Freiwilligenmanagement in Nonprofits – ein Beitrag zur Bürgerschaftlichkeit des Dritten Sektors?

Gemeinnützige Organisationen spielen über ihre Dienstleistungsfunktion hinaus eine wichtige Rolle für unser Gemeinwesen, indem sie Gemeinschaft bilden, Partizipation ermöglichen und Interessen vertreten. Diese Funktionen können unterschiedlich ‚bürgernah‘ bzw. gemeinwesenorientiert ausgeübt werden. Dritte Sektor-Organisationen zählen sich zwar formal zur Zivilgesellschaft – und nicht zu Markt oder Staat – aber sie sind dadurch nicht automatisch ‚zivil‘. Ihre bürgerschaftliche Ausrichtung und Anbindung an das Gemeinwesen – ihre ‚civicness‘ – muss bewusst hergestellt werden (vgl. Evers 2009).

Nun ist der deutsche Dritte Sektor, der von den großen Wohlfahrtsverbänden dominiert wird, sehr staatsorientiert aufgrund der bestehenden Finanzierungsstrukturen. Die zivilgesellschaftliche Ausrichtung der Organisationen ist deshalb eine Herausforderung für die großen bürokratisierten Verbände, um die jeden Tag gerungen werden muss und über deren Stellenwert im Sektor selbst durchaus keine Einigkeit herrscht.

Die gemeinnützigen Programme, Methoden und Kommunikationsstile legen Zeugnis davon ab, wie ernst es einem Träger mit der bürgerschaftlichen Ausrichtung ist. Ob man bereit ist, sich dem Austausch mit den Bürgern und einer demokratischen Öffentlichkeit zu stellen, oder ob man monologisiert und aus einer binnenorientierten Perspektive heraus handelt.

Auch das Freiwilligenmangement in den Einrichtungen, d.h. die Steuerung des Umgangs mit den ehrenamtlich engagierten Bürgern, ist ein Bereich, an dem das Ausmaß der Bürgerschaftlichkeit einer gemeinnützigen Organisation abgelesen werden kann.

Zwar ist das Freiwilligenmanagement in Sozialeinrichtungen noch nicht flächendeckend verankert. Und auch in den Ausbildungs- und Studiengängen spielt die Zusammenarbeit von Profis und Bürgern – obwohl schon immer Realität in Sozialeinrichtungen – inhaltlich kaum eine Rolle (vgl. Beerbaum 2011). Aber immer mehr Einrichtungen gehen dazu über, Mitarbeiter mit der Freiwilligenkoordination bzw. dem -management zu beauftragen.

Ein in der Praxis weit verbreitetes Freiwilligenmanagement-Modell ist das der Akademie für Ehrenamtlichkeit Deutschland (AfED) in Berlin, die seit 1998 Freiwilligenmanager ausbildet. Das Management-Konzept der AfED ist in einer Publikation aus dem Jahr 2009 („Freiwilligen-Management“) von Reifenhäuser, Hofmann und Kegel niedergelegt.

Es unterteilt die Arbeit mit Freiwilligen anhand des Engagementprozesses in folgende Abschnitte:

  • Engagementfelder für Ehrenamtliche identifizieren
  • Engagementangebote beschreiben und bewerben
  • Erstgespräche führen und Engagement vereinbaren
  • Ehrenamtliche einarbeiten und befähigen
  • fördern, qualifizieren und anerkennen
  • verabschieden und Engagement bescheinigen

(Reifenhäuser u.a., S. 79)

Welchen Beitrag kann dieses Modell für einen zivilen Dritten Sektor leisten? Inwieweit fördert es die bürgerschaftliche Ausrichtung von gemeinnützigen Organisationen?

Eine kritische Begutachtung zeigt:

Das Freiwilligen-Management-Konzept der AfED ist aus einer binnenorientierten Perspektive heraus verfasst: „Hier geht man vom Bedarf der Organisation aus“ (Reifenhäuser u.a., 77), – nicht vom Bedarf der BürgerInnen.

Das freiwillige Engagement wird als „ergänzend“ festgeschrieben. Die Aufgabenprofile für die Ehrenamtlichen werden von der Organisation entwickelt (S. 79f). Es darf zu keiner Kollision mit dem Hauptamt kommen (S. 68). Die Dominanz der Profession – und das Machtungleichgewicht zu Lasten der Bürgerschaft – bleibt dadurch gesichert, – obwohl in vielen Bereichen Ehrenamtliche substantielle Beiträge für den Betrieb einer Einrichtung leisten.

Die Partizipation der Ehrenamtlichen wird angemahnt: „Die Freiwilligen haben ein Recht auf Mitbestimmung und -gestaltung (mindestens in Fragen ihres direkten Aufgabenbereichs!)…“ (Reifenhäuser u.a., 71). Gleichzeitig spiegeln sich institutionell festgeschriebene Mitwirkungsmöglichkeiten nicht in dem oben beschriebenen Engagementzyklus wider. Verfahren strukturieren die Teilhabe – folglich stellt sich die Frage, wie im Rahmen dieses nach den Bedürfnissen der Organisation gestalteten Prozesses die inhaltliