Sozialraumorientierung und Gemeinwesendiakonie – „Kirche findet Stadt“

Mit dem ökumenischen Kooperationsprojekt „Kirche findet Stadt“ wollen die evangelische und katholische Kirche gemeinsam mit ihren Wohlfahrtsverbänden -Diakonie und Caritas – die Rolle der Kirchengemeinden und der verbandlichen Arbeit auf lokaler Ebene neu ausloten.

Eine der Leitfragen lautet, in welcher Funktion sich die Kirchen in den Kommunen sehen und welchen Beitrag sie leisten für die Weiterentwicklung der Stadt und der örtlichen Zivilgesellschaft? Es sei wichtig, „nicht mehr nur einzelne Menschen oder Gruppen in den Fokus kirchlich-diakonischen Handelns zu stellen, sondern die Zukunftsfähigkeit ganzer Quartiere oder Dörfer zu betrachten“ (Kirche findet Stadt). Damit rückt auch der lokale Netzwerkaufbau in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, „denn eine integrierte Stadtentwicklung bezieht alle relevanten Akteure, Handlungsebenen und Handlungsfelder ein“ (ebd.).

„Kirche findet Stadt“ will die Diskussion zur Rolle der Kirche in den Bürgergemeinden anstossen und zeigt anhand von 36 kirchlichen Projekten auf, wie eine gemeinwesen- bzw. sozialraumbezogene Arbeit und Vernetzung in der Praxis aussehen kann.

Im Rahmen von „Kirche findet Stadt“ wurden zehn Empfehlungen formuliert, die darauf zielen, die Kirchen und ihre Verbände als zivilgesellschaftliche Akteure in den Netzwerken der Stadtentwicklung zu positionieren. Darin heisst es unter anderem:

  • Kirchen und ihre Verbände sollten sich als Teil des lokalen Gemeinwesens verstehen
  • Sie sollten das Gemeinwesens aktiv mitgestalten
  • Netzwerke über fachliche Grenzen hinweg sind aufzubauen und Konkurrenzverhalten abzubauen
  • Die kirchlich-verbandlichen Infrastruktureinrichtungen und Raumangebote werden zum Gemeinwesen hin geöffnet
  • Beteiligungsmöglichkeiten für Bewohner/innen des Stadtteils werden angeboten
  • Die Kirchen und ihre Verbände brauchen ihrerseits im Verhältnis zu den Kommunen Mitgestaltungsmöglichkeiten
  • Damit ein gemeinwesenorientierter Ansatz praktiziert werden kann, muss Kirche in den lokalen Politikstrukturen verankert sein
  • Es gehört dazu auch eine enge Zusammenarbeit von Kirchengemeinde und kirchlichem Wohlfahrtsverband

Auf dem Caritas-Kongress 2013 wurden sozialraumorientierte Projekte vorgestellt, darunter der „Caritaspfad„, der das sozialräumliche Engagement von Kirchengemeinde und Caritasverband gemeinsam in einem Frankfurter Vorort aufzeigt.

Oder das Projekt „Constellationen“ in Herten: in einem ehemaligen Kaufhaus bieten Caritas und Kirchengemeinde Bürger/innen Raum für Kunst, die beim gleichnamigen Festival präsentiert wird. Bürgerbeteiligung wird hier grossgeschrieben: die Festival-Angebote kommen durch crowdsourcing zustande. Der Hertener Caritasverband bietet zudem mit der Webseite Caritas-Plus einen Knotenpunkt für „neues denken und gestalten“, – in der Caritas, und darüber hinaus. Die Initiative freut sich über Unterstützer und weitere Vernetzung. Gelegenheit dazu gibt es zum Beispiel beim geplanten „Caritas-Plus-Camp“ – einem Barcamp – am 20.6.2013 in Herten, auf dem über „soziale Entwicklungen und Trends“ gesprochen werden soll, – näheres hier.

