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Netzwerke im demografischen Wandel aufbauen – Teil 1: Bürgernetzwerke

(Brigitte Reiser) Dies ist ein Beitrag für die 27. NPO-Blogparade: „Netzwerke im demografischen Wandel aufbauen – Chancen und Hindernisse?“. Diskussionsbeiträge sind willkommen. 

Die Politik will das Engagement von Bürgern und deren Vernetzung fördern. Viele bürgerschaftliche Aktivitäten finden in Form informeller Gruppen und Initiativen statt. Ist die lokale Infrastruktur für das Bürgerengagement so ausgerichtet, dass sie diesen informellen Netzwerken Unterstützung leisten kann?

Das Problem ist, dass über den Bereich der selbstorganisierten Initiativen auf örtlicher Ebene in der Regel zu wenig Informationen vorliegen. Entsprechend schwierig ist es,  herauszufinden, welche Unterstützung diese informellen Netzwerke – reale und virtuelle – eigentlich brauchen. Viele der vorhandenen Fördermaßnahmen konzentrieren sich deshalb auf die institutionalisierten Akteure, die als gemeinnützig eingetragen sind, und lassen informelle Initiativen und Bewegungen eher außer Acht.

Auch die Dritte-Sektor-Forschung kann kein Licht ins Dunkel bringen, wenn es um die informellen Aktivitäten der Bürgergesellschaft geht. Erhebungen konzentrieren sich auf den institutionalisierten Bereich der Zivilgesellschaft, so dass Kritiker vom „flat earth-approach“ der Dritte-Sektor-Forschung sprechen (Smith, zit. nach Soteri-Proctor/Alcock 2012, 381). Die Verantwortlichen des jüngsten ZiviZ-Surveys stellen klar, dass „eine Organisationserhebung (…) keine Zivilgesellschaftserhebung sein“ kann (Krimmer/Priemer, ZiviZ 2013, 13), weil die Zivilgesellschaft aus vielen informellen Formen besteht: aus Bewegungen, selbstorganisierten Initiativen, virtuellen Netzwerken usw. So beschränkte sich auch der ZiviZ-Survey auf die Befragung von eingetragenen Vereinen, Genossenschaften, gemeinnützigen GmbHs und Stiftungen.  Danach gab es in Deutschland im Jahr 2012 616.154 Drittsektor-Organisationen. Die Zahl der bürgerschaftlichen Aktiviäten „unter dem Radar“ des Dritten Sektors dürfte um ein Vielfaches größer sein.

Die britischen Forscher Soteri-Proctor und Alcock haben sich um ein Micro-Mapping bürgerschaftlicher Initiativen in zwei Gemeinden bemüht. Allein in elf Straßen der beiden Orte konnten sie durch Befragungen, Aushänge, Begehungen von Gebäuden und andere Bemühungen 58 Initiativen ausfindig machen und kartieren, die in keiner offiziellen Statistik auftauchen, die nicht registriert sind und zum Teil auch keinen Namen und keine Adresse haben. Sie gehen davon aus, dass dieses Ergebnis noch weit höher ausgefallen wäre, hätten sie auch Netzwerke einbezogen, die in der Gemeinde umher wandern oder virtueller Natur sind (Soteri-Proctor/Alcock 2012) (Infos zum britischen Projekt gibt es auch hier).

Welcher Art sind diese informellen Bürgernetzwerke und unter welchen Bedingungen gedeihen sie?

In der britischen Untersuchung konnten sechs Bereiche identifiziert werden, in denen die informellen Netzwerke aktiv sind: Kunst und Musik/multikulturelle Aktivitäten/Nischenthemen/Selbsthilfe und Hilfe auf Gegenseitigkeit/spezielle Glaubens- oder kulturelle Gemeinschaften/Freizeitaktivitäten (Soteri-Proctor/Alcock 2012, 386). Die Netzwerke dienen der Unterstützung derjenigen, die in ihnen aktiv sind. Manche aber geben zum Teil auch Unterstützung an das Gemeinwesen weiter (ebd., 389). Drei Faktoren sind für den Fortbestand der informellen Initiativen wichtig:

  • „Bricoleurs“, – das sind Leute, die in der Lage sind, Ressourcen aufzutreiben und die Ziele der Gruppe effektiv zu verfolgen
  • Community Hubs, – das sind öffentliche Räume, in denen unterschiedliche Initiativen Platz finden
  • Unterstützung durch Mitarbeiter, fest angestellte und ehrenamtliche, die in den Community Hubs arbeiten (ebd., 392f).

