Kategorie-Archiv: Innovation

Quartiersvernetzung fördern (Teil 5) – soziale Innovationen erzielen

Dies ist der fünfte Beitrag einer kleinen, wöchentlichen Artikelserie hier im Blog zum Thema „Quartiersvernetzung“. Nach dem ersten Beitrag, warum Quartiersvernetzung wichtig ist, ging es im zweiten Blogartikel  um den Wissensaustausch unter den örtlichen Stadtteilvernetzern. Der dritte Beitrag nahm die engagierten Bürger, die als Vernetzer tätig sind, und die örtlichen Freiwilligenagenturen in den Blick. Der vierte Artikel analysierte die Rolle von Unternehmen und Stiftungen in der Quartiersvernetzung. Der nun folgende Beitrag befasst sich mit sozialen Innovationen auf lokaler Ebene und der Frage, welchen Beitrag Sozialunternehmer hier leisten können. Der Artikel in der kommenden Woche beleuchtet die Rolle der Kirchengemeinden beim Aufbau neuer sozialer Beziehungen im Viertel.

Unter einer „sozialen Innovation“ versteht man nicht nur eine neue Idee,  die  einen gesellschaftliche Bedarf abdeckt. Sondern zu einer sozialen Innovation gehört, dass sie in der Umsetzungsphase auch zu neuen sozialen Praktiken und Arrangements führt, wie bspw. zum Aufbau von Netzwerken, zur Beteiligung verschiedener Akteursgruppen und zu  interaktiven Lernprozessen, so Grohs/Schneiders/Heinze in ihrem Buch  „Mission Wohlfahrtsmarkt“ (2014), das die Grundlage für diesen Blogartikel bildet.

Voraussetzung für soziale Innovationen ist der Wille zur Kooperation unter den Beteiligten und der Wille zum Erfahrungsaustausch. Auch ein Quartiersbezug kann soziale Innovationen fördern, da die Vernetzung mit anderen Institutionen, mit Bürgern und der Wirtschaft im Stadtteil durch die räumliche Nähe gut gelingen kann.

Schwierig sind Innovationen im Feld der sozialen Dienste, da Vernetzungsversuche sich hier an einem extrem segmentierten Finanzierungs- und Rechtssystem reiben, das die Zusammenarbeit erschwert, obwohl gerade im Bereich sozialer Dienste eine ganzheitliche Betrachtung von Menschen und ihren Problemlagen notwendig wäre. Laut Grohs u.a. setzen sich in Deutschland neue soziale Dienste erst dann durch, wenn sie sozialstaatlich anerkannt,  verrechtlicht und damit auch refinanzierbar sind (Grohs u.a. 2014, 187).

Welche Rolle kann in einem solch eher statischen Umfeld das Sozialunternehmertum einnehmen? Kann dieses auf lokaler Ebene innovative Praktiken etablieren, die auf Kooperation und Vernetzung zielen?

Grohs u.a. zeigen, dass die Stärke der von ihnen untersuchten Sozialunternehmen nicht in der Originalität ihrer Dienstleistungsidee liegt, sondern gerade darin, dass sie Netzwerke aufbauen und interdisziplinär arbeiten (S. 170f). Zahlenmäßig spielen sie im deutschen Wohlfahrtsstaat aber nur  eine kleinere Rolle. Im Unterschied zum angelsächsischen Raum, aus dem das Modell des Social Entrepreneurship stammt, demzufolge gesellschaftliche Probleme mit unternehmerischen Methoden bearbeiten werden, sind in Deutschland die „Lücken in der Wohlfahrtslandschaft sind nicht groß genug, um ausreichende Profilierungsmöglichkeiten für Einzelpersönlichkeiten zu bieten“ (Grohs u.a. 2014, 180).

Soziale Innovationen kommen übrigens keineswegs nur von den wenigen Social Entrepreneurs, sondern auch aus den etablierten Organisationen, wo es immer wieder einzelne Intrapreneure gibt, die innovative Projekte anschieben (Grohs u.a. 2014, 170).  Dennoch können Sozialunternehmen auf lokaler Ebene als „Innovationsinkubatoren“ wirken, indem sie sozialräumliche Netzwerke bilden, Beteiligung fördern, Erfahrungen austauschen, Best-Practice-Beispiele sichtbar machen und in ihrer Arbeit soziale Medien einsetzen. Sie entwickeln so ein „Irritationspotential“ (Grohs u.a.  2014, 180) für etablierte wohlfahrtsverbandliche Träger, von denen einige ein erhebliches Beharrungsvermögen an den Tag legen. Statt von den Sozialunternehmen innovative Praktiken zu erlernen, „ging man in den meisten Verbänden den Weg der Ausgrenzung. Diese neuen Akteure strategisch in ihrer Funktion als Innovationsinkubator zu nutzen, ist nur in Ausnahmefällen angedacht bzw. umgesetzt worden“ (Grohs u.a.  2014,  193).

