Kategorie-Archiv: Social Media

Inklusion durch Innovation

Am 30. Januar 2016 findet in München das zweite openTransfer CAMP Inklusion statt. Im Vorfeld laden die Macher von openTransfer in Kooperation mit der Aktion Mensch zu einer NPO-Blogparade ein über die Frage „Wie kommt Barrierefreiheit im Netz voran?“. Beiträge sind bis zum 28.1. 2016 willkommen.

Die Inklusion von Bürgern – mit und ohne Behinderung – in das örtliche Gemeinwesen kann durch innovative Praktiken vor Ort gefördert werden. Zu diesen Praktiken zählen:

  • der Aufbau von Netzwerken
  • der Wissenstransfer
  • die Förderung von Bürger-Ideen und Bürger-Projekten
  • das Bürgerengagement von Menschen mit und ohne Behinderung
  • die Nutzung des Internets

Die Bedenken mancher Kommune,  angesichts knapper Budgets und überlasteter Mitarbeiter/innen nur wenig Handlungsspielräume für die Realisierung eines inklusiven Gemeinwesens zu haben, sind viel zu pessimistisch. Geld ist nicht alles – wichtig sind auch neue Praktiken, die die vorhandenen Ressourcen besser nutzen und Menschen im Gemeinwesen über Fach-, Sektoren- und Quartiersgrenzen hinweg zusammenführen.

In vielen Gemeinden gibt es schon Arbeitsgruppen oder Beiräte, die sich mit dem Thema „Inklusion“ befassen. Allerdings sind diese in der Regel nicht trisektoral (Zivilgesellschaft, Verwaltung, Wirtschaft),  – oft bleiben Bürger und die Stadt unter sich. Wenn ein Gemeinwesen aber inklusiver werden soll, dann müssen alle Bereiche einer Stadtgesellschaft an einen Tisch, – man kann es sich nicht leisten, einen Sektor außen vor zu lassen und damit auf Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten zu verzichten.

Wer sich vor Ort mit inklusiven Maßnahmen auf den Weg macht, sollte offensiv darüber berichten und das Thema auf der Gemeinde- und Vereinswebseite bzw. in den örtlichen Publikationen nicht aussparen oder am Rand abhandeln. Nur wer regelmäßig über die örtlichen Inklusions-Schritte  und über Begegnungs- und Mitmachmöglichkeiten berichtet, kann damit rechnen, dass das Thema im Bewusstsein des Gemeinwesens ankommt und Mitstreiter für gemeinsame Aktivitäten gefunden werden.

Das Internet spielt eine wichtige Rolle, um Wissen zwischen Sektoren und über Gemeindegrenzen hinweg zu teilen und Wissensspeicher anzulegen, auf die alle zugreifen können, die Tipps brauchen, wie inklusive Strukturen aufgebaut werden können.  Auch Bürger-Ideen und freiwillig Engagierte können online gesucht werden. Dafür sollte man Freiwilligendatenbanken nicht nur technisch, sondern auch inhaltlich barrierefrei machen. D.h. in den Datenbanken müssen sich auch Informationen dazu finden lassen, ob Orte des Engagements barrierefrei sind und welche der ehrenamtlichen  Tätigkeiten  sich bspw. für Menschen mit Lernbehinderung eignen.  Auch die Möglichkeiten des Online-Volunteering sollten stärker ausgebaut werden. Das digitale Ehrenamt bietet gerade Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, viele interessante Möglichkeiten, siehe hierzu den Beitrag von Henning Baden für die aktuelle NPO-Blogparade.

Bürger sollten ermuntert werden, eigene Ideen, die die Inklusion voranbringen, umzusetzen. Sie sollten dafür eine Infrastruktur zur Engagement-Förderung nutzen können, die bedarfsorientiert berät und unterstützt. In diese Beratung sind örtliche Experten aus allen Bereichen als Mentoren für Bürgerengagement einzubeziehen, – erfahrene Engagierte, Vereinsvorstände, Kirchengemeinde-Vertreter, örtliche Stiftungen, gemeinnützige Organisationen und Vertreter von Kommune und Wirtschaft. Professionelle Sozialeinrichtungen sind ebenfalls gefordert, sich über ihre unmittelbare Aufgabe hinaus als örtliche Berater für ein inklusives Gemeinwesen anzubieten.

Innovative Praktiken sind der Schlüssel für vieles auf lokaler Ebene, so auch für Inklusionsprozesse. Sie setzten vor Ort den Willen zur Kooperation und zum Lernen voraus.

