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Augmented Reality – Folgen für den Sozialraum

Augmented Reality (AR) bedeutet im engen Sinn, dass die reale Welt um digitale Informationen ergänzt wird. Diese Informationen können unterschiedlich abgerufen werden: u.a. über das Smartphone, über AR-Brillen oder als Projektion auf  Windschutzscheiben und in den realen Raum. Grundsätzlich kann alles in der realen Welt um digitale Inhalte ergänzt bzw. erweitert werden: Gebäude, Infrastrukturen, Gegenstände, Natur, – aber auch Menschen und deren Interaktionen. Bei der Augmented Reality verschmelzen reale und virtuelle Welt miteinander, deshalb spricht man auch von einer „mixed reality“. Wichtig für AR ist der Standort des Nutzers,  denn abhängig von dessen Position im Raum verändern sich die angezeigten Informationen.

Wie wird sich die erweiterte Realität im physikalischen Raum auswirken? Wer darf öffentliche und private Räume mit digitalen Informationen anreichern? Welche Folgen wird AR für Räume im Quartier, die dortigen gemeinnützigen Einrichtungen und die Quartiersvernetzung haben?

Über die Ethik von AR macht sich E. Neely (2018) Gedanken. Sie versucht zu klären, wer reale Räume mit digitalen Informationen anreichern darf. Ihr zufolge hängt eine Antwort entscheidend davon ab, ob sich für die erweiterte Realität eine bzw. wenige Plattformen und Apps durchsetzen oder viele konkurrierende. Ist ersteres der Fall, dann sollte bei privaten Räumen der jeweilige Besitzer vorrangig das Recht haben, seinen Raum mit digitalen Informationen anzureichern. Wo für Augmented Reality viele konkurrierende Apps und Plattformen genutzt werden, werden auch private Räume mit vielen unterschiedlichen Erweiterungen ergänzt werden können, ohne dass dies der Besitzer eines Raumes verhindern kann. Im öffentlichen Bereich kann durch AR ein neuer Diskurs begründet werden: Bürger/innen kommen miteinander im realen Raum ins Gespräch, wobei man hier beachten muss, dass die öffentliche Rede via AR länger sichtbar bleibt als das gesprochene Wort. Auch müssen unter Umständen für bestimmte öffentliche Räume Regeln definiert werden, um AR auf dem Niveau von graffitiy oder Spam entfernen zu können.

Aufgrund der negativen Erfahrungen im Zusammenhang mit den sozialen Medien ist damit zu rechnen, dass auch die Augmentierung von Räumen unethisch genutzt werden wird, d.h. dass private und öffentliche Räume erweitert werden mit Inhalten, die beleidigend, rassistisch, gewalttätig  und pornographisch sind:  In der realen Umwelt werden virtuelle „Aushänge“ mit negativen und polarisierenden Inhalten angebracht. Abschreckende Beispiele finden sich im Text der Autorin (Neely 2018).

Nonprofits im Quartier müssen damit rechnen, dass digitale Informationen, Kommentare und Bewertungen  ihrer Einrichtungen von Dritten mit dem realen Raum verbunden werden, so dass jeder Vorbeikommende, der über die entsprechende AR-Anwendung verfügt, diese Informationen sofort sieht. Grundsätzlich bietet AR so auch die Chance einer besseren Kontaktaufnahme zwischen einer Einrichtung und Bürgern: Wer an einer gemeinnützigen Einrichtung vorbei spaziert  und mit einem Smartphone ausgestattet ist, sieht z.B. an das Haus „gepinnte“ virtuelle Kontaktdaten und Angebote für Freiwillige. Passanten können bei Interesse direkt mit der Organisation in den Austausch treten, Wände werden durchlässiger. Angebote im Quartier werden so viel besser und unmittelbarer bekannt.

Das derzeitige Problem vieler Quartiere, dass ihre Ressourcen nicht kartiert und allgemein bekannt sind bzw. die Ressourcen untereinander zu wenig verknüpft, könnte AR reduzieren. Die erweiterte Realität bietet die Chance, Einrichtungen und Bürger ganz niedrigschwellig und raumbezogen miteinander zu vernetzen.

Aber es existieren auch – wie oben erwähnt – erhebliche Gefahren, wenn sich der Hass und die Desinformation aus den sozialen Medien in realen Räumen lokalisiert. Hinzukommt die zunehmende Individualisierung durch AR: Wenn sich reale und virtuelle Welt zunehmend mischen und jeder – je nach benutzter Anwendung – unterschiedliche digitale Informationen  im Raum vorfindet, dann stimmt die Annahme, dass wir alle die selbe Realität teilen, nicht mehr (vgl. Wolf/Grodzinsky/Miller 2015). Diese Annahme war zwar schon in der Vergangenheit nicht ganz richtig angesichts unterschiedlicher sozialer Herkünfte und unterschiedlichem kulturellen und sozialen Kapital. Aber mit der erweiterten Realität werden die Erfahrungen im Raum nochmals stärker und radikaler individualisiert.

AR-Anwendungen und Plattformen werden eine ganz zentrale Rolle spielen, wenn es um den Blick auf die physikalische Welt geht, denn was wir vor Ort sehen, wird durch die Inhalte dieser Plattformen mitbestimmt werden und ist in deren Besitz. Dies wirft die ethische und politische Frage auf: „Wem gehört der Raum zwischen unseren Augen und einem Objekt?“ (Wolf/Grodzinsky/Miller 2015). Die Zivilgesellschaft sollte diese Frage ganz dringend diskutieren.

Literatur:

  • Neely, E.L. (2018): Augmented reality, augmented ethics: who has the right to augment a particular space?, in: Ethics and Information Technology, https://doi.org/10.1007/s10676-018-9484-2
  • Wolf, M.J., Grodzinsky, F.S., Miller K.W. (2015): Augmented Reality All Around Us: Power and Perception at a Crossroads, ACM
    Computers and Society, Vol 45 issue 3,  S. 126-131
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Quartiersvernetzung fördern (Teil 11) – Kooperationen im Quartier

Eine gut verständliche Handreichung für die Bildung von gelingenden Kooperationen im Quartier hat jüngst die Stiftung Mitarbeit veröffentlicht.

Das 40-seitige Papier basiert auf den Ergebnissen eines empirischen Forschungsprojektes in Niedersachsen, welches die Quartiersarbeit in einzelnen Stadtteilen dreier Kommunen untersuchte. Zwei dieser Quartiere gehören zum Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“, das Kooperationen fördert. Ein Quartier setzt die Kooperation in Eigenregie um, – hier war eine Bewohnerinitiative der zentrale Akteur.

Was wird in der Handreichung unter „Kooperation“ verstanden? „Ein Zusammenschluss von Akteur/innen auf Quartiersebene, die zusammenarbeiten, um ein bestimmtes Projekt oder Ziel zu verwirklichen“(Gliszczynski 2017, 7), – im Mittelpunkt steht also das konkrete Umsetzen und nicht der bloße Informationsaustausch.

Folgende Bedingungen fördern Kooperationen im Quartier (Gliszczynski 2017, 9f):

  • Ressourcen wie Zeit/Geld/Material/Räume müssen ausreichend verfügbar sein. Sie bilden die Mindestvoraussetzung für eine gelingende Kooperation, weil ohne Zeit Kontakte nicht gepflegt werden können
  • „belastbare persönliche Beziehungen“ zwischen den Akteur/innen im Quartier
  • feste Kommunikationsstrukturen, u.a. durch regelmäßige Treffen im Quartier. Dies erleichtert die Kontaktaufnahme zu neuen Akteuren, die man noch nicht kennt und fördert das Wissen über die Strukturen im Viertel und die Potenziale anderer Akteure
  • ein regelmäßiger Austausch über die Quartiersentwicklung unter den Kooperationspartnern, entweder im Rahmen formeller oder informeller Treffen
  • gerade bei intensiven und formalisierten Kooperationen sind klare Ziele, die messbar sind und gut planbare Umsetzungsschritte erlauben, sehr wichtig
  • ebenso sind bei intensiven und formalisierten Formen der Kooperation  klare Verantwortlichkeiten, einschließlich klarer Führungs- und Koordinationsrollen, von Bedeutung

Es verwundert, dass bei diesen Bedingungen nicht der „Netzwerk-Katalysator“ oder der „Netzwerk-Treiber“ auftaucht, – eine Rolle, die bei Bott (2014, 27ff) oder Mehnert/Kremer-Preiß (2016, 74) stärker betont wird. Auch Miriam Zimmer schreibt in ihrem Beitrag für die Handreichung, dass es Initiator/innen braucht, die für eine Kooperation werben, speziell in deren Anfangsphase (Zimmer 2017, 18).

Netzwerk-Katalysatoren sind aus meiner Sicht immer wichtig, auch nach der Gründungsphase eines Netzwerks. Sie setzen inhaltliche Impulse, holen neue Akteure ins Netzwerk, überwinden Flauten und suchen nach Unterstützern. Aber ihre Rolle ist in selbstorganisierten Netzwerken wahrscheinlich größer als in Kooperationen, die im Rahmen öffentlicher Programme initiiert und gefördert werden.

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