Grundsätzlich gibt es einige Politikfelder, die als „Innovationsarenen“ (Grohs u.a. 2014 , 186) gelten, nämlich u.a. der demographische Wandel, die Integration von Migranten, die veränderten Familienstrukturen, die soziale Stadtentwicklung. Hier kommen die Kommunen allein nicht weiter, sondern sind auf  die Beteiligung von Bürgern, Gemeinnützigen und der Wirtschaft angewiesen. Alle diese Politikfelder sind speziell auf der Quartiersebene von Bedeutung: hier sind die sozialen Probleme direkt erfahrbar und fordern zu sozialen Innovationen wie der Netzwerkbildung auf. Grohs/Schneiders/Heinze sind optimistisch und rechnen damit, dass soziale Innovationen, die auf lokaler Ebene entwickelt werden, langfristig in die etablierten Strukturen eingehen, so dass sich in diesem Fall das Engagement von Social Intra- und Entrepreneuren gelohnt haben dürfte (S. 194).

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Tauschnetzwerke im Freiwilligenengagement

Martin Horstmann von diakonisch.de und ich haben gemeinsam eine Idee für die aktuelle Runde der NPO-Blogparade ausgearbeitet. Die Frage der 26. NPO-Blogparade lautet: „Freiwilliges Engagement attraktiver machen – aber wie?!“. Wir präsentieren unsere Idee im Rahmen eines Dialogs und freuen uns über Feedback aus der Zivilgesellschaft

Martin Horstmann (MH):

Wie kann man freiwilliges Engagement attraktiver machen?

Brigitte Reiser (BR):

Engagement wäre für viele attraktiver, wenn man sich credits erarbeiten könnte, die man einer hilfsbedürftigen Person in einer anderen Stadt oder Gemeinde wiederum in Form von freiwilligem Engagement durch andere zukommen lassen könnte.

Denn die gestiegene gesellschaftliche Mobilität führt doch dazu, dass viele Familien und Bekanntenkreise getrennt sind. Man kann aufgrund dieser räumlichen Trennung den Nahestehenden oft nicht so helfen, wie man gerne möchte. Wenn ich aber wüsste, dass mein Engagement in einer Stadt über Umwege und indirekt auch einer hilfsbedürftigen Person in einer anderen Kommune zugute kommt, – dann wäre dies doch ein sehr attraktiver (und tröstlicher) Gedanke.

MH:

Das klingt ja nach einem Tauschring-Konzept. Ich engagiere mich an einer Stelle und bekomme an anderer Stelle -vielleicht sogar für jemand anderes, ganz woanders – wiederum freiwillig erbrachte Leistungen. Eine wunderbare Idee, finde ich. So etwas gibt es übrigens schon. Ich bin einmal bei einer Recherche auf „’Fureai Kippu’“ gestoßen. Ein ehrenamtliches Unterstützungssystem in Japan, mit dem Schwerpunkt auf Pflege, das als Tauschring mit Zeitkonten konzipiert ist (siehe http://diakonisch.wordpress.com/2011/04/04/fureai-kippu/)

BR:

Ja, man könnte freiwilliges Engagement tatsächlich mit der Idee von Tauschnetzwerken kombinieren. Allerdings kämpfen viele Tauschringe mit ähnlichen Schwierigkeiten: zu klein, überaltert, zu wenig Beteiligung usw. Das liegt ganz stark an der lokalen Begrenztheit dieser Netze. Ein interessanter Blickwechsel könnte also sein: weg vom Raum, hin zum Träger! Man müsste überlegen, wie man innerhalb von Trägern – oder Trägergemeinschaften, aber das liegt eher noch weit in der Zukunft – solche Tauschsysteme etablieren kann.

MH:

Und das pfiffige an dieser Idee wäre es dann, dass man diese Idee ins Freiwilligenmanagement der beteiligten Träger einbindet. Also: Wir kombinieren das Freiwilligenmanagement mit der Tauschnetzwerk-Idee. Und entgrenzen das ehrenamtliche Tauschnetz in dreifacher Hinsicht: Erstens kann über Zeitkonten das Einspeisen und Abrufen von Engagement zeitlich auseinanderfallen, zweitens ist In- und Output nicht auf eine bestimmte Region begrenzt und drittens könnte man ja auch noch überlegen, ob dies nicht auch noch bereichsübergreifend funktionieren könnte.

