Auf dem Weg zur NPO 2.0

Am vergangenen Samstag hielt ich als Sprecherin auf der re:campaign 2010 in Berlin den Vortrag „Auf dem Weg zur NPO 2.0“. Hier sind die Folien auf slideshare.

Die folgenden Punkte möchte ich aus dem Vortrag besonders herausgreifen:

1. Immer wieder wird im Netz die Frage diskutiert – so auch kürzlich im Blog von Christian Henner-Fehr – ob die Organisationskultur für den Social Media-Einsatz einer Einrichtung wichtig ist und wenn ja, welche Voraussetzungen intern vorliegen sollten.

Meiner Ansicht nach belegt die Empirie ganz deutlich, dass Social Media an sich neutral sind und auch zur einseitigen Kommunikation ohne interaktive Perspektive eingesetzt werden können und eingesetzt werden, wie man speziell an vielen Twitteraccounts sieht. Das Potential von Social Media wird so aber nicht ansatzweise ausgeschöpft. Auch NPOs wollen häufig nur werben, aber keinen Dialog führen, so dass ihre Internetpräsenz verglichen werden kann mit „alter Kommunikation in neuen Kanälen“, wie meine Bloggerkollegin Katrin Kiefer das treffend formuliert.

Ich habe mir – in Anlehnung an einen Aufsatz von Bryer (2009) – Gedanken über die Frage gemacht, welche NPO-Eigenschaften die erfolgreiche Social Media-Nutzung fördern und welche Eigenschaften diese hemmen (Folien 10 und 11) und bin zu folgendem Ergebnis gekommen.

Förderliche Eigenschaften: Wahrnehmung einer Ressourcenabhängigkeit von zivilgesellschaftlichen Akteuren, Partnerschaftsperspektive gegenüber Bürger-Stakeholdern, Interesse an externem Wissen, Selbstwahrnehmung als demokratischer Akteur

Hemmende Eigenschaften: Fixierung auf staatliche Gelder und Stakeholder, fehlende partnerschaftliche Perspektive gegenüber Bürger-Stakeholdern, Rückzug auf den eigenen Expertenstatus, Selbstwahrnehmung als reiner Dienstleister ohne demokratische Funktion

2. Wichtig war mir desweiteren aufzuzeigen, über welche Kompetenzen NPOs verfügen, die mit Social Media kompatibel sind und sehr gut in den digitalen Raum eingebracht werden können (Folien 12 und 13). Dieser ressourcenorientierte Blick stärkt NPOs und führt sie nicht als defizitäre Organisationen vor. Nonprofits sind keine Anfänger, was die dialogorientierte Perspektive angeht und hier häufig viel weiter als staatliche und viele privatwirtschaftliche Organisationen.

3. Die Rolle des Staates darf nicht aus dem Blick geraten, wenn man über hiesige Nonprofits im Sozialbereich spricht. Im Grunde benötigt eine NPO 2.0 eine Staatsverwaltung 2.0 (Folien 26 und 27). Ohne einen kooperativen Staat und entsprechend kooperative Leistungsvereinbarungen mit sozialen Dienstleistern wird es für NPOs im Sozialsektor schwierig werden, den Weg zu einer NPO 2.0, der mehr Dialog, Vernetzung und Partizipation impliziert, zu gehen. Denn eine interaktive, partnerschaftliche Haltung kostet viel Zeit und damit auch Geld. Andererseits profitieren Staat und Kommune von einem Nonprofit-Sektor 2.0, der mit der Zivilgesellschaft online und offline breit vernetzt ist.

4. Über all die Kampagnen hinweg, die im Mittelpunkt der re:campaign standen und im Fokus der dortigen NPOs, sollte man nicht die auf einen längerfristigen Zeitraum hin ausgerichtete Vernetzung mit der Zivilgesellschaft vergessen. Kampagnen tragen einen kurzlebigen Charakter. Der Nonprofit-Sektor könnte aber gerade durch nachhaltige Strategien, deren Zeithorizont über die Gegenwart hinausreicht, zum Beispiel für Politik und Wirtschaft werden, die dem kurzfristigen Denken verhaftet sind durch ihre Konzentration auf den nächsten Wahltermin oder auf die Bilanz des aktuellen Geschäftsjahres.

