Kategorie-Archiv: Plattform

Vom Internet zum „Alternet“ – Entwicklungen jenseits der großen Plattformen

Wie kann man als Bürger/in, als zivilgesellschaftliche Gruppe, als gemeinnützige Organisation und Wohlfahrtsverband den Algorithmen proprietärer Plattformen entkommen? Diese Frage stellt Caritas digital im Rahmen der 30. Nonprofit-Blogparade zum Thema „Nonprofits im Social Web: Wen erreichen wir noch und zu welchem Preis?“.

Algorithmen bestimmen in einem komplexen Zusammenspiel mit ihrem technischen und sozialen Umfeld unsere Suchergebnisse bei Google, unseren Facebook Newsfeed und die Vorschläge, wem wir auf Twitter folgen sollten. Michelle Willson zeigt in ihrem Aufsatz „Algorithms (and the) everyday“ (2017, in: Information, Communication & Society) auf, wie Nutzer immer mehr Praktiken des Alltags an intransparente Algorithmen delegieren, die folglich immer mehr Einfluss auf unser Leben, unsere Wahrnehmung und unser soziales und politisches Umfeld erhalten. Auch Nonprofits sind in dieser Filterblase, die Algorithmen produzieren, gefangen und haben Schwierigkeiten, auf den kommerziellen Plattformen mit ihren Inhalten durchzudringen. Speziell  vor Facebook „ist jeder gleich“, wie Martin Herceg in seinem Blogbeitrag schreibt, und wenn Gemeinnützige mit ihren Inhalten über ihre Filterblase hinaus wollen, müssen sie dafür bezahlen.

Social Media-Manager von Nonprofit-Organisationen stehen Herceg zufolge täglich vor einem Dilemma: einerseits ist man dem Gemeinwohl bzw. christlichen Grundsätzen verpflichtet, andererseits unterstützt man Plattformen  inhaltlich und finanziell, die keine Steuern zahlen, Filterblasen produzieren, Nutzer entmachten, Daten abgreifen, das Netz zentralisieren und monopolisieren und einen digitalen Kapitalismus vorantreiben. Gibt es Alternativen zu dieser Dominanz kommerzieller Plattformen bzw. der „platform society“ (van Dijck)?

Die Forscherin van Dijck rät, realistisch zu bleiben: „You can’t stop the growth of platforms“ (in : encore 2016, S. 95). Aber sie sieht die Notwendigkeit, dass Bürger auf die demokratische Steuerung von Plattformen drängen. Und hier kommt die Rolle von Nonprofits und der großen Wohlfahrtsverbände ins Spiel. Auch letztere haben sich wie viele andere in den vergangenen Jahren hauptsächlich nur als Nutzer der großen Plattformen und nicht als aktiver Mitgestalter von Netzstrukturen gesehen. Netzpolitische Aktivitäten und online-Projekte abseits des Mainstreams waren nicht wirklich sichtbar. Ein großer Fehler, – meines Erachtens sogar ein Politikversagen der großen Wohlfahrtsverbände, die sich eben immer mehr auf ihre Rolle als soziale Dienstleister und als Marketeers in eigener Sache zurückziehen.  Hier sollte ein Umdenken in den Verbänden einsetzen, um ihrer demokratischen Verantwortung in einer digitalen Gesellschaft gerecht zu werden.

Dazu gehört auch, dass man alternative digitale Projekte abseits des Mainstreams stärker unterstützt, man Kooperationen sucht und lokale Gruppen gründet, die die Möglichkeiten alternativer Vernetzung, Tools und Plattform-Modelle im Sinne eines „Alternets“  ausloten. Dies könnte gerade auf der lokalen Ebene ein interessantes Format sein, weil es die Beteiligung am und das gemeinsame Lernen im digitalen Raum fördert, – Bereiche, in denen Nonprofits noch Nachholbedarf haben, wie Hannes Jähnert und Hendrik Epe in ihren Beiträgen zur NPO-Blogparade herausarbeiten.

An welche Entwicklungen und Bewegungen könnten die Verbände hier andocken?