BR:

Sehr ambitioniert! Aber vielleicht kann es uns gelingen, für diese Perspektive mehr Aufmerksamkeit zu generieren. Das könnte eine gute Diskussion in NPOs anstoßen.

MH:

Im Grunde wären hier die beiden großen Kirchen mit ihren Wohlfahrtsverbänden die geborenen Trägerorganisationen dafür: Sie verfügen über flächendeckende Strukturen in ganz Deutschland, sie haben sozusagen ein riesiges Filialnetz, sie sind groß und was Freiwilligenmanagement und Ehrenamtskoordination angeht, sind sie mittlerweile ganz gut aufgestellt. Da ist noch viel Luft nach oben, sicherlich, aber da ist in den letzten Jahren wirklich eine Menge Positives passiert.

BR:

Ein anderer Ansatz wäre es, wenn die Idee nicht von einem Träger übernommen und ‚„hochgezogen’“ würde – was sicherlich viele Vorteile hätte – sondern wenn es eher eine freie Bewegung ist, ein Konzept, in das sich jeder Träger und jeder Verband, einklinken kann.

MH:

Genauso funktioniert es beim Fureai Kippu. Es gibt anscheinend eine „Rechnungsstelle“, aber der Rest läuft dezentral und autonom über hunderte NPOs.

BR:

Ja, beide Ansätze sind möglich. Aber schauen wir doch mal auf potentielle Schwierigkeiten. Was stünde der Idee entgegen?

MH:

Ich glaube das größte Problem liegt darin, wenn der Ausgleich nicht „aufgeht“. Es gibt engagementstarke und -schwache Regionen. Das kann man ja an dem Generali-Engagementatlas gut sehen. Und was ist, wenn zum Beispiel alle Leute ihr Engagement in Kitas reinstecken wollen, aber ehrenamtliche Leistungen im Bereich der Altenhilfe rausbekommen wollen – mal etwas platt gesagt? Vielleicht sollte man doch erst einmal nur Zeit und Raum entgrenzen, sich aber auf einen Sektor bzw. auf ein Arbeitsfeld beschränken.

BR:

Und das Problem der unterschiedlichen regionalen Verteilung?

MH:

Vielleicht pusht so ein Konzept ja auch die Engagementbereitschaft noch einmal in ungeahnter Weise. Denn das ist ja wirklich ein sehr großer Attraktivitäts-Faktor. Es gibt aber noch eine andere Idee: Man könnte das Ganze ja nicht als tit-for-tat-Tausch aufziehen, sondern eher als Bonussystem. So wie bahn.bonus, zum Beispiel. Das heißt, es gibt einen Bonus-Faktor, für X Stunden bekomme ich nur einen gewissen Prozentsatz davon zurück. Dann würden zumindest die Spitzen abgefedert.

BR:

Das gefällt mir. Ich will ja nicht alles eins zu eins verrechnen. Engagement ist ja keine pure Ökonomie, Engagement ist ja immer auch lustbetont und durchaus auch uneigennützig. Ich muss nicht alles wieder „rauskriegen“, das würde ja auch freiwilliges Engagement destruieren. Aber es wäre eine schöne Anerkennung.

MH:

Genau! Und haben wir das freiwillige Engagement jetzt attraktiver gemacht?

BR:

Absolut! Wir schauen, was draus wird.

 

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Collective Impact – gemeinsam mehr erreichen

Der folgende Text ist ein Beitrag für die NPO-Blogparade, die erfreulicherweise wieder einmal stattfindet. Gastgeber der Blogparade ist openTransfer.de in Kooperation mit Sebastian Volberg. Das Thema lautet „Voneinander lernen in der Zivilgesellschaft / offener Wissenstransfer“. Der Startartikel befindet sich hier. Die Blogparade läuft noch bis zum 26. Mai 2013, – machen Sie mit, Sie sind herzlich eingeladen. Hier ist erklärt, was die NPO-Blogparade ist.

Die meisten gemeinnützigen Organisationen und Dienstleister setzen auf ihre eigenen Konzepte, ihre eigene Organisation, ihre eigene Leistungsfähigkeit, kurz: auf ihre isolierte Wirkung, wenn es um die Lösung sozialer Probleme geht.

Staatliche Förderung und Stiftungen verstärken häufig noch diesen Trend. Wenn Projektmittel ausgeschrieben werden, bewerben sich Organisationen und müssen belegen, weshalb gerade sie und ihr Konzept die Mittel verdienen. Auf der Suche nach der innovativsten und effektivsten Organisation fördern Geldgeber den Mythos, dass eine Organisation alleine imstande ist, komplexe gesellschaftliche Probleme lösen zu können. Dies führt dazu, dass zu oft lediglich „Innovation belohnt (wird), weniger das Potenzial in Sachen Verbreitung“ (Flor 2013).

Andererseits befördern auch die „scaling up“-Bemühungen von Geldgebern und Plattformen wie openTransfer.de den Mythos vom „isolated impact“ leistungsstarker und innovativer Projekte – sofern der Vernetzung mit dem regionalen Umfeld über Fachgrenzen hinweg nicht ausreichend Rechnung getragen wird.

OpenTransfer.de, die „Plattform von Projektmachern für Projektmacher, die voneinander lernen und sich austauschen wollen“ (Flor 2013) samt den dazugehörigen openTransfer CAMPs sind eine verdienstvolle Initiative, die in die richtige Richtung weist: Wissen teilen statt Wissen horten bringt das Gemeinwesen weiter. Gute Projekte, die sich an einem Ort bewährt haben, an einen anderen zu transferieren, ist effektiver, als in den Kommunen das Rad immer wieder neu zu erfinden.

Aber gute Projekte zu transferieren reicht nicht aus: „Achieving high impact is not just about building a great organization and then scaling it up site by site“ (McLeod Grant/Crutchfield 2007), – obwohl der Hype um erfolgreiche Social Entrepreneurs und Skalierung gerade in diese Richtung zeigt, siehe auch die folgende Bertelsmann-Publikation. Was ebenso wichtig ist wie der Projekttransfer ist die Vernetzung von Projekten in den Kommunen mit anderen gemeinnützigen, gewerblichen und bürgerschaftlichen Akteuren. Je komplexer Probleme sind und je weniger von vornherein die Antwort feststeht, desto notwendiger wird diese Vernetzung und das gemeinsame Lernen der beteiligten Akteure.

In ihrem Aufsatz „Collective Impact“ aus dem Jahr 2011 beschreiben Kania und Kramer die Erfolge großer Netzwerke, zu denen sich Organisationen zusammengeschlossen haben, die regional an dem selben Problem arbeiten. In diesen Netzwerken setzt man sich ein gemeinsames Ziel, man entwickelt gemeinsame Leistungsindikatoren, unterstützt sich gegenseitig und lernt zusammen.

Dieser Prozess setzt ein wechselseitiges Vertrauen unter den Beteiligten voraus, den Autoren zufolge ist diese Vertrauensbildung eine „monumentale Herausforderung“: „Participants need several years of regular meetings to build up enough experience with each other to recognize and appreciate the common motivation behind their different efforts“ (Kania/Kramer 2011, 40). Auch der Heldenrat weist in seinem Blogparaden-Beitrag darauf hin, wie voraussetzungsvoll und komplex der Aufbau von Vertrauen und gemeinsame Lernprozesse sind.

Der Transfer guter Projekte ist wichtig, aber er reicht nicht aus, weil Dienstleistungen alleine nicht ausreichen. Notwendig ist auf lokaler Ebene die Bildung von Bewegungen. Da eine Organisation alleine Probleme nicht lösen kann, muss sie lokal eine Bewegung bilden aus Akteuren, die sich denselben Zielen verschrieben haben. „Advocacy“ und Vernetzung sind deshalb ebenso wichtig wie gute Arbeit oder gute Ideen (McLeod Grant/Crutchfield 2007). Vielleicht sind das die zwei Aspekte, um die das Projekt openTransfer ergänzt werden könnte: eine Konzentration nicht nur auf den Wissensaustausch und das Verbreiten von Projekten, sondern auch eine Sensibilisierung für die Vernetzung im Quartier, die Bildung von Bewegungen und die gemeinsame Interessenvertretung.

Stefan Zollondz beschreibt in seinem Beitrag eindrücklich die finanzielle und mentale Sackgasse, in der sich die sozialen Dienste auf lokaler Ebene befinden. Dort ist der Gedanke des kollektiven Impacts noch nicht angekommen. Jede Organisation setzt auf die eigenen Konzepte und bewirbt sich damit um Fördergelder, mit dem Ergebnis, dass in Deutschland über eine halbe Million Nonprofits versuchen „to invent independent solutions to major social problems, often working at odds with each other and exponentially increasing the perceived resources required to make meaningful progress“ (Kania/Kramer 2011, 38).

Diejenigen Nonprofits und Initiativen, die auf openTransfer.de mitwirken und erfahren, welchen Nutzen geteiltes Wissen entfalten kann, könnten vor Ort zu Multiplikatoren werden, die für den „collective impact“ werben und mit der Vernetzung im Stadtteil beginnen, an der es häufig zuallererst mangelt, – siehe dazu auch Zollondz Zustandsbeschreibung.

 

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