Wissensmanagement in Nonprofits mit Social Media- Auswertung der Blogparade

In der 15. Runde der NPO-Blogparade ging es um die Frage, wie gemeinnützige Organisationen die Netzwerke und Tools des Web 2.0 für ihr Wissensmanagement nutzen können. Zu dem Thema wurde am 23. April auch ein einstündiger #npochat auf Twitter durchgeführt, der – wie immer – allen Interessierten offen stand.

Welche Erkenntnisse konnten wir durch die Blogparade und den #npochat sammeln und nun an NPOs weitergeben?

1. Der Begriff ‘Wissensmanagement’ ist umstritten. Auch unter uns BloggerInnen. Er wird als zu technizistisch empfunden, mit einem Hang zur Betonung des organisationsinternen und schriftbasierten Wissens unter Vernachlässigung des sozialen Austausches. Speziell Gerald Czech, der Redcross Sociologist, hält den Begriff für “gehyped”. Ihm zufolge sammeln und generieren NPOs Wissen, ohne dafür explizit diesen Begriff zu verwenden.

2. Warum überhaupt Wissensmanagement? Nadja Bauer zählt die Argumente auf, die für ein Wissensmanagement in gemeinnützigen Organisationen sprechen: Die Konkurrenz auf den Märkten – auch im gemeinnützigen Bereich- nimmt zu. Öffentliche Gelder gehen zurück. Für Nonprofits bietet das Wissensmanagement eine gute Möglichkeit, größere Effektivität und Effizienz zu erreichen und einen Wissensabfluss zu stoppen. Von einem Wissensabfluss sind NPOs deshalb besonders bedroht, weil sie sehr von freiwilliger Mitarbeit abhängen und viele Helfer nur eine kurze Zeit in Nonprofits mitarbeiten. Ihr Wissen geht nach einem Weggang ohne vorherige Archivierung oder weitere Vernetzung für die Organisation verloren.

3. Tools standen bei den eingegangenen Blog- und Diskussionsbeiträgen nicht im Vordergrund. Alle waren sich darin einig, dass die Organisationskultur und die Haltung der Mitarbeiter für ein erfolgreiches Wissensmanagement wichtiger sind als einzelne Tools. Dass es im Internet sehr gute Instrumente gibt, die dem gemeinsamen Wissensaustausch und Lernen dienen, ist bekannt.

Genannt wurden hier immer wieder Wikis, und Blogs (tragen “das Wissen in den Köpfen der Mitarbeiter nach außen”. Sie sind eine “Art Protokoll des lauten Denkens” meint Nadja Bauer). Dann soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook und die Lernplattform Moodle, die ihre Potentiale für das Wissensmanagement laut Stefan Zollondz speziell am Beispiel des Forum Lernens zeigt, in dem Nonprofit-Vertreter träger- und bundesländerübergreifend zusammenarbeiten. Aber auch Offline-Formate wie Barcamps und die Socialbar werden als nutzbringende Wissensmanagement-Instrumente erachtet.

4. Organisationskultur/Mitarbeiter: Sie sind der Dreh-und Angelpunkt für ein erfolgreiches Wissensmanagement in gemeinnützigen Organisationen. Im einzelnen sind folgende Elemente in der Organisation und im Mitarbeiterbewusstsein und -handeln wichtig:

  • Freude und Spaß am Wissen teilen (Christian Henner-Fehr).
  • Eine Wertschätzung des unterschiedlichen Wissens der Kollegen (Hannes Jähnert, C. Henner-Fehr). Anderes/fremdes Wissen sollte nicht als Konkurrenz und Bedrohung betrachtet werden, sondern als Bereicherung.
  • Eine Kultur der Fehlerfreundlichkeit, die Innovationen fördert und öffentlich Rechenschaft ablegt über den eigenen Lernweg, statt Strafen für Fehler und eine PR der “Selbstbeweihräucherung” (Hannes Jähnert).
  • Social Media-Richtlinien, die Mitarbeiter mit Chancen und Regeln für die Online-Kommunikation ausstatten.

Im #npochat wurde herausgearbeitet, dass Wissen teilen für Individuen einfacher ist als für Organisationen:

redcross-Tweet 13cm

 

Es bleibt für mich die Frage, wie die hier angemahnte Kultur der Fehlerfreundlichkeit und Innovation mit der Tendenz in Nonprofits zusammenpasst, ihre Dienstleistungen zu standardisieren und untereinander anzugleichen. Eine Tendenz, die durch ISO-Zertifizierungen und staatliche Vorgaben gefördert wird, wie Stefan Zollondz in einem Blogbeitrag analysiert.