Gerade Verbände und Initiativen von Behinderten sollten sich lokal ofensiv mit ihrem Umfeld vernetzen, um in Form einer lokalen Allianz das Thema Inklusion voranzutreiben.  An dieser Vernetzung untereinander und mit dem Gemeinwesen mangelt es noch häufig auf örtlicher Ebene.

Quartiersvernetzung fördern (Teil 7) – das Internet nutzen

Dies ist der 7. Teil einer Blogserie, die ich in loser Folge fortführen werde, sofern mir ein spannendes Papier, ein guter Gedanke oder ein interessantes Projekt aus der Praxis vorliegen. Nach den Beiträgen über die Bedeutung der Quartiersvernetzung (Teil1), den Wissensaustausch (Teil 2), das Bürgerengagement (Teil 3), die Rolle von Unternehmen und Stiftungen (Teil 4), die Rolle von Innovationen und Sozialunternehmen (Teil 5) und die von örtlichen Kirchengemeinden (Teil 6) folgt hier ein Beitrag über die Bedeutung des Internets in der Quartiersvernetzung.

In der Online-Publikation Nr. 07/2015 des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung: „Virtuelle und reale öffentliche Räume“ werden die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Stadtraum und auf die Herausbildung von städtischer Öffentlichkeit „als Wesensmerkmal der Europäischen Stadt“ (S. 6) untersucht. Das Papier unterscheidet drei Arten von Öffentlichkeit:

  • die politische (Austausch, Verhandlung)
  • die diskursive (Informationsverbreitung, Diskurs über Informationen)
  • die symbolische (interagieren, um Gemeinschaft zu bilden)

Sowohl für die politische Öffentlichkeit in einer Stadt als auch für die symbolische spielen reale Räume eine sehr große Rolle, während sich die diskursive Öffentlichkeit sehr gut im Internet herstellen lässt (S. 91). Generell kann Öffentlichkeit aber in jedem Raum und Medium entstehen und auch da, wo reale Räume wichtig sind, werden sie durch virtuelle ergänzt (aber nicht ersetzt).

Quartiersvernetzung ist nach dieser Systematik der symbolischen und der politischen Öffentlichkeit zuzuordnen. Um neue Nachbarschaften im Quartier zu bilden, brauchen Menschen den persönlichen Kontakt und reale Treffen. Aber ihre Aktivitäten und ihr Austausch im realen Raum kann durch Aktivitäten im virtuellen ergänzt werden. Über das Internet können entstehende Netzwerke organisiert und gepflegt sowie Aktivitäten abgesprochen und vorbereitet werden. Auch wer nicht regelmäßig bei den realen Treffen dabei sein kann, bleibt über das Internet auf dem Laufenden. Die Öffentlichkeit kann über den Rahmen des Netzwerks hinaus erweitert werden, wenn Nachbarschafts- und Stadtteilinitiativen sich im Internet mit einer Webseite präsentieren oder einen der großen Social Network-Dienste nutzen. Auch gibt es viele Plattformen, die sich speziell dem Aufbau neuer Nachbarschaften verschrieben haben, wie bspw. Wir Nachbarn, nicer2gether, Nextdoor, und – in Gründung – deine-strasse.de aus Stuttgart.

Welche Internet-Tools es jenseits von Facebook und Twitter gibt, um lokal die Vernetzung unter Bürgern zu fördern und die Organisation des Bürgerengagements in Netzwerken, Initiativen und Vereinen zu erleichtern, das zeigte Martin Kunzelnick  bei der Socialbar Stuttgart im Juni, die sich mit dem Thema „Quartiersvernetzung“ befasste.  Sein Vortrag präsentiert eine Menge Tools, die allesamt in der Freiwilligenarbeit und in Vereinen schon erfolgreich angewandt wurden. Viele eignen sich auch gut für Einsteiger ins Netz.

Immer noch gibt es eine erheblich Anzahl von Bürgern, aber auch von Vereinen und sozialen Diensten im Stadtteil, die das Internet noch zu wenig nutzen, um sich die Arbeit zu erleichtern und sich untereinander zu vernetzen. Dies wurde hier im Blog schon oft beschrieben und bedauert,  z.B. in diesem Artikel. Andererseits sind alle digitalen Tools mit Bedacht auszuwählen, weil die meisten von kommerzieller Seite angeboten werden und mit dem Datensammeln und -verkaufen Geschäfte machen, andererseits aber keine Mitbestimmung oder Kontrolle von Bürgern zulassen.

