgemäßes Niveau zu bringen, verzögerten sich so enorm. Grundsätzlich waren alle Teilnehmer des Workshops davon überzeugt, dass hinsichtlich der NPO-Webseiten Handlungsbedarf besteht, um sie interaktiver zu gestalten. Aus allen Beiträgen war die Sympathie für NPOs herauszuhören, deren wichtige Rolle für die Gesellschaft durchweg anerkannt wurde.

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Web 2.0 – die ersten Schritte für Nonprofits (IV)

Der vierte Schritt der Web 2.0-Einführung ist der anspuchsvollste. Nicht jede Nonprofit-Einrichtung wird ihn gehen, weil er mit vielen Traditionen bricht und die Bereitschaft einer Organisation voraussetzt, sich nach außen hin zu öffnen.

Der vierte Schritt besteht darin, ein öffentliches Wiki anzulegen, das der Bürgerschaft und damit allen tatsächlichen und potentiellen Kunden offen steht. Man könnte es Kunden-Wiki nennen und seine Funktion besteht darin, die Wünsche und Ideen der Bezugsgruppen einer Organisation abzufragen.

Am effektivsten ist es, Kommentare zu konkreten Projekten und Themen zu erbitten. Ein Moderator von Seiten der Nonprofit-Einrichtung sollte die Diskussion betreuen und Anregungen aufnehmen oder bei Statements nachhaken.

Ein solches Wiki ist Teil des Ideenmanagements einer Organisation. Man überlässt die Entwicklung von Vorschlägen nicht dem Zufall, sondern bietet durch ein öffentliches Wiki mit entsprechenden Themen das Forum, um Ideen zielgerichtet einzuholen. Vergangene Woche war in der Süddeutschen zu lesen, dass Firmen in Deutschland viele Milliarden Euro vergeuden, weil sie die Ideen ihrer Mitarbeiter ignorieren, vor allen Dingen die Ideen der Menschen, die an der Basis arbeiten. Vor diesem Defizit wird auch der Nonprofit-Sektor nicht gefeit sein, denn dies ist ein typisches Problem hierarchischer Organisationen, zu denen die wohlfahrtsverbandlichen Sozialeinrichtungen ebenfalls zählen.

Es werden aber nicht nur die Ideen von Mitarbeitern vernachlässigt, sondern auch die Ideen von anderen Bezugsgruppen einer Einrichtung. Auch die Anregungen von Klienten, Angehörigen und Ehrenamtlichen einer Sozialorganisation werden nicht systematisch erhoben. Ideen wirken häufig bedrohlich, weil sie die gewohnten Abläufe einer Organisation in Frage stellen können. Aber Ideen sind notwendig, wenn eine Nonprofit-Einrichtung neue Leistungen entwickeln und bestehende Angebote ausdifferenzieren will.

Dies in engem Austausch mit den (potentiellen) Kunden durchzuführen, verspricht große Erfolge. Und es legitimiert das eigene Vorgehen gegenüber den Institutionen, die Sozialleistungen finanzieren auf einem viel höheren Niveau, als wenn Leistungen ohne aktive Partizipation der Kundschaft entwickelt werden.

Ein Kunden-Wiki muss nicht immer im Netz stehen. Die Nonprofit-Einrichtung kann es auch nur im Rahmen einer Kampagne für wenige Tage zur Verfügung stellen. Die Einträge sollten moderiert werden, d.h. destruktive Beiträge werden gelöscht.

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