Das bestärkt mich in meiner Forderung, den Staat nicht außer acht zu lassen, wenn man über hiesige NPOs – speziell im Sozialbereich – spricht. Für ein innovationsorientiertes Wissensmanagement bedarf es auch eine entsprechende Akzeptanz auf staatlicher Seite oder zumindest keine staatlichen Richtlinien, die die Bemühungen von Nonprofit-Organisationen hier konterkarieren.

5. Netzwerke sind die Strukturen, die den Austausch von Wissen unter Mitarbeitern und Organisationen ermöglichen. Gerald Czech vertritt die These, dass die Vernetzung nicht nur das Feld an sich, sondern auch das Wissen des Feldes strukturiert, – ein interessanter Gedanke. Hervorgehoben wurde im #npochat auch,wie wichtig es ist, die Aktivitäten von Online-Netzwerken durch Offline-Aktionen zu verbinden:

Hannes-Tweet 13 cm

staranov-Tweet 13cm

 

6. Austausch über Organisationsgrenzen hinweg. Auf die Stärke schwacher Beziehungen wurde öfters in der Diskussion hingewiesen, insbesondere von Stefan Zollondz. Neues Wissen und Innovation entsteht dort, wo unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven aufeinander treffen. Deshalb ist gerade für Nonprofits der organisations- und fachbereichsübergreifende Austausch wichtig.

Laut Zollondz wird in NPOs auch organisationsübergreifend immer häufiger Wissen geteilt, aber interessanterweise eher mit Organisationen, die weiter weg sind:Zollonz-Tweet 13 cm

 

Wenn schwache Beziehungen eine so große Bedeutung besitzen, dann frage ich mich, wie die schleichende Personalisierung des Internets, vorangetrieben durch Facebooks Open Graph, sich auf die Generierung von Wissen und Innovation auswirken wird. Besteht nicht die Gefahr, dass man als Individuum oder Organisation über Facebook nur noch jene Netz-Informationen zugespielt bekommt, die die eigenen Interessen (und die eigene beschränkte Sicht der Welt) widerspiegeln?

7. Crowdsourcing. Speziell Hannes Jähnert weist auf die Bedeutung der ‘Weisheit der Vielen’ für das Wissensmanagement von Nonprofits hin. Hier spielen auch wieder die unter Pkt. 6 erwähnten schwachen Beziehungen eine Rolle. Es muss für Nonprofits darum gehen, die unentdeckten Wissensschätze ihrer Stakeholder zu heben. Auch ‘Laien’ bieten als Kunden, Ehrenamtliche, Bürger usw. wichtige Anregungen und Informationen für gemeinnützige Organisationen, auf die Nonprofits nicht verzichten sollten, wenn sie erfolgreich im Wettbewerb bestehen möchten.

Wie wichtig das Wissen von Bürgern für Nonprofits z.B. im Katastrophenfall ist, zeigt das Projekt Ushahidi, das die Hilfsanfragen von Betroffenen kartiert. Und auch im Umweltbereich werden Bürger immer häufiger zu Datensammlern und können das Wissen von NPOs erweitern, – siehe das Projekt Copenhagen Wheel, wo Radfahrer unterwegs automatisch Umweltdaten sammeln, die sie mit anderen teilen können.

Robert Dürhager wies im #npochat auch auf die Bedeutung von Kampagnen hin, um einen Wissenstransfer von den Stakeholdern hin zu gemeinnützigen Trägern zu schaffen:

Robert-Tweet 13cm

 

8. Open Data. Von meiner Seite möchte ich noch auf die Relevanz von offenen Daten für das Wissensmanagement von Nonprofits hinweisen. Wenn Regierung und Verwaltungen bisher verschlossene Daten öffentlich stellen, können auch gemeinnützige Organisationen davon profitieren. Auf der Basis zusätzlicher quantitativer und qualitativer Daten können Nonprofits das Wissen über ihr Fachgebiet und über ihre Zielgruppen erweitern und ihr Dienstleistungsangebot verbessern bzw. Applikationen für ihre Stakeholder entwickeln.