Share

22 Gedanken zu „Auf dem Weg zur NPO 2.0

  1. Nun, ich denke aus verwaltungswissenschaftlicher Sicht ist dies eine korrekte Analyse von Nonprofit-Zielen:

    Überleben sichern – aus diesem Impetus speist sich die Ressourcenorientierung und -abhängigkeit von NPOs
    Legitimität erhalten – für NPOs ein zentrales Ziel, um ihre gesellschaftliche Akzeptanz und ihren Status als Gemeinnützige nicht zu verlieren
    Wettbewerbsposition verbessern – da auch im Sozialsektor marktähnliche Mechanismen Einzug gehalten haben, ist es wichtig, die eigene Wettbewerbsposition zu erhalten, idealerweise zu verbessern, um das eigene Organisationsüberleben sichern zu können.

    Übrigens wurden diese Ziele in der empirischen Studie von Jessica E. Sowa (2008), The Collaboration Decision in Nonprofit Organizations: Views from the Front Line, als NPO-Ziele bestätigt.

    Aber man kann aus anderer fachlicher Perspektive sicher auch eine andere Schwerpunktsetzung vornehmen. Welches sind denn aus Deiner Sicht als Sozialunternehmer die wichtigsten NPO-Ziele, für die sie Unterstützung durch Social Media brauchen können?

  2. Um hier nur einmal kurz dazwischen zu rufen: Ich finde die Präsentation sehr gelungen und finde auch, dass die Organisationsziele sinnvollster Ausgangspunkt der ganzen Debatte sein sollten. Besonders anschaulich, das hatte ich ja schon über das doch recht kurzweilige Twitter zurückgemeldet, finde ich die Folien 8 und 9. Sie führen deutlich vor Augen, was wir im Rahmen der NPO-Blogbarade bspw. immer wieder bestätigt sehen: Die Nutzung von Social Media muss umfassend in der Organisation eingebettet werden — muss also mehr sein als nur ein ‚Furunkel‘ das nur deshalb anhängt, weil es von anderen erwartet wird.

  3. Freut mich, wenn Dir die Inhalte gefallen. Es ist sicherlich erst ein Anfang, man muss noch viele Fragen klären. Aber ich finde es wichtig, ein bisschen Distanz zu den Tools zu gewinnen und den Ausgangspunkt von der Organisation aus zu nehmen.

  4. Also auf die Gefahr hin, dass ich hier einfach etwas missverstehe, oder einen etwas zu idealistischen Blick habe, aber sollte nicht das oberste Ziel einer jeden gemeinnützigen Organisation sein einen sozialen Misstand zu bekämpfen und ist nicht alles andere, inklusive des Überlebens der Organisation Mittel zu diesem Zweck?

    Eine Organisation die mir als ihr oberstes Ziel präsentiert das eigene Überleben zu sichern braucht jedenfalls nicht auf meine Unterstützung zu hoffen, eine die daran arbeitet sich langfristig überflüssig zu machen um sich dann aufzulösen hingegen schon.

  5. Hallo Basti, – Du darfst über den idealistischen Blick hin nicht das Eigeninteresse der Organisation an sich selbst übersehen, das sich in dem Moment entwickelt, wo sich die Dinge institutionalisieren und aus einer losen Bewegung eine Organisation wird.

    Die Botschaft und der Wille der NPO zur Bekämpfung eines Missstandes sind dennoch existentiell wichtig. Sie sichern der NPO gesellschaftliche Legitimität. Geht diese Legitimtiät durch schlechte Arbeit, Missbrauch von finanziellen Mitteln etc. verloren hat dies negative Auswirkungen auf das Überleben der NPO bzw. kann zu ihrer Auflösung führen.

    Insofern zählen die Botschaft und der Wille, Missstände zu beseitigen – die beide die Legitimität von NPOs sichern – zu den zentralen Zielen einer NPO und sind mit dem Ziel ‚Überleben sichern‘ ebenbürtig.

    Also liegen wir inhaltlich nicht weit auseinander: eine soziale Schieflage zu beseitigen gehört, wie Du richtig sagst, zu den obersten Zielen einer NPO. Aber die Organisation ist nicht nur Mittel zum Zweck, wie Du das formulierst, sondern sie entwickelt ein Eigenleben und das Ziel, das eigene Überleben zu sichern, tritt mit der Zeit (im Laufe der Institutionalisierung) gleichrangig neben die inhaltlichen Ziele.