An genossenschaftlich verfasste Plattformen, bei denen die Webseite / die App den Mitarbeitern und Nutzern gehört und für die eine demokratische Steuerung (one man – one vote) das Ideal ist. Was unter einer „platform co-op“ verstanden wird, ist in einem Artikel auf Shareable gut erklärt, hier finden Interessierte auch weitere Literatur-Links und Beispiele wie fairmondo (ein genossenschaftlich betriebener Online-Marktplatz), resonate (genossenschaftlicher Musik-Streamingdienst) und  Stocksy (eine Foto-Plattform, die in der Hand der Künstler ist). Es gibt eine Bewegung, die in genossenschaftlich verfassten Plattformen, die sich untereinander vernetzen, die Zukunft des Internets sieht („platform cooperativism“) und auf diese Weise auch dem traditionellen genossenschaftlichen Gedanken den Weg ins digitale Zeitalter weisen will („Geno 2.0“). Meines Erachtens liegt in diesem Genossenschaftsgedanken, der auf digitale Dienste bezogen ist, ein riesiges Potenzial für Nonprofits, die sich überlegen sollten, welche lokalen Angebote man in diese innovative Form bringen könnte.

Auf lokaler Ebene, wo sich die Kommunikation häufig im Rahmen von Nachbarschaften, kleinen Gruppen und unterschiedlichen öffentlichen Räumen bewegt, können kleine selbstgemachte und kabellose „DIY-Netzwerke“ abseits des Internets bzw. „off-the-cloud“ eine Chance bieten, jenseits der kommerziellen Plattformen zu interagieren, auf der Basis von Tools, die in einem gemeinsamen Lernprozess zusammen erstellt wurden. Durch die Verbindung dieser „off-the-cloud“ Netzwerke untereinander entstehen alternative Netze. Panayotis Antoniadis von nethood.org zeigt die Potenziale von DIY-Netzwerken in einem  Aufsatz , in:  First Monday vom 05.12.2016, auf – das ganze Heft kreist um das Thema „Re-Dezentralisierung des Internets“. Auch „vermaschte Netzwerke“ mit vielen untereinander vernetzten Knoten, wie sie freifunk.net lokal aufbaut, sind hier ein Thema, wobei es sowohl bei DIY-Netzwerken als Einzelprojekte als auch bei mesh networks offene Sicherheitsfragen gibt, auf die Haralanova/Light (2016) in einem Aufsatz für das Journal of Peer Production hinweisen.

Weil technisch versierte Communities durch ihr Expertenwissen nach außen hin eher geschlossen wirken, braucht es dringend Mittler, die zwischen diesen Communities und nicht-technischen Nonprofits Verbindungen schaffen können, damit beide Seiten miteinander ins Gespräch kommen und sich örtlich Kooperationen ergeben können.

Man muss realistisch bleiben, was die kommerziellen Plattformen angeht, – das fordert die oben zitierte Wissenschaftlerin van Dijck. Und sich dennoch für demokratischere Plattform-Modelle politisch und praktisch stark machen. Hier könnten die Wohlfahrtsverbände noch eine größere Rolle spielen. Immerhin machen schon zwei hiesige Gewerkschaften (ver.di, IG-Metall) beim internationalen Konsortium mit, das Plattform-Genossenschaften vorantreiben möchte (Platform Cooperativism Consortium).

Quartiersvernetzung fördern (Teil 8) – Kooperationen bilden

Dies ist der 8. Teil einer Blogserie, die unter der Kategorie „Quartier“ oder über das Archiv nachgelesen werden kann.

Einen Leitfaden für die Bildung von Kooperationen zwischen gemeinnützigen und privat-wirtschaftlichen Unternehmen hat UPJ e.V. vorgelegt,  das Netzwerk engagierter Unternehmen und gemeinnütziger Mittlerorganisationen in Deutschland, das seit 1996 aktiv ist.

Der Leitfaden „Neue Verbindungen schaffen. Unternehmenskooperationen für gemeinnützge Organisationen“ basiert auf dem Gedanken, dass sektorübergreifende Kooperationen zukunftsträchtig sind, weil komplexe gesellschaftliche Probleme nicht im Alleingang, sondern nur im Rahmen konzertierter Aktionen zu lösen sind: wir brauchen eine „Kultur gesellschaftlicher Kooperation und die Bereitschaft und Fähigkeit zur Zusammenarbeit“ (UPJ, S. 6).

