Für eine Sozialarbeit mit bürgerschaftlichem Profil

Wenn eine Demokratisierung des Dritten Sektors notwendig ist, um Bürgern Mitgestaltungsmöglichkeiten zu eröffnen ( siehe Koproduktion und Co-Design), dann benötigt die soziale Profession ein neues Rollenmodell. Dann reichen das „heroische“ und das „altruistische“ Berufs-Paradigma nicht mehr aus. Sondern es wird ein neues Selbstverständnis notwendig, damit die Profession Bürgerbeteiligung akzeptieren und fördern kann.

Harington und Beddoe arbeiten in einem aktuellen Aufsatz („Civic practice: a new professional paradigm for social work“ , Journal of Social Work 2013) die grundlegenden Eigenschaften eines neuen Berufs-Profils heraus, das sie das „bürgerschafliche“ nennen:

Die bürgerschaftlich ausgerichtete Sozialarbeit integriert Partizipation in ihren Alltag. Sie zielt nicht nur auf das Betreuen, Helfen und Unterstützen, sondern auch auf den „civic outcome“ ihrer Arbeit, d.h. auf die Folgen, die soziale Dienste für den bürgerschaftlichen Status der einzelnen Nutzer als auch für die Zivilgesellschaft als Ganzes haben.

Das Territorium des „civic practioners“ sind nicht – wie bisher – die öffentlichen oder wohlfahrtsverbandlichen Institutionen. Sein Territorium ist das Gemeinwesen, er orientiert sich an den Bedürfnissen und Bestrebungen der Communities, die hier angesiedelt sind. Während in sozialen Diensten traditionell der Fallbezug vorherrscht, verfolgt der bürgerschaftlich ausgerichtete Sozialarbeiter gemeinwesenbezogene Ziele: er will die Kompetenzen in der Zivilgesellschaft fördern, Barrieren abbauen, und das Selbstbewußtsein von Bürgern bzw. Identitäten stärken (Harington/Beddoe 2013).

Entscheidungen werden kollaborativ mit den betroffenen Stakeholdern gefällt. Die soziale Arbeit nimmt nicht die Rolle des neutralen Experten ein, der über den Dingen steht . Vielmehr spielt die persönliche Ausrichtung des Sozialarbeiters an sozialem Wandel und an Gerechtigkeit eine wichtige Rolle in dem Modell einer bürgerschaftlich orientierten Profession: „Practice ethos based on explicit statement of values and personal commitment to social change and justice“ (Harington/Beddoe 2013, 11).

Die soziale Profession arbeitet aktiv als Interessenvertretung an einem solchen sozialen Wandel mit, indem sie die Informationen über soziale Exklusion und darüber, was im Rahmen öffentlicher Sozialprogramme funktioniert und nicht funktioniert, sammelt, analysiert und mit anderen teilt. Speziell die Evaluation von Programmen sollte nicht Externen überlassen bleiben. Die Autoren rufen die soziale Profession dazu auf, sich stärker um Zahlen (the „numbers game“) zu kümmern. Wenn dies die Sozialarbeit nicht selbst macht, dann machen es andere, – mit dem Ergebnis, dass das Wissen der Praktiker vor Ort und betroffener Bürger selbst in Evaluations- und Impact-Studien zu wenig einfließt: „so-called independent research effectively silences both users‘ and practitioners‘ experience of the world“ (Scheyett, zit. nach Harington/Beddoe 2013, 14).

Das Wissen um soziale Probleme und um die Wirkung sozialstaatlicher Programme im Alltag vergrößert seinen Wert, wenn es mit anderen geteilt wird und wenn andere ihren Beitrag dazu leisten können . Harington/Beddoe rufen die soziale Arbeit deshalb dazu auf, Wissensbestände gemeinsam mit Bürgern, Communities und Kolleg/innen aufzubauen. Wer bisher noch eine Begründung für die Relevanz von open data für Nonprofits gesucht hat, findet sie in dem Modell der „bürgerschaftlich augerichteten Sozialarbeit“, das die beiden Autoren entwerfen.

Die soziale Profession sollte sich überlegen, wie sie soziale Medien nutzen kann, um ihr Wissen mit anderen zu teilen und Wissenssammlungen im Netz aufzubauen. Speziell der Online-Kartierung sollte eine größere Bedeutung beigemessen werden. Es ist schade, dass so viele (kleine) soziale Organisationen nicht wissen, wie gut man Web-Karten nutzen kann, um Bedarfe und Ressourcen zu kartieren. Aber auch Wikis oder Blogs können eine wichtige Rolle spielen, wenn es darum geht, kollaborativ Wissen darüber zu sammeln, welche Prozesse und Programme auf örtliche Ebene funktionieren und welche nicht (vgl. das GrassrootsWiki oder AdmittingFailure).

2 Gedanken zu „Für eine Sozialarbeit mit bürgerschaftlichem Profil

  1. Immer wieder anregend, dankeschön!

    Allerdings ist das geschilderte „neue“ Verständnis von Sozialarbeit – sie „zielt nicht nur auf das Betreuen, Helfen und Unterstützen, sondern auch auf den ‚civic outcome‘ ihrer Arbeit“- letztlich doch nicht wirklich neu. Das ist doch mehr oder weniger immer schon das Grundanliegen der Sozialarbeit gewesen. Okay, das heißt nicht, dass das immer gelingt und oft stehen Verbands- oder Refinanzierunsginteressen dem entgegen. Aber wirklich neu ist diese Forderung doch nicht (oder sehe ich das jetzt völlig falsch?).

    100% Zustimmung zu dem Aufruf, dass die Sozialarbeit viel stärker ins „numbers game“ einsteigen muss! Allerdings ist es ja nicht nur schwierig, impacts, effects und outcome solide zu messen, sondern man trifft ja immer normative Vorentscheidungen, wenn man sich für ein Erhebungsverfahren entscheidet. Ob man („die“ Sozialarbeit, „die“ Zivilgesellschaft, etc.) hier jemals auf einen grünen Zweig kommen wird?

    Die Hinweise zu „Open Data für Nonprofits“ muss ich mir noch mal in Ruhe anschauen. Da steckt ja einiges an Potenzial drin (und ich muss zugeben, dass ich mich damit bisher noch kaum beschäftigt habe)!

    Martin

  2. Vielen Dank für Ihren Kommentar!

    Ich finde schon, dass der Aufsatz neue Schwerpunkte setzt, indem der einzelne nicht als Kunde (wie heute im Dritten Sektor weit verbreitet) oder als Klient (das war und ist immer noch ein ein zentrales Paradigma im Sozialbereich) oder als Konsument betrachtet wird, sondern als Bürger.

    Ich denke auch, dass der ‚civic outcome‘ in den Einrichtungen als Gedanke und Ziel zu wenig präsent ist. In erster geht es im Alltag darum, Individuen oder Familien zu helfen, ihre persönliche Lebenssituation in den Griff zu bekommen. Ob dadurch auch ihre Rolle als Bürger im Gemeinwesen und im öffentlichen Raum gestärkt wird, steht zumeist nicht im Vordergrund. Dementsprechend wird auch zu wenig reflektiert, welche Rolle die Beteiligung von Bürgern an der Programmformulierung im gemeinnützigen Bereich selbst spielen könnte. Partizipation im Dritten Sektor (nicht nur in der staatlichen Sphäre) ist als Thema zu wenig präsent, – und das liegt meines Erachtens daran, dass diese bürgerschaftliche Dimension der Sozialarbeit im Alltag vernachlässigt wird.

    Hoffen wir auf einen Wandel! Viele Grüße!

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