  6. „… sie entwickelt ein Eigenleben und das Ziel, das eigene Überleben zu sichern, tritt mit der Zeit (im Laufe der Institutionalisierung) gleichrangig neben die inhaltlichen Ziele.“

    Das mag defakto so sein, aber begrüßenswert ist es nicht! Genauso wenig wie ich als Investor oder Kunde an einer Firma interessiert bin, die sich mehr um das eigene Überleben schert als um meine Bedürfnisse, bin ich als potentieller Spender, Steuerzahler (indirekter Spender) oder anderweitiger Unterstützer an gemeinnützigen Organisationen interessiert die ihre eigene Existenz nicht nur als Ziel an sich betrachten (schlimm genug), sondern diese auch noch für genauso wichtig halten wie ihre Satzungszwecke.

    Vielleicht ticke ich hier echt etwas komisch, aber es wundert mich geradezu, wie man das anders sehen kann. Gibt es wirklich Menschen die Organisationen um ihrer Selbstwillen unterstützen wollen? Halte das zwar nicht grundsätzlich für verwerflich, aber dann doch bitte nicht unter dem Mantel der Gemeinnützigkeit.

  7. Hallo Basti,

    aus Sicht der Spender stimmt Deine Argumentation sicher: bei diesen zählt in erster Linie die Botschaft/Mission einer NPO. Aber die Perspektive des Spenders ist nicht die einzige, die existiert.

    Aufgrund ihrer Mulitfunktionalität werden NPOs mit vielen unterschiedlichen Anforderungen und Perspektiven seitens ihrer Stakeholder konfrontiert. Da gibt es noch die Perspektive der Mitglieder, der Ehrenamtlichen, von Politik und Verwaltung, Bürgerschaft etc. Und schließlich die Eigenperspektive von NPOs, die neben ihrer Botschaft auch die institutionellen Eigeninteressen umfasst.

    Spender sollten gemeinnützige Organisationen nicht nur auf ihre Dienstleistungsfunktion reduzieren, sondern ihre anderen zivilgesellschaftlichen Funktionen anerkennen, ebenso wie ihre Bedeutung für die Gesellschaft als *Institutionen* und als *Sektor*, der über den Tag und über das einzelne Ziel hinaus lebt. Diese Kontinuität ist sehr wichtig. Die großen Wohlfahrtsorganisationen sind stolze Institutionen, die seit hundert Jahren existieren und bestimmt noch viele weitere Jahrzehnte existieren wollen.

    Keiner dieser Träger wird seine Einrichtungen zusperren, nur weil sich die Bedarfe und Zielgruppen verändern. Sondern sie werden ihre Ziele an den gesellschaftlichen Wandel anpassen und sich – wo nötig – neue Zielgruppen suchen. Aus dem Wunsch, als Organisation zu überleben, wächst folglich auch die *Veränderungsfähigkeit* von NPOs, die ihre Arbeit nicht einstellen, wenn die äußeren Umstände sich verändern, sondern sich anpassen.

    Die institutionellen Eigeninteressen von NPOs halte ich für nicht verwerflich, solange sich diese mit den Legitimitätszielen (Mission) einer NPO die Waage halten. Schwieriger wird es, wenn das Interesse am eigenen Überleben sämtliche anderen inhaltlichen Ziele in den Hintergrund drängt.

    Ich denke, es muss uns auch darum gehen, gemeinnützige Organisationen so anzunehmen wie sie sind und realistische Konzepte für ihre Bedürfnisse – auch hinsichtlich eines Social Media-Einsatzes – zu entwickeln. Es ist nicht sinnvoll, NPOs normativ zu überhöhen und von ihnen ein rein Stakeholderbezogenes Handeln ohne Eigeninteresse zu verlangen. Gemeinnützigkeit bedeutet nicht, dass eine Organisation keinerlei Eigeninteressen verfolgt. Die Kunst besteht für NPOs vielmehr darin, die eigenen Interessen und die der Stakeholder unter einen Hut zu bringen, und darüber hinaus auch noch einen Mehrwert für die Gesellschaft zu schaffen.

    Grüße nach Berlin!

  8. @Basti Schwiecker: „das eigene Überleben sichern“ klingt vielleicht etwas negativ, aber wenn Du Dir zur Erreichung eines (inhaltlichen) Zieles eine Struktur gibst, dann ist Dir deren Erhalt wichtig. Unter anderem auch deshalb, weil sie die Voraussetzung zur Erreichung Deiner Ziele ist. Insofern kann ich da jetzt nichts verwerfliches darin erkennen.

    @Brigitte Reiser: ich finde es gut, von den übergeordneten Zielen auszugehen und nicht die Technologie in den Vordergrund zu stellen. Schöne Präsentation!