Was wir brauchen sind alternative digitale Instrumente, die Bürgerrechte respektieren. Die Entwicklung solcher Tools auf lokaler Ebene sollte viel stärker in den Fokus rücken. Digitale Bürgerschaftlichkeit drückt sich nicht darin aus, dass man auf Facebook ist. Digitale Bürgerschaftlichkeit bedeutet, dass Bürger eine große Bandbreite digitaler Instrumente beherrschen und auch digitale Tools für sich und ihre (lokale) Community entwickeln können, die passgenau die vorhandenen Bedarfe abdecken.

Initiativen wie die Detroit Digital Justice Coalition bräuchte es auch hierzulande auf örtlicher Ebene. Diese Initiative fördert einerseits die digitale Inklusion der Bürgerschaft, speziell von Menschen, die bisher am Rand stehen, u.a. durch Veranstaltungen wie „Discotechs“ (Discovering Technology). Und andererseits soll die Kompetenz der Bürger gefördert werden, die neuen Internet-Angebote nicht nur zu nutzen, sondern auch selbst welche zu entwickeln. Die Initiative tritt ein für digitale Gerechtigkeit, dazu gehören die Prinzipien  Zugang, Partizipation und gemeinsame Eigentümerschaft im Hinblick auf digitale Angebote.

„Community Informatics“, d.h. die Informatiken, die auf die Bildung von Smart Communities zielen, sollten lokal gestärkt werden. Auch die Stadtplanung sollte die Rolle von Community Informatics im Blick haben, wenn es darum geht,  in Städten die soziale Quartiersentwicklung zu stärken.  Wer sich für dieses Thema interessiert, findet im Journal of Community Informatics viele interessante Aufsätze zum Weiterlesen.

Im Blickpunkt: die Internet-Präsenz lokaler Nonprofits

Dachorganisationen von Wohlfahrtsverbänden und gemeinnützige Institutionen mit großem geographischen Radius sind in der Regel schon seit längerem im Internet aktiv und mit mehreren Profilen in den sozialen Medien vertreten. Auf Pluragraph.de kann man sich einen kleinen Überblick über die Präsenz von Nonprofits auf Facebook, Twitter und Co verschaffen.

Wie steht es jedoch um die Internet-Aktivitäten von lokalen Nonprofits? Sind diese schon durchweg im Netz präsent und nutzen soziale Medien oder sind sie eher nicht vertreten im digitalen Raum? Und warum ist diese Frage überhaupt von Bedeutung?

Weil der Nonprofit-Sektor dominiert wird von lokalen Organisationen. Es gibt über 600.000 Nonprofits in Deutschland, davon sind 95% als Verein organisiert. Von diesen Nonprofits haben 84% einen ausschließlich lokalen und regionalen Schwerpunkt (Krimmer/Priemer 2013, S. 16 und 28). Wenn wir über „den“ Nonprofit-Sektor oder Dritten Sektor in Deutschland sprechen,  dann sprechen wir also primär nicht über Bundesverbände oder Organisationen auf nationaler Ebene, sondern über lokale Nonprofits in Städten, Dörfern und Regionen. Wenn wir wissen möchten, ob „der“ Nonprofit-Sektor digital inkludiert ist und soziale Medien nutzt, dann müssen wir uns mit lokalen Nonprofits befassen.

Wie sieht deren typisches Profil aus? Sie sind überwiegend mittelgroß (51-500 Mitglieder) und haben ein Budget bis 100.000 Euro (Priller u.a. 2012, S. 15). 60% der Vereine haben keine oder nur unterdurchschnittlich Mitglieder zwischen 14 und 30 Jahren (ebd., S. 25).

Wie nutzen lokale Nonprofits das Internet bzw. nutzen sie es überhaupt? Hier greife ich auf eine Studie aus Norwegen zurückgreifen, die die Internetaktivitäten von 2.500 freiwilligen Organisationen aller Sparten auf lokaler Ebene untersuchte und zwar 1998 und 2009 (Ivar S. Eimhjellen 2014, in: Nonprofit and Voluntary Sector Quarterly 43 (5)).  Eine vergleichbare Studie kenne ich in Deutschland nicht. Dieser Untersuchung zufolge sind 79% der lokalen Nonprofits in Norwegen online – in Deutschland dürfte diese Zahl niedriger liegen, da Norwegen zur Weltspitze gehört, wenn es um die digitale Einbindung der Bevölkerung geht: 97% der Bürger sind online verglichen mit 79% in Deutschland.