Speziell im demografischen Wandel wird auf Bürgerengagement, freiwillige Gemeinschaften und Netzwerke gesetzt, um untereinander und füreinander die kleinen Hilfsdienste zu leisten, die es dem einzelnen ermöglichen, länger in den eigenen vier Wänden zu bleiben, sofern er auch noch Zugriff auf professionelle Dienste hat. Viele der Netzwerke starten mit großem Idealismus und enden dann nicht selten, weil Freiwillige abspringen oder der „Netzwerker“ aufgibt. Das sind die Erfahrungen aus dem Forschungsprojekt „Soziale Innovationen für Lebensqualität im Alter“ von Julia M. Bott (2014): „Die Ergebnisse (…) bezüglich des Funktionierens von Selbstorganisationsprozessen sind in gewisser Weise ernüchternd. In manchen Orten funktioniert etwas, in anderen genau wiederum nicht. Das heißt, eindeutige ‚Erfolgsrezepte‘ gibt es nicht. Unrealistisch ist jedoch, dass auf professionelle Steuerung, Moderation und/oder Beratung gänzlich verzichtet werden kann“ (Bott 2014, 58).

Bott hat deshalb Tipps für die lokale Netzwerkarbeit und Selbstorganisation in einem Hand- und Arbeitsbuch des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge veröffentlicht. Fertige Rezepte gibt es hier wirklich nicht, aber nützliche Hinweise wie die folgenden:

  • Netzwerker sind für lokale Selbstorganisationsprozesse wichtig, sie sollten entsprechend gefördert werden (ebd., 58)
  • wer Bürger für ein Engagement in Netzwerken gewinnen möchte, muss darauf achten, für sie eine Win-win-Situation zu schaffen (ebd., 55)
  • Die Kooperation von Netzwerken mit und ihre Förderung durch professionelle Einrichtungen ist wichtig (ebd., 38)

Professionelle spielen – wie schon oben erwähnt – eine bedeutende Rolle bei der Unterstützung von Vernetzungsprozessen. Es ist wichtig, dass Mitarbeiter ihr Wissen teilen, im Zweifel auch ihre Räume, um für Freiwillige stundenweise einen Büroplatz zu bieten. Ebenso wichtig sind fachliche Beratung, Supervision und inhaltliche Unterstützung der Ehrenamtlichen. Das Ehrenamt braucht das Hauptamt, wenn vor Ort etwas bewegt werden soll, –  das ist zumindest auch meine persönliche Erfahrung als Freiwillige in lokalen Vernetzungsprozessen.

Sind die gemeinnützigen Träger und die lokalen Infrastrukturen des Bürgerengagements auf diese Mentoren-Funktion vorbereitet?  Können speziell Freiwilligenagenturen angesichts ihrer „noch ausstehenden Profilbildung“ und ihrer „nur allenfalls ansatzweise erkennbaren (Selbst)Professionalisierung“ (Backhaus-Maul/Speck 2011, 308) diese Unterstützung von lokalen Selbstorganisations- und Vernetzungsprozessen leisten?

Mein Eindruck ist, dass wir eine ganze Reihe neuer Förder- und Unterstützungsinstrumente brauchen, um bürgerschaftliche (Hilfs)Netzwerke auf örtlicher Ebene aufzubauen, zu pflegen und ihre Nachhaltigkeit zu sichern.

Der demografische Wandel und die wichtige Rolle von Vereinen

Gemeinnüzige Organisationen spielen für die Zivilgesellschaft eine zentrale Rolle: sie integrieren Bürger und bilden Gemeinschaften, sie schaffen Beteiligungsmöglichkeiten, sie vertreten Interessen und bieten Dienstleistungen an.