  9. @Basti Schwiecker: ich glaube, wir reden von zwei unterschiedlichen Dingen. Das Ziel von Social Media kann es nicht sein, Spenden einzusammeln. Social Media kann höchstens ein Kommunikationskanal sein, über den das Ziel, Spenden zu sammeln, kommuniziert wird.

    Das Blogpost, auf das Du verlinkst, geht für mich in eine ganz andere Richtung, denn hier wird die Haltung der SpenderInnen beschrieben.
    „I don’t think it’s wrong to make gifts that aren’t “optimized for pure social impact.“ Diese Einstellung kann man haben und sie klingt auch recht ehrenwert und idealistisch. Aber ist diese Haltung nicht gleichzeitig auch ziemlich egoistisch? Schließlich kann sie Menschenleben kosten, denn man könnte argumentieren, dass hier nicht die Rettung möglichst vieler Menschenleben im Vordergrund steht, sondern das Gefühl des Spenders, etwas Gutes getan zu haben.

    Ich maße mir nicht an zu entscheiden, welche Einstellung die „richtige“ ist, sondern möchte lediglich darauf hinweisen, dass es hier durchaus unterschiedliche Standpunkte geben kann. Aber ich denke, dieser „Streit“ wurde schon öfter ausgetragen. 😉

  10. Eigentlich geht es mir hier gar nicht um Socialmedia (@ Christian), sondern darum, inwiefern der Selbsterhalt von gemeinnützigen Organisationen ein gleichwertiges Ziel zu deren satzungsgemäßen Aufträgen sein sollte. Aus Sicht des Spenders/Steuerzahlers sehe ich hier keine wirklich schlüssigen Gründe die „institutionellen Eigeninteressen“ von Organisationen zu unterstützen (da kann ja jeder kommen… ;-), würde daher dafür plädieren Selbsterhalt nicht als gemeinnützige Aufgabe zu betrachten („don’t call it philatrophy“) und dementsprechend dafür auch keinerlei Steuerprivilegien zu gewähren. Wer gerne in den Selbsterhalt von Organisationen (oder Unternehmen) investieren will (durch Geld oder den Einsatz von z.B. Socialmedia), dem steht das natürlich völlig frei, aber die Allgemeinheit zwangsweise an derartigen Kosten zu beteiligen halte ich eben für nicht sinnvoll. Auch ist mir noch nicht ganz klar, warum man gemeinnützige Organisationen nicht auf ihren Dienstleistungscharakter reduzieren sollte. Natürlich schaffen sie, neben ihren eigentlichen Satzungszielen noch andere externe Effekte (positiv wie negativ), aber das tun profitmaximierende Wirtschaftsunternehmen auch, kein Grund diese von der Steuer auszunehmen…

    Was die egoistischen Motive angeht, so haben wir uns wohl missverstanden. Ich und nach meiner Lese auch GiveWell, plädiere ja gerade dafür, dass alles Geld ausschließlich für „die Rettung möglichst vieler Menschenleben“ eingesetzt wird (inkl. Verwaltung, Evaluation etc.) und nicht für den Selbsterhalt bzw. die „institutionellen Eigeninteressen“ der Organisationen.

    Ansonsten freue ich mich natürlich über weitere Rückmeldung, würde aber im Zweifelsfall dafür plädieren das für mich sehr spannende „Gespräch“ bei nächster Gelegenheit mündlich fortzusetzen (oder wir machen gleich eine Blogparade daraus ;-).

  11. @Christian und @Basti, danke für Eure Kommentare. Ich versuche nun, auf Deinen, @Basti, letzten Kommentar systematisch zu antworten:

    1. Organisationen jeder Art, unabhängig von der Rechtsform, verfolgen Eigeninteressen, die sich auf ihr Überleben als Institution richten. Das ist ganz normal, nicht verwerflich und hängt mit der Institutionalisierung an sich zusammen, die – wie Christian oben sagt – zur Ausbildung fester Strukturen und Abläufe führt, mit denen bestimmte Ziele erreicht werden sollen.

    2. Die Frage, die @Basti nun stellt, lautet: gibt es für Außenstehende – Spender/Steuerzahler – einen schlüssigen Grund, die Interessen einer NPO, die auf ihr eigenes Überleben zielen, zu unterstützen bzw. können wir den „Selbsterhalt“ von Nonprofits als gemeinnützige Aufgabe betrachten oder sollten wir diese institutionellen Ziele vom Steuerprivileg ausnehmen?