89% der kommunalen Nonprofits in Norwegen, die online sind,  haben eine eigene Webseite, 25% sind auf Facebook, 5% haben ein eigenes Blog (Eimhjellen 2014, 898). Mit der Internetpräsenz verfolgen sie hauptsächlich die folgenden Ziele: informieren und den Kontakt mit der Zentrale auf nationaler Ebene pflegen. Interaktion und Interessenvertretung sind weniger wichtige Ziele: „satisfaction with the Internet seems to be more contingent upon Web 1.0 technology than Web 2.0 technology“ (Eimhjellen 2014, 901).

Wie sieht das Profil der lokalen Organisationen aus, die in Norwegen das Netz nutzen? Es sind Organisationen, die eher groß, städtisch, formal strukturiert, jüngere Gründungen und solche mit jüngeren Mitgliedern sind (ebd., S. 901). Umgekehrt bedeutet dies, dass kleine, ländliche, informelle, alte Gründungen und solche mit älteren Mitgliedern eher nicht online sind.

Eine Erkenntnis der norwegischen Studie ist, dass das Internet die Organisationszentralen stärkt und nicht die lokalen Mitglieder: „Being online is also related to the centralization of decisive power in organizations (…) This finding challenges the ideal of a participatory democracy and the local members‘ influence within voluntary organizations‘ central administration“ (Eimhjellen 2014, 904).

Dieser Machtzuwachs für die Zentralen ist meines Erachtens auch auf lokaler Ebene ganz deutlich im Wohlfahrtsbereich an dem Verhältnis zwischen gesamtstädtischem Träger  und dessen Stadtteileinrichtungen und -gruppen zu beobachten: letztere haben vielerorts zumeist keinen eigenen Handlungsspielraum, wenn es um das Internet geht, sondern sind als statische Unterseite eingebunden in einen Webauftritt, der von der (städtischen) Zentrale verwaltet und kontrolliert wird. Online-Netzwerke mit den Bürgern im Quartier können so nicht aufgebaut werden.

Mein Fazit aus den hier präsentierten Forschungsergebnissen und eigenen lokalen Erfahrungen ist:

1. Die digitale Inklusion des Dritten Sektors ist lokal immer noch ein äußerst wichtiges Thema: mindestens ein Drittel der lokalen Nonprofits in Deutschland dürfte nicht im Web sein, vor allem solche mit älteren Mitgliedern. Dieses Fehlen wichtiger Teile der Zivilgesellschaft im Netz schwächt diese als Ganzes. Staat und Wirtschaft haben den Dritten Sektor im digitalen Raum überholt und schaffen Strukturen, die den Handlungsspielraum von Bürgern einengen. Nur eine Zivilgesellschaft, die mit dem digitalen Raum umgehen kann, wird hierzu Gegenstrategien entwerfen können.

Trotz der unzureichenden Präsenz lokaler Nonprofits im Internet ist deren digitale Inklusion politisch im allgemeinen kein Thema. Und wenn doch, dann keines, das strategisch angegangen wird, – weder von der Politik, noch von den großen Wohlfahrtsverbänden selbst. Viele der großen Verbände haben bis jetzt noch keine Offensive gestartet, um ihre Stadtteileinrichtungen besser ins Mitmach-Internet einzubinden. Mit einzelnen Fortbildungsangeboten kommt man hier nicht weiter. Dazu muss man auf lokaler Ebene die entsprechenden Strukturen schaffen und peer-to-peer-learning-Gruppen oder Mentoren-Systeme etablieren, – und zwar bundesweit.  Denn nicht zuletzt sind die Nonprofits im Quartier  wichtige Multiplikatoren, wenn es um die digitale Inklusion von Bürgern geht und hier speziell von den Menschen, die alt, arm oder krank sind. Und sie sind die entscheidenden Akteure, wenn es darum geht, lokale Netzwerke und Nachbarschaften im Quartier aufzubauen, – nicht die Bundesverbände.

2. Vernetzung und Partizipation – offline und online – sind nach wie vor riesige Baustellen für den Nonprofit-Bereich, gerade auch auf lokaler Ebene. Es schwächt sich der Dritte Sektor selbst, wenn Ressourcen nicht gepoolt und Potenziale aus der Bevölkerung nicht abgerufen werden. Es geht darum, Modelle zu entwickeln, wie im Alltag partizipativ gearbeitet werden kann. Überlegungen zum Thema „Partizipation in Sozialeinrichtungen“ habe ich hier im Blog schon präsentiert, siehe Teil 1, Teil 2 und Teil 3 der gleichnamigen Serie auf dieser Webseite.