Auch Nonprofits sind dazu aufgefordert, mehr Transparenz bezüglich ihrer Leistungen zu schaffen und mehr Informationen über ihr Fachgebiet online zu stellen, damit die Chance, Wissen über Organisationsgrenzen hinweg zu entwickeln, wächst. Mehr zum Thema ‘offene Daten’ finden interessierte Leser hier und im Opendata Blog.

9. Integration in die Arbeitsabläufe. “Für das Wissensmanagement ist die Integration von Social Media Tools in den Workflow die beste Voraussetzung, denn dadurch können interessante Synergien genutzt werden”, die sich im Rahmen des Austausches der Mitarbeiter untereinander und mit anderen ergeben, schreibt Nadja Bauer. Wissensmanagement muss integraler Bestandteil des Arbeitsalltags und der Kooperation in NPOs sein und keine separierte Aufgabe, um die man sich gesondert kümmert.

Abschließend möchte ich mich bei allen Autoren, die an der NPO-Blogparade und am #npochat teilgenommen haben, herzlich bedanken. Sie haben ihr Wissen großzügig geteilt und damit auch diese Runde der Blogparade zu einem Instrument gemacht, mit dem das Wissen über und für gemeinnützige Organisationen erweitert werden kann.

Die kommende Runde der NPO-Blogparade wird von meiner Bloggerkollegin Karin Janner vom Kulturmarketing-Blog gehostet. Ich bin schon gespannt auf das nächste Thema!

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3 Gedanken zu „Wissensmanagement in Nonprofits mit Social Media- Auswertung der Blogparade

  1. Hallo Brigitte, vielen Dank auch von mir für die aufschlussreiche Auswertung. Von all dem, was du hier zusammengefast hast, will ich gern drei Punkte unterstreichen, die ich besonders Wichtigs fand:

    (1) Der seltsame Begriff des “Wissensabflusses” bezeichnet eine Tendenz, der ich schon seit einiger Zeit mit Sorge entgegen sehe. Langfristige Anstellungen im NPO-Bereich sind rar, viele müssen, wenn nicht gleich auf die Selbstständigkeit, dann doch auf kurzfristige Arbeitsverhältnisse hoffen. Das finde ich persönlich einen sehr belastenden Gedanken. Für den Dritten Sektor aber birgt das natürlich große Chancen: Der Wissenstrasfer zwischen den NPOs, die sich nur all zu häufig in Geheimnistuerei und Eigendünkel ergehen, wird auf die freien Mitarbeiter übertragen, die zwar nicht immer sagen, woher sie wissen, was sie wissen, doch ihr Know-How (um jetzt nicht schon wieder Wissen zu schreiben) auch für andere Engagements nutzen.

    (2) Ich finde Fehlerfreundlichkeit — wie ich schrieb — eine wichtige Sache. Vorallem auch um Mitarbeitende psychisch zu entlasten. Du hast aber natürlich Recht: Die Absonderlichkeit der Standardisierung des Sozialen — wenn man das so sagen darf — steht einer fehlerfreundlichen Kultur diametral entgegen.

    (3) Auch auf die Gefahr der Entwicklungsstagnation durch das Dick-Werden des eigenen Saftes in dem wir schwimmen bin ich in anderen Kontexten schon gestoßen — besonders bei meiner Beschäftigung mit Google. Es ist wahr: Durch die Technisierung unserer Welt bekommen wir nur all zu häufig geboten, was wir sowieso schon wissen oder was wir wissen wollen. All das, was uns — im Sinne der Stärke schwacher Beziehungen — wirklich weiter helfen würde, also das, was man so nebenher erfährt, fällt weg.

    Fazit: Es ist eben das “Social” im Web, was die Chancen bietet. Im Sinne eines Imperativs der Möglichkeiten (man möge immer mehr Möglichkeiten eröffnen als verbauen) hat das technische im Web durch aus Nachteile…

  2. Danke für Eure Kommentare.

    @Hannes, zu Deinem zweiten Punkt: Die Standardisierung von Dienstleistungen ist sehr ambivalent: einerseits wünschenswert, um einen bestimmten Qualitätsstandard in allen Einrichtungen eines Fachgebietes vorzufinden und zu sichern. Andererseits kann die Übernahme standardisierter Qualitätsrichtlinien auch dazu führen, dass man sich mit ihnen zufrieden gibt und auf eigenständige Weiterentwicklungen, auf Innovation – die auch mit Irrtümern einhergehen kann – verzichtet. Es muss also darum gehen, Mindeststandards zu sichern, ohne eigenständige Lösungen und Innovationen zu verbauen.

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