Speziell auf der regionalen und kommunalen Ebene liegt UPJ zufolge der Schlüssel für die Initiierung und Verbreitung von Kooperationen zwischen dem gemeinnützigen und privatwirtschaftlichen Sektor (S. 64). Gerade im Quartier können meines Erachtens wegen der räumlichen Nähe und der wechselseitigen Bekanntheit Kooperationen gut initiiert und begleitet werden. Tatsächlich erfolgt 90% des Engagements von Unternehmen regional bzw. am Unternehmensstandort (siehe BT-Drucksache 17/10580, S. 233), so dass die lokale Ebene ein guter Startpunkt für Unternehmenskooperationen ist.

Bei den Kooperationen geht es im Idealfall um mehr als um Geld bzw. klassisches Sponsoring und Charity.  Vielmehr bieten Kooperationen die Chance, dass gemeinnützige Organisationen und die lokale Wirtschaft gemeinsam Wissen und Kompetenzen poolen, um Lösungen zu entwickeln, die jeder Sektor für sich alleine nicht entwickeln könnte. Außer finanzielle Ressourcen können Unternehmen hier Dienstleistungen, Produkte, Logistik, Zeit, Wissen, Kompetenzen, Kontakte und Einfluss beisteuern.

Der UPJ-Leitfaden zählt den Nutzen auf, den Unternehmen und Nonprofits von einer Kooperation haben. Unternehmen gewinnen neue Erfahrungen und Qualifikationen, erschließen sich neue Beziehungen, fördern ihre eigene Reputation und ein intaktes Umfeld im Quartier (S. 21). Nonprofits gewinnen durch Kooperationen neue Ressourcen hinzu und können ihre Angebote ausbauen. Beide Seiten können durch Kooperationen Gemeinsinn und Eigennutz verbinden.

Wie gemeinnützige Organisationen eine Unternehmenskooperation aufbauen können, wird in dem Leitfaden ausführlich besprochen. Es handelt sich um sechs Arbeitsschritte (UPJ, S. 45ff):

  1. Das Profil der eigenen Organisation herausarbeiten
  2. Kooperationsbedarfe und -möglichkeiten identifizieren
  3. Kooperationsbereitschaft und -fähigkeit klären
  4. Recherche und Auswahl möglicher Partner
  5. Partner für Kooperationsprojekte gewinnen
  6. Kooperationsprojekte planen, umsetzen, auswerten

Einen einfachen Einstieg in eine Unternehmenskooperation bietet UPJ zufolge der „Marktplatz für Gute Geschäfte“, den es in vielen Kommunen schon gibt. Ich persönlich finde dieses Format auch gut. Aber für den flächendeckenden Aufbau von Begegnungsmöglichkeiten für Wirtschaft und Zivilgesellschaft bräuchte man noch dringend Formate auf Quartiersebene. D.h. der „Marktplatz für Gute Geschäfte“ müsste gerade in Großstädten dezentralisiert werden und auch auf Quartiersebene stattfinden. Alternativ hierzu sind auch andere Formen der regelmäßigen Begegnung denkbar. Diese müssten durch Online-Plattformen unterstützt werden, vergleiche den hier im Blog schon einmal angeführten WOW Exchange.

Quartiersvernetzung fördern (Teil 4) – die Rolle von Unternehmen und Stiftungen

Dies ist der vierte Beitrag einer kleinen, wöchentlichen Artikelserie hier im Blog zum Thema „Quartiersvernetzung“. Nach dem ersten Beitrag, warum Quartiersvernetzung wichtig ist, ging es im zweiten Blogartikel  um den Wissensaustausch unter den örtlichen Stadtteilvernetzern. Der dritte Beitrag nahm die engagierten Bürger, die als Vernetzer tätig sind, und die örtlichen Freiwilligenagenturen in den Blick. Der nun folgende Artikel beleuchtet die Rolle von Unternehmen und Stiftungen in der Quartiersvernetzung. Und die nächsten beiden Beiträge fragen nach der Bedeutung von Sozialunternehmen und Kirchen beim Aufbau neuer sozialer Beziehungen im Viertel.

Wie können Unternehmen und Stiftungen den Aufbau und die Stärkung neuer Nachbarschaften auf Quartiersebene vorantreiben und welchen Stellenwert besitzt das Thema derzeit bei den wirtschaftlichen Akteuren, die sich gesellschaftlich engagieren?

Dazu hat der Expertenbeirat im Forschungsprogramm „Experimenteller Wohnungs- und Städtebau“ des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung ein Papier verfasst.  Im Beirat vertreten sind viele Stiftungen , der Industrie- und Handelskammertag, engagierte Unternehmen, die Wissenschaft und die Städte. Mit dem Positionspapier „Gesellschaftliches Engagement von Unternehmen und Stiftungen in der sozialen Quartiersentwicklung „ will der Beirat das Thema „Aufbau von Nachbarschafts-Netzwerken im direkten Lebensumfeld“ als möglichen Bereich für ein Unternehmens-Engagement präsentieren. Gleichzeitig wird an die öffentliche Hand und an andere in der Quartiersvernetzung Engagierte appelliert, Unternehmen und Stiftungen stärker als bisher in die soziale Quartiersentwicklung einzubeziehen und sie als Partner auf Augenhöhe wahrzunehmen.

Obwohl sich Unternehmen und Stiftungen in vielen Bereichen gesellschaftlich engagieren und dies zum großen Teil auch auf der lokalen Ebene geschieht, spiele der Aufbau von Netzwerken im Quartier bisher als Engagementbereich in der Wirtschaft keine wichtige Rolle und sei auch in der Stiftungs- und CSR-Landschaft „als eigenständiges Thema kaum präsent“ (Positionspapier, S. 4), – obwohl die politische und wissenschaftliche Diskussion gerade in diese inhaltliche Richtung ziele.

Dem Beirat zufolge fehlt es gegenwärtig nicht nur ganz grundsätzlich am Dialog zwischen den unterschiedlichen Sektoren (Markt, Staat, Zivilgesellschaft), sondern auch an langfristigen, transparenten Partnerschaftsmodellen auf lokaler Ebene: die Zusammenarbeit zwischen engagierten Unternehmen und anderen  sei „zu schwach ausgeprägt, oft nur zufällig sowie kurzfristiger, anlassbezogener Natur“ (ebd., S. 5).

Dialog und Partnerschaft brauchen laut Beirat auf lokaler Ebene einen „Kümmerer“ (ebd., S. 6), den es häufig nicht gibt und den man lokal deshalb einsetzen müsse. Ferner sei eine förmlich zu verabschiedende Engagementstrategie seitens der Kommune notwendig, die Chefsache sein müsse und ohne die eine Kooperation zwischen der Kommune und anderen Akteuren schwierig sei, weil dann Unklarheit herrsche über Beteiligungsmöglichkeiten und die Verteilung der Rollen (ebd., S. 11).

Grundsätzlich gehe es in der sozialen Quartiersentwicklung darum, die Selbstorganisation und Selbstverantwortung im Viertel zu stärken und so die Mitwirkung und Selbstbestimmung der Bürgerinnen und Bürger zu fördern. Flankiert werden müsse dies durch eine entsprechende Gesetzgebung auf Bundes- und Landesebene und durch die überörtlichen Verbände aller Sektoren.

Speziell in benachteiligten Quartieren spielt der Aufbau sozialer Beziehungen eine wichtige Rolle. Hier sollten deshalb laut Beirat Unternehmen als soziale Quartiers(mit)entwickler unbedingt präsent sein (ebd., S. 8).

Wie kann man den Dialog zwischen der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft und kommunalen Akteuren auf lokaler Ebene beginnen? Dem Beirat  zufolge „fällt es bislang schwer, Plattformen für Begegnung und derartige Gesprächsforen zu öffnen und zu pflegen“ (ebd., S. 5).

Vielleicht wirkt das folgende Beispiel aus Großbritannien inspirierend, das ich vor kurzem entdeckt habe. Es etabliert Austauschbeziehungen zwischen der lokalen Wirtschaft und dem gemeinnützigen Sektor in East Sussex und geht über einmalige Tauschveranstaltungen oder Marktplätze hinaus. Bei lokalen Veranstaltungen an unterschiedlichen Orten der Grafschaft begegneten sich unzählige örtliche Unternehmen und gemeinnützige Gruppen, um sich kennenzulernen und auszutauschen. Die Entwicklung der Austauschplattform WOW Exchange war dann der zweite Schritt.

Vielleicht wäre es ein guter Anfang, man würde die unterschiedlichen Sektoren in den Quartieren zu solch niedrigschwelligen Vernetzungsveranstaltungen einladen,  um überhaupt erst einmal untereinander ins Gespräch zu kommen und darauf aufbauend trisektorale Kooperationen zu schaffen.