    Du plädierst für letzteres, nimmst also einen eher dienstleistungs- und ökonomisch orientierten Blick ein, der sagt: NPOs sollten nur für ihre Hilfe am Hilfsbedürftigen unterstützt werden und für sonst nichts.

    Ich hingegen vertrete eine eher sektororientierte Perspektive, die den Nonprofit-Bereich als Ganzes in den Blick nimmt und nach seinen Funktionen für die Gesellschaft fragt, zu denen eine
    – Interessenvermittlungsfunktion
    -Integrationsfunktion (von Klienten, Bürgern usw.)
    und eine demokratiepolitische Funktion gehören, die momentan etwas im Hintergrund steht, meines Erachtens aber in den Vordergrund gehört („Nonprofits als Schulen der Demokratie“).

    Meine Sektor-Perspektive impliziert nicht, dass ich „civility“ nur im Dritten Sektor sehe. Eine bürgerschaftlich ausgerichtete Perspektive, die Bürger stärken möchte, findet man auch manchmal in der Verwaltung, der Politik und vielleicht auch in (Sozial)Unternehmen. Aber der Nonprofit-Sektor steht für mich deshalb im Mittelpunkt, weil er aufgrund seiner Verfasstheit die besten Chancen hat, Bürger zu stärken und zu fördern – als Klienten, Ehrenamtliche, Interessenvertreter usw.

    Im Unterschied zu Dir bin ich deshalb der Auffassung, dass der Dritte Sektor als Institution bzw. gemeinnützige Träger als Institutionen aufgrund ihrer zivilgesellschaftlichen und demokratiepolitischen Funktionen sogar unbedingt staatlich gefördert werden sollten. Das heißt, ihr Überleben sollte nicht als nicht-gemeinnütziges Ziel ausgeschlossen, sondern explizit gefördert werden. In Großbritannien ist man sich der wichtigen zivilgesellschaftlichen Rolle, die Nonprofits spielen, schon längst viel besser bewusst. Es gibt deshalb millionenschwere Regierungsprogramme, die Nonprofit-Kompetenzen -z.B. auch im Bereich Social Media – fördern, weil man verstanden hat, wie wichtige ein kompetenter Dritter Sektor auch gesamtgesellschaftlich ist (siehe u.a. capacitybuilders.org.uk).

    In Deutschland gab es in der Vergangenheit auch immer eine institutionelle Förderung von Nonprofits als freiwillige Leistung von Kommunen, die zwischenzeitlich durch die Leistungsvereinbarungen und knapper öffentlicher Kassen aber in den Hintergrund rückte. Ein schwerer Fehler meines Erachtens, weil Nonprofits über zu wenig Mittel verfügen, um sich entsprechend weiterzubilden, von Mitteln und Kompetenzen für den adäquaten Social Media-Einsatz ganz zu schweigen.
    Ein derartig unterfinanzierter Dritter Sektor, der nur Geld für seine unmittelbaren Hilfsleistungen bekommt, ist gesamtgesellschaftlich betrachtet natürlich eine Katastrophe. Ein solcher Sektor kann aufgrund mangelnder Ressourcen die in ihm angelegten Potentiale nicht umsetzen und muss Partizipationschancen brach liegen lassen, weil Zeit und Geld fehlen.

    3. Die Zukunft des Dritten Sektors liegt für mich nicht in dem Ruf „Auf in Richtung Sozialunternehmen“ sondern „Auf in Richtung zu mehr Demokratie/Integration und Partizipation“.
    Ich finde nicht, dass man soziale Dienstleistungen immer ökonomischer gestalten sollte und Träger sich deshalb immer häufiger aufspalten bzw. ihre Dienste in Sozialunternehmen ausgliedern. Sondern ich bin der Auffassung, dass gerade der Dienstleistungsbereich selbst „entschleunigt“ und um mehr Partizipation von Klienten-, Angehörigen, und Bürgerseite (Stichwort: Koproduktion) bereichert werden sollte. Also statt für mehr Effizienz plädiere ich für mehr Mitsprache, – und die kostet Zeit und Mühe.

    Unabhängig davon sind Sozialunternehmen zu begrüßen, eine Pluralität der Formen und Perspektiven ist immer gut. Aber Nonprofits sollte man nicht flächendeckend zu Sozialunternehmen ummodeln.

