Wiki Wednesday Stuttgart – Interview mit einem der Initiatoren

Heute in einer Woche, am 26.9.2007, findet der zweite Wiki Wednesday in Stuttgart statt. Initiiert wurde diese Veranstaltung von Martin Koser und Cédric Weber.

Für mein Blog habe ich ein schriftliches Interview mit Martin Koser geführt, um Antworten auf Fragen zu erhalten, die für Nonprofit-Organisationen interessant sein könnten, wenn sie mehr über den Wiki Wednesday erfahren möchten.

Hier nun meine Fragen und Martin Kosers Antworten:

  • BR: Weshalb haben Sie hier in Stuttgart einen Wiki Wednesday initiiert?
  • MK: Dafür gab und gibt es mehrere Gründe. Ursprünglich konzipierten Cedric und ich den Wiki Wednesday als Fortführung für eine Arbeitsgruppe des ausgelaufenen „Innovationsprogramms Web 2.0“ der MFG. Nach dem Auslaufen der Veranstaltungen wollten wir die Kontakte, vor allem aber auch die gemeinsam in dieser Arbeitsgruppe entwickelten Ideen weiterführen und fortentwickeln.
    Die Unterstützung und Vernetzung der Stuttgarter Community von Enterprise 2.0 und Social Software Interessierten bleibt ein wichtiges Ziel, wobei der Wiki Wednesday Stuttgart aus meiner Sicht nicht in Konkurrenz zu bestehenden Web 2.0-Communities und -Meetings wie dem Webmontag steht: Weil wir die Potenziale der neuen Technologien für Strategie- und Strukturinnovationen in den Mittelpunkt stellten, waren von Anfang an nicht nur Technologen und IT-Leute die Zielgruppe, sondern auch Anwender und Praktiker aus verschiedensten Unternehmen, denen wir die Ideen und Möglichkeiten näherbringen wollten.
    Insofern ist unser Engagement für den Wiki Wednesday Stuttgart auch eine Antwort auf einen gewissen „Eigenbedarf“. Cedric und ich wollten von Anfang an eine Veranstaltung gestalten, zu der wir auch selbst gerne gegangen wären, auf der wir aber auch potenzielle Kunden treffen können.
  • BR: An wen richtet sich die Veranstaltung? An Web 2.0-Insider?
  • MK: Nein, das wäre ja auch ein ziemlich langweiliges „preaching to the choir“. Der Wiki Wednesday Stuttgart soll Neugier und Interesse am Thema Social Software für Unternehmen wecken. Es geht mir mehr darum Scout, Navigator und Educator zu sein, und dadurch auch Leute anzusprechen, die von den Möglichkeiten bisher nur wenig erfahren haben. Aber natürlich sollen auch Insider und erfahrene Anwender kommen.
  • BR: Welche Inhalte sind geplant?
  • MK: Wir sind allen Vorschlägen und Gestaltungsideen gegenüber offen. Weil die Themen selbstorganisiert in der Community erarbeitet und abgestimmt werden, ist die weitere thematische Ausrichtung auch eine Frage des Bedarfs und der Wünsche der jeweiligen Teilnehmer. Ich vermute aber, dass Fragen rund um die Akzeptanz und den Einsatz von Social Software in Unternehmen weiterhin im Mittelpunkt stehen werden.
  • BR: Weshalb sollten sich Nonprofit-Organisationen mit Wikis befassen?
  • MK: Das ist eine gute Frage, die vielleicht besser im weiteren Kontext von Social Software bzw. Enterprise 2.0 beantwortet werden kann: Wikis sind nicht alles, es geht darum die vielfältigen neuen Möglichkeiten, die sich im Kontext des Web 2.0 ergeben, für die NPO-Arbeit zu nutzen. Es geht also auch um Blogs, Podcasting, Social Networking, Communities etc.
    Einsatzpotenziale sehe ich u.a. in der Unterstützung und Begleitung von (internem) Change Management, von Aus- und Fortbildung, im Wissensmanagement, aber natürlich auch in (auch extern orientierten) Aufgaben wie Klienten- und Kundenkontakt, Marketing – generell professionellem Stakeholder-Management. Hier kommt hinzu, dass Social Software gut für die Koordination verteilter Akteure geeignet ist.
    Daneben müssen NPOs ja besonders darauf achten, dass sie Technologien einsetzen, die relativ kostengünstig sind – sie müssen ihren Stakeholdern Rechenschaft über den Einsatz der erwendeten Mittel geben und stehen unter ständigem Einspardruck. Wikis bieten hier viel Nutzen bei überschaubarem finanziellem Einsatz und Risiko.
  • BR: Vielen Dank für das Interview, Herr Koser.
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Nonprofit-Organisationen und Web 2.0, – empirische Befunde aus den USA

Bei Beth Kanter, einer renommierten Bloggerin über das Thema Web 2.0 und gemeinnützige Organisationen, habe ich den Hinweis auf eine Studie gelesen, die von der Overbrook Foundation veröffentlicht wurde.

Die Stiftung fördert 55 Menschenrechtsorganisationen und untersucht in der Studie, ob und wie die von ihr geförderten Nonprofit-Einrichtungen Web 2.0 Tools anwenden. Die Hälfte der untersuchten Organisationen arbeitet schon mit Blogs, Videos und zum Teil auch mit Podcasts.

Dennoch überwiegt die Unsicherheit hinsichtlich der Web 2.0-Tools. Die gemeinnützigen Einrichtungen sind unsicher darüber, welche Instrumente zu ihnen passen und wie man sie am besten für die Organisation nutzen kann. Sie haben Angst vor hohen Kosten und kommen oft nicht mit der Technik zurecht, die von externen Technikberatern installiert wird. Sie fragen sich, wie man die Social Software nutzen kann, wenn die Zielgruppe der Einrichtung nicht zu den Internetnutzern gehört.

Die Hälfte der untersuchten Nonprofit-Organisationen haben noch gar keine Erfahrungen mit Web 2.0. Das Fazit der Studie: Nonprofit-Einrichtungen brauchen mehr Unterstützung beim Sprung in die Web 2.0- Welt.

Beth Kanter, die seit Jahren beruflich mit gemeinnützigen Trägern zusammenarbeitet, zieht folgenden Schluss: während die Wirtschaft sich schon mit der Umsetzung von Web 2.0 in den Unternehmen befasst, lägen Nonprofit-Organisationen noch ein bis zwei Jahre hinterher. Nonprofit-Einrichtungen beschäftigen sich noch mit den Fragen: Was ist das Web 2.0 und weshalb ist es wichtig?

Schade, dass Nonprofit-Einrichtungen hier in einen Rückstand geraten sind. Obwohl es sich bei den Web 2.0 Tools um Instrumente handelt, die kostengünstig sind und sich durch ihren interaktiven Charakter und ihre Gemeinschaftsbildung geradezu perfekt für gemeinnützige Organisationen eignen. Was sind die Gründe für diesen Rückstand? Dies versuche ich im nächsten Beitrag zu diskutieren. Ihre Meinungen zu diesem Thema sind willkommen!

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Web 2.0 – die ersten Schritte für Nonprofits (IV)

Der vierte Schritt der Web 2.0-Einführung ist der anspuchsvollste. Nicht jede Nonprofit-Einrichtung wird ihn gehen, weil er mit vielen Traditionen bricht und die Bereitschaft einer Organisation voraussetzt, sich nach außen hin zu öffnen.

Der vierte Schritt besteht darin, ein öffentliches Wiki anzulegen, das der Bürgerschaft und damit allen tatsächlichen und potentiellen Kunden offen steht. Man könnte es Kunden-Wiki nennen und seine Funktion besteht darin, die Wünsche und Ideen der Bezugsgruppen einer Organisation abzufragen.

Am effektivsten ist es, Kommentare zu konkreten Projekten und Themen zu erbitten. Ein Moderator von Seiten der Nonprofit-Einrichtung sollte die Diskussion betreuen und Anregungen aufnehmen oder bei Statements nachhaken.

Ein solches Wiki ist Teil des Ideenmanagements einer Organisation. Man überlässt die Entwicklung von Vorschlägen nicht dem Zufall, sondern bietet durch ein öffentliches Wiki mit entsprechenden Themen das Forum, um Ideen zielgerichtet einzuholen. Vergangene Woche war in der Süddeutschen zu lesen, dass Firmen in Deutschland viele Milliarden Euro vergeuden, weil sie die Ideen ihrer Mitarbeiter ignorieren, vor allen Dingen die Ideen der Menschen, die an der Basis arbeiten. Vor diesem Defizit wird auch der Nonprofit-Sektor nicht gefeit sein, denn dies ist ein typisches Problem hierarchischer Organisationen, zu denen die wohlfahrtsverbandlichen Sozialeinrichtungen ebenfalls zählen.

Es werden aber nicht nur die Ideen von Mitarbeitern vernachlässigt, sondern auch die Ideen von anderen Bezugsgruppen einer Einrichtung. Auch die Anregungen von Klienten, Angehörigen und Ehrenamtlichen einer Sozialorganisation werden nicht systematisch erhoben. Ideen wirken häufig bedrohlich, weil sie die gewohnten Abläufe einer Organisation in Frage stellen können. Aber Ideen sind notwendig, wenn eine Nonprofit-Einrichtung neue Leistungen entwickeln und bestehende Angebote ausdifferenzieren will.

Dies in engem Austausch mit den (potentiellen) Kunden durchzuführen, verspricht große Erfolge. Und es legitimiert das eigene Vorgehen gegenüber den Institutionen, die Sozialleistungen finanzieren auf einem viel höheren Niveau, als wenn Leistungen ohne aktive Partizipation der Kundschaft entwickelt werden.

Ein Kunden-Wiki muss nicht immer im Netz stehen. Die Nonprofit-Einrichtung kann es auch nur im Rahmen einer Kampagne für wenige Tage zur Verfügung stellen. Die Einträge sollten moderiert werden, d.h. destruktive Beiträge werden gelöscht.

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