Der Punkt „Bürgerbeteiligung“ ist in den Empfehlungen von „Kirche findet Stadt“ nicht weiter ausgearbeitet, – das Papier spricht auch nicht von Bürgerbeteiligung, sondern der „Mitwirkung von Bewohner/innen“. In dieser Hinsicht bleiben die Empfehlungen noch vager als in anderen Reformkonzepten aus der freien Wohlfahrtspflege, wie bspw. von Seiten des Netzwerks „Soziales neu gestalten“.

Auch die Nutzung von Synergien für die Interessenvertretung wird zu wenig betont. Auf die „anwaltliche“ Rolle der Kirchen wird eingegangen, aber nicht darauf, dass sich der Impact kirchlicher und wohlfahrtsverbandlicher Interessenvertretung erhöht, wenn man Ressourcen und Strategien bündelt. Die Kirchenarbeit sollte sich nicht in der Bildung von „Verantwortungsgemeinschaften“ zur Koproduktion von Gemeinwohl erschöpfen, – sondern bei Bedarf auch Outsider-Strategien nutzen, um auf gesellschaftliche Mißstände hinzuweisen. Dass dies auf örtlicher Ebene auch ökumenisch und über Verbandsgrenzen hinweg gut funktioniert, zeigt ein Beispiel wie die Solidaritätstafel in Hannover.

Dass es noch ein weiter Weg ist, bis sich die Mehrzahl der Kirchengemeinden als Teil des lokalen Gemeinwesens verstehen, wird (leider nur anekdotisch) verdeutlicht durch den Wettbewerb um die „Gemeinde des Jahres“, zu der evangelische/katholische/freikirchliche Gemeinden aufgerufen sind: von den 135 Gemeinden, die sich beworben haben, fühlen sich nur eine handvoll dem Gemeinwesen-Konzept verpflichtet, – wobei das Programm „Kirche findet Stadt“ wörtlich von keiner Gemeinde erwähnt wird (von Vieregge 2013, S. 4f). Genaue wissenschaftliche Daten über das Selbstverständnis der Gemeinden und ihre Praxis fehlen, – auch dies ein Punkt, der kritisiert wird (siehe von Vieregge 2013, S. 6), – denn wie kann man Kirche weiterentwickeln, wenn man gar nicht genau weiß, was vor Ort eigentlich passiert? (fehlendes Datenmaterial kennzeichnet den gesamten zivilgesellschaftlichen Bereich in Deutschland).

Wer über die Weiterentwicklung der Diskussion über „Gemeinwesendiakonie“ informiert bleiben möchte, dem sei das Blog diakonisch.de von Martin Horstmann empfohlen, das u.a. eine große Ressourcensammlung zum Thema bereithält.

Ein Gedanke zu „Sozialraumorientierung und Gemeinwesendiakonie – „Kirche findet Stadt“

  1. Doppeldanke (für Blogpost und Verlinkung)!

    Die Selbstverständnisse der Gemeinden sind mannigfaltig. So ist das halt im Protestantismus (und das nervt manchmal auch ganz schön…). Daten sind da (leider) nicht zu erwarten…

    Ein größeres Problem ist allerdings, dass viele Gemeinden überhaupt kein „richtiges“ oder „eigenes“ Selbstverständnis haben. Es gibt sie halt einfach. Das muss nicht bedeuten, dass sie schlechte Arbeit machen, aber die Frage nach Profil, Schwerpunkten und Identität wird sehr häufig gar nicht gestellt (oder sie ergibt sich de facto über einige „starke“ Personen – das sind oft die Pfarrer, manchmal auch einige opinion leader unter den Presbytern/Kirchenvorstehern).

    So ein Projekt wie KfS hat daher den wunderbaren Effekt, dass überhaupt über mögliche Schwerpunkte diskutiert wird. Das ist schon viel wert! Die Gemeinden des verlinkten chrismon-Wettbewerbs scheinen alles Gemeinden zu sein, die sich sehr bewusst der Selbstverständnis-Frage gestellt haben (auch wenn nur wenige zu einem gemeinwesenbezogenen Schwerpunkt kommen…) – das ist schon mal was!
    MH.

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