Kategorie-Archiv: Klienten

Web 2.0 und das Zögern gemeinnütziger Organisationen

Von Ole Seidenberg, dem SocialBlogger , kommt die Frage für die dritte Runde der Nonprofit-Blogparade:
„Welche Kehrseiten des Web 2.0-Hypes gilt es zu beachten, insbesondere für den Nonprofit-Sektor?“

In meiner Antwort will ich untersuchen, welche „Kehrseiten“ (oder nennen wir es lieber „Herausforderungen“) des Netzes von Organisationen als besonders irritierend wahrgenommen werden.

Dazu die erste Feststellung: das Internet ist ein neuer öffentlicher Raum. Und wie alle öffentlichen Räume birgt es Gefahren und Chancen. Die Gefahren gehen von destruktiven Nutzern, staatlichen Überwachungs- und Kontrollversuchen, mangelhafter Datensicherheit, rufschädigenden Inhalten usw. aus. Die Chancen des Internets liegen in der Vernetzung mit anderen Nutzern und im Gewinn von Ressourcen wie Ideen, Unterstützung und finanziellen Mitteln usw.

Was Menschen und Organisationen vor dem digitalen öffentlichen Raum zurückschrecken lässt und Ängste hervorruft, ist folgendes:

Der Verlust an Intimität. Wer öffentlich im Internet agiert, erreicht potentiell Tausende von Nutzern, wildfremde Menschen in fremden Städten, fremden Ländern. Dies produziert Ängste, weil man den vergleichsweise kleinen geschützten Raum verlässt, in dem man bisher agierte. Dieses Überschreiten der Grenze zwischen innen und außen, zwischen Vertrautem und Fremdem fällt auch traditionellen Nonprofit-Organisationen schwer, die sich bisher hauptsächlich in ihrem angestammten Milieu bewegten, sei es kirchlich, gewerkschaftlich, oder ökologisch orientiert.

Das Sichtbarwerden von Beziehungen . Während in der realen Welt die Beziehungsstrukturen zwischen Menschen und Organisationen für den Einzelnen nicht transparent sind – er hat hier nur einen begrenzten Überblick- werden im Internet Beziehungsstrukturen erheblich durchsichtiger. Man erkennt leichter, wer mit welcher Organisation verbunden ist (also zweiseitige Verhältnisse) und auch die Verbindungen der Nutzer untereinander. Die Sichtbarkeit von Beziehungen lässt Vergleiche zwischen den Netzwerken von gemeinnützigen Organisationen zu. Und damit auch Vergleiche über die Integrations-, Akquise- und Zukunftsfähigkeit eines gemeinnützigen Trägers.

Die Angst vor dem Fremden. Während man im eigenen Umfeld die Menschen und ihre Reaktionen im allgemeinen ganz gut einschätzen kann, verliert man diese Sicherheit im Umgang, sobald fremde Menschen aus fremden Milieus auftreten. Dann überkommt viele die Angst vor einer vermeintlich feindlichen Umwelt und es wächst die WIR/UND DIE ANDEREN-Haltung. Die Angst vor dem Fremden existiert auch in Nonprofit-Organisationen, die befürchten, dass fremde Milieus und Botschaften ihre Identität bedrohen könnten.

Die öffentliche Kritik. Mit Kritikern hat man als Individuum und Organisation immer zu tun. Es ist allerdings ein Unterschied, ob diese Kritik in einem zahlenmässig begrenzten Raum oder im Internet vorgetragen wird. Im ersten Fall erfährt von dieser Kritik vielleicht eine Mitgliederversammlung mit 50 Personen. Im zweiten Fall ein Nutzerkreis, der in die Tausende gehen kann und der die Kritik auch selbst noch weiterverbreitet. Eine Organisation braucht Selbstvertrauen und ein gewisses Mass an Coolness, um sich dieser Kritik bewusst auszusetzen. Wer allerdings glaubt, er könne der Kritik entgehen, wenn er offline bleibt, täuscht sich. Die Nutzer reden so oder so im Netz über einen selbst.

Die Folgen für die Organisation . Wer sich für Social Media entscheidet und einen langfristigen Dialog mit den eigenen Stakeholdern aufbauen möchte, muss deren Fragen und Anregungen ernst nehmen. Man kann nicht pauschal Dinge ablehnen, sondern muss diskussionsbereit bleiben und Gründe für die eigene Haltung nennen, die wiederum von den Nutzern hinterfragt werden wird. So ergibt sich eine Machtverschiebung hin zu den Nutzern: während in der Vergangenheit die Nonprofit-Organisation mit ihren Publikationsmöglichkeiten die Rolle des Senders innehatte und die Adressaten die Rolle des Empfängers, können Stakeholder mit Hilfe von Social Media ihre Standpunkte sehr leicht selbst veröffentlichen. Und müssen dementsprechend ernst genommen werden.

Gerald Czech vom Redcross Sociologist-Blog weist auf einen weiteren Aspekt hin, der gemeinnützige Organisationen vor dem Internet zögern lässt: nämlich auf die Tatsache, dass Teile der Klientel von Nonprofit-Organisationen im Sozialbereich gar nicht im Netz vertreten sind. Menschen mit niedrigen Bildungsabschlüssen, geringem Haushaltseinkommen, Menschen über 70 Jahre und speziell viele Menschen in Ostdeutschland zählen zu den Offlinern. Auch Frauen sind nicht so häufig online wie Männer (vgl. (N)ONLINER-Atlas 2008 ).

Es existiert ein digitaler Graben in Deutschland, aber die Schlussfolgerung daraus darf nicht heißen, dass gemeinnützige Organisationen auf den Einsatz von Social Media verzichten sollten. Im Gegenteil: eine ihrer Aufgaben müsste nun sein, ihre Klientel für das Internet fit zu machen. Weil es dafür aller Wahrscheinlichkeit keine ausreichenden öffentlichen Mittel gibt, müssen Nonprofits daran gehen, für diese Aufgabe verstärkt Ehrenamtliche zu rekrutieren. Es geht also um eine Ausweitung des Aufgabenkatalogs für Nonprofits über soziale Dienstleistungen hinaus. Und zwar in Richtung eines Empowerments von Klienten, die in die Lage versetzt werden müssen, an der neuen digitalen res publica teilzunehmen.

Selbstverständlich lastet diese Verantwortung nicht allein auf den Schultern der freien Wohlfahrtspflege, sondern primär auf dem Bildungssystem. Aber auch die freie Wohlfahrtspflege ist als Akteur gefragt, weil sie in Kontakt mit Menschen kommt, die zu anderen gesellschaftlichen Systemen häufig keinen Zugang mehr haben.

Zu diesem Zweck könnten Nonprofits im Sozialsektor eine gemeinsame Plattform ähnlich wie Codekindness.org schaffen, die freiwillige IT-Helfer rekrutiert oder in bestehenden Freiwilligenbörsen die IT-Schulung für Klienten mitaufnehmen. Übrigens kann auf diesem Weg auch nach IT-Unterstützung für Nonprofits selbst gesucht werden, zumindest für kleine Organisationen und Initiativen , die sich einen gewerblichen Dienstleister nicht leisten können.

Fazit: es gibt für Nonprofits trotz aller „Kehrseiten“, die das Netz bietet, keinen Weg zurück in eine internetlose Zeit, sondern nur den Weg voran, den sie gemeinsam mit ihren Stakeholdern gehen sollten. Oder wie Li/Bernoff es formulieren: „You cannot ignore this trend. You cannot sit this one out (…) You may go a little slower or a little faster, but you have to move forward “ (2008, 75 ).

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Blog Action Day 2008: Armut und das Dilemma der Sozialen Arbeit

Heute ist der weltweite Blog Action Day zum Thema ‚Armut‘. Möglichst viele Blogger sollen zu diesem Thema aus ihrer Perspektive Stellung nehmen. Via Blogpatenschaften wurde ich auf die Aktion aufmerksam, durch Twitter daran erinnert.

Wer arm ist, hat zumeist nicht nur materielle Probleme, sondern benötigt auch Unterstützung im Beziehungs- und Bildungsbereich und bei Fragen der Haushaltsführung und Lebensplanung. Diese Hilfen werden von den Sozialen Diensten der Sozialverwaltung oder freigemeinnütziger Träger angeboten.

Die Bedingungen der Sozialen Arbeit haben sich in den letzten Jahren sehr stark verändert. In einem Aufsatz in der Fachzeitschrift Sozialer Fortschritt (1/20008) fasst H.J. Dahme den Wandel in den sozialen Diensten wie folgt zusammen: die Arbeit wurde bürokratisiert und verbetriebswirtschaftlicht. Der einzelne Mitarbeiter muss immer höhere Fallzahlen und immer mehr administrative Aufgabent stemmen. Die Interaktion mit dem Klienten wird durch gesetzliche Vorgaben immer stärker reglementiert (S. 10f). Was darunter leide, sei die "ganzheitliche Arbeit am und mit Menschen" (Dahme 2008, 11). Die Reglementierung seitens des Staates und des Trägers stellt darüber hinaus die Autonomie der Sozialarbeit in Frage. Der Mitarbeiter kann seine Expertise nicht mehr in der Form einbringen, wie er es sich erhofft hat.

Die Soziarbeit steht vor einem Dilemma. Einerseits sind die Mitarbeiter motiviert und möchten helfen. Andererseits schwinden ihre Handlungsspielräume. Wie kann der Ausweg aus dieser Sitaution aussehen?

Ein Zurück zur früheren Autonomie und Expertise mit ihrem tendenziell ‚hierarchischen‘ Charakter kann es meines Erachtens nicht mehr geben. Die Bemühungen von staatlicher – und Trägerseite nach Effizienz, Effektivität und Transparenz (duch die Falldokumentationen) sind legitim. Dennoch darf die am Klienten orientierte ganzheitliche Arbeit dabei nicht auf der Strecke bleiben.

Der Ausweg aus dem Dilemma kann meiner Ansicht nach nur gelingen, wenn sich die Soziale Arbeit neue Bündnisparter sucht. Die vorhandenen Bezugsgrupen/Stakeholder wie Angehörige, Ehrenamtliche, Nachbarschaft, Gemeinde usw. müssen stärker in die Dienstleistungsproduktion mit eingebunden werden. Nicht nur, um die Sozialarbeit zu entlasten und zu bereichern. Sondern auch, um bei Bedarf ein Netzwerk zu besitzen, mit dessen politischer Unterstützung man rechnen kann. Denn wer vertritt im Moment die Interessen einer ganzheitlichen Sozialarbeit, abgesehen von den dafür zuständigen Gewerkschafts-
funktionären? Nonprofits und die Sozialarbeit haben es versäumt, die Öffentlichkeit effektiv auf ihre Arbeitssituation vor Ort hinzuweisen. Nun ist niemand da, der mit ihnen gemeinsam die Auswüchse der Bürokratisierung bekämpfen könnte. Die Leidtragenden sind die Klienten. In diesem Fall: die Menschen, die arm sind.

Web 2.0 bietet den Sozialen Diensten die technischen Voraussetzungen, um sich mit ihren Stakeholdern stärker zu vernetzen und Communities aufzubauen, die man auch für die politische Arbeit nutzen kann. Vielleicht wird man auf dem Online-Weg mehr Unterstützung für die Soziale Arbeit organisieren können?

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Podknast.de – Radio aus dem Jugendarrest

Podcasts aus dem Knast – über die Stuttgarter Zeitung bin ich auf das Hörangebot des Düsseldorfer Jugendarrestes aufmerksam geworden. „Live aus der Zelle“ berichten jugendliche Straftäter über ihr Leben und ihre Zeit in der Arrestanstalt. Herausgegeben werden die Podcasts vom Justizministerium in NRW, in Kooperation mit der nordrhein-westfälischen Landesmedienanstalt.

Die Podcasts sollen der Abschreckung dienen und gefährdete Jugendliche über die Zustände im Jugendarrest informieren. Das Ganze trägt paternalistische Züge, – einerseits. Andererseits erzählen die Jugendlichen ziemlich ungeschminkt von ihren Gefühlen, die Beiträge wirken authentisch. Sie bieten einen kleinen Einblick in die Seele der Gefangenen, z.B. in die Gefühlslage von „Marco“ dem Nachdenker.

Grundsätzlich finde ich Medienprojekte, die in geschlossenen/stationären Einrichtungen von den dortigen Klienten produziert werden, sehr begrüßenswert. Vor kurzem habe ich über das Internetradio des Paritätischen Landeswohlfahrtsverbandes geschrieben, der Podcasts aus Sozialeinrichtungen bietet. Aber noch sind solche Projekte in der Minderzahl.

Im Allgemeinen „verschwinden“ die Menschen in den Einrichtungen, seien es nun psychiatrische Anstalten, Gefängnisse, Behinderteneinrichtungen, Pflegeheime – und wenn man nicht gerade persönlich mit ihnen bekannt ist, verliert man sie als Mitbürger vollkommen aus dem Gesichtsfeld. Sie sind sozusagen aufgeräumt, weggesteckt und „behelligen“ niemanden außerhalb mehr mit ihren Problemen und ihrer Präsenz.

Podcasts wie Podknast.de bringen ein wenig Licht in das Dunkel der Betroffenen. Sinnvoll wäre es nun, wenn es eine Kommentarfunktion zu den Podcasts gäbe, damit sich die Zielgruppe zu Wort melden kann und die Einrichtung/die Sprecher der Podcasts in eine Diskussion mit dem Publikum eintreten könnten, um Fragen zu klären und inhaltlich nachzulegen. Das langfristige Ziel muss ein Dialog mit der Umwelt sein und nicht die einseitige Kommunikation vom Sender zum Empfänger. Aber das Problem bei solchen Projekten ist in der Regel – woher das Geld nehmen für die Mitarbeiter, die eine solche interaktive Seite betreuen könnten?

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