    Soweit meine Antwort 🙂 . Eine interessante Debatte, die wir vielleicht mal mündlich fortführen können. Für eine Blogparade ist das Thema zu speziell, denke ich.

  12. Liebe Frau Reiser,
    Danke für Ihren Artikel samt Folien. In Ihren Ausführungen zu den Hemmnissen auf dem Weg zur NPO 2.0 habe ich für mich schlüssige Begründungen gefunden für die -jedenfalls von mir als solche wahrnegnommene- Stagnation des Fundraising als Handwerk. Das erlebe ich zurzeit primär als Betteln und Schlechtes-Gewissen-Machen. Gründe dafür mögen eben die von Ihnen genannte Selbstwahrnehmung der NPO als reine Dienstleister, der Rückzug der NPO auf den eigenen Expertenstatus, ihre Fixierung auf staatliche Gelder und die fehlende partnerschaftliche Perspektive gegenüber Bürgern sein. Gern habe ich über Ihre Impulse nachgedacht.
    Alexandra Ripken

  13. @Alexandra Ripken Freut mich, wenn ich Sie inspirieren konnte.

    Ich bin keine Fundraiserin und nicht im Detail mit dem Handwerk vertraut, aber von außen betrachtet, wenn ich die Aktivitäten der Organisationen im Netz sehe, drängt sich mir der Eindruck auf, dass es vielen NPOs nicht um den Aufbau von partnerschaftlichen Beziehungen hin zu den Bürger-Spendern geht.

    Schade finde ich auch, dass oft wenig nachhaltig vorgegangen wird, gerade im Internet. Der schnelle Erfolg zählt, es gibt keine Perspektive, die über den Tag hinausreicht. Aber der Nachhaltigkeit und dem langfristigen Blick gehört die Zukunft, – davon bin ich überzeugt.

  14. Hallo,
    ab Ende Mai / Anfang Juni geht unser Community-Portal in der Beta-Phase online. Dann sind Sie herzlich eingeladen, Nonprofits in einer Networking-Plattform zu vernetzen – kostenlos!

    Ist das für alle NPOs/NGOs interessant – vlt. zunächst als internes Instrument zwischen den Mitarbeitern und später auch als Verknüpfung zu Mitgliedern (Nicht-Mitgliedern)?

    Freue mich auf Ihre Unterstützung.
    Hans Bayartz

  15. Hallo Brigitte,

    Vielen Dank für die Präsentation. Ganz schamlos habe ich Dich in meinen Slides zitiert, die Du unter http://www.slideshare.net/redcrosswebmaster/virtuelles-rotes-kreuz finden kannst.

    Herzlichen Dank auch an die interessanten Postings zu dieser Präsentation, ich denke diese Diskussion ist eine ganz wichtige, dann die sozialwissenschaftliche Position des „Eigenzwecks“ einer Organisation im Sinne des Beobachters 2. Ordnung muss aus der Innenperspektive des Systems ganz klar abgelehnt werden 🙂

  16. @Gerald Habe Deine Slides gesehen, – vielen Dank für das Zitieren. Ich freue mich, wenn ich inspirieren kann.
    Zu Deinem Statement oben: wenn ich es recht verstehe, dann ist der Beobachter 2. Ordnung das Individuum, das aufgrund eigener Wertvorstellungen/subjektiver Erfahrungen urteilt, – in diesem Fall über eine NPO.

    In der Tat besteht auch meiner Auffassung nach ein erheblicher Unterschied zwischen der individuellen Wahrnehmung einer Organisation und ihrer objektiven Existenz, – das hat der Diskurs hier glaube ich deutlich gemacht. Es wundert mich nur, dass dieser Blick auf die Eigeninteressen einer Organisation als Institution nicht verbreiteter ist.

  17. Ich hab‘ eher den von Luhmann verwendeten „neutralen“ Beobachter 2. Ordnung gemeint, der in der Lage ist, die Blinden Flecken des Eigenbeobachtens zu erkennen. Genau diese blinden Flecken führen ja dazu, dass man als System in der Realitätskonstruktion einiges gar nicht wahrnehmen kann.
    Als in einem Organisation Gefangener kann man die Eigeninteressen dieser Organisation oftmals auch nicht als solche Wahrnehmen, da sich dieser hinter der „Feldillusio“, wenn ich nun zu Bourdieu schwenken darf, verstecken. Diese werden dann oft euphemisiert und als Organisationsziele getarnt nach außen projiziert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

+ nineundforty = fiveundfifty