Viele Vereine auf örtlicher Ebene befinden sich derzeit jedoch in einer schwierigen Situation. Ämter können nicht besetzt werden, Freiwillige sind schwer zu finden, Mitgliederzahlen gehen zurück und Budgets schrumpfen. Es fehlt am Wissen, wie man mit den veränderten Ansprüchen von Freiwilligen umgehen kann, wie man attraktive Beteiligungsmöglichkeiten schafft, welchen Beitrag hier auch das Internet leisten kann. Es mangelt häufig auch an einer Vernetzung von Vereinen untereinander, um gemeinsam Probleme zu lösen, und an der Überzeugung, dass eine solche Vernetzung Nutzen stiftet und nicht nur mit Kosten einher geht. Der Horizont vieler Vereine ist deckungsgleich mit der eigenen Organisation. Das Potential von Vernetzung

  • für einen niedrigschwelligen und kostengünstigen Wissenstransfer
  • für den Aufbau neuer Nachbarschaften und Dienstleistungsketten sowie die Stärkung der Zivilgesellschaft

wird häufig sehr unterschätzt. Dies ist nachteilig, speziell aus folgenden Gründen: Ohne eine wechselseitige Vernetzung mit Wissensaustausch und der gemeinschaftlichen Entwicklung innovativer Konzepte werden viele Vereine auf lokaler Ebene ihre Krise nicht überwinden können. Ihre gemeinschaftsbildende Funktion und ihre Bedeutung für ein vitales, demokratisches Gemeinwesen werden darunter leiden, – angesichts des demografischen Wandels wäre dies eine tragische Entwicklung. Denn gemeinnützige Organisationen werden eigentlich dringend gebraucht, um vor Ort neue Nachbarschaften und Unterstützungsstrukturen aufzubauen. Engagierte Bürger und Initiativen sind wichtige Motoren, um Neues zu initiieren. Aber um innovative Projekte wie Tauschnetzwerke, Seniorengenossenschaften, gemeinschaftliches Wohnen usw. in der Fläche umzusetzen, wird die Kooperation mit und die Unterstützung durch die bestehenden Vereine zumeist benötigt.

Annette Zimmer, die auf die Erforschung des Dritten Sektors spezialisiert ist, fordert „Tools, Instrumente für Beratung und Unterstützung“, um Vereine für die kommenden Aufgaben fit zu machen (Zimmer 2012, 31). Auch die Einrichtungen vor Ort, die sich um die Förderung des Bürgerengagements bemühen, hätten sich den Vereins-Problemen noch nicht richtig angenommen (ebd.). Es reicht aber nicht aus, auf kommunaler Ebene nur das individuelle Bürgerengagement zu fördern. Es ist mindestens ebenso wichtig, die Vereine als Orte des Bürgerengagements zu stärken. Und sie in die Lage zu versetzen, mit den Veränderungen, die soziale, ökonomische und demografische Umbrüche mit sich bringen, umzugehen.

Welche zentrale Bedeutung diesem Empowerment der Zivilgesellschaft zukommt, wird von staatliche Seite noch verkannt. Auf dem 2. Demografiegipfel der Bundesregierung im Mai, bei dem es um eine Demografiestrategie für unser Land ging, kam die Zivilgesellschaft als Akteur bzw. das zivilgesellschaftliche Engagement „nur am Rande vor und war als eigenes Thema auch in keiner der Arbeitsgruppen behandelt worden. So gab es keine zufriedenstellende Antworten auf die Fragen, welche Akteure die anstehenden gesellschaftlichen Aufgaben erledigen sollen und wie das alles finanziert werden soll“ (Rubart 2013, 1). Fazit der BBE-Vertreterin: „Vom Gipfel nichts Neues“ (ebd.).

Wenn der Staat den intermediären Sektor und dessen Rolle in Anbetracht des demografischen Wandels zu wenig würdigt und unterstützt, dann sollte die Zivilgesellschaft nicht auf staatliche Initiativen warten. Sondern sich untereinander und mit den lokalen Kräften, die an einer Zusammenarbeit interessiert sind, stärker vernetzen um Wissen auszutauschen. Ein erster Schritt könnte sein, einen überregionalen Wissensaustausch zum Themenkomplex „demografischer Wandel – gute lokale Praxis“ zu beginnen, und in diesem Themenkomplex die Stärkung der örtlichen Vereine mitzubehandeln. Ein Veranstaltungsformat wie das OpenTransfer-Camp könnte einen guten Rahmen abgeben für den Wissensaustausch jener, die lokal am Aufbau neuer Nachbarschaften und Vernetzungen mitwirken.

Literatur (wenn nicht verlinkt):

  • Zimmer, Annette (2012): Neue Herausforderungen erfordern neue Konzepte, in: Generali Zukunftsfonds, Jahresbericht 2012, S. 31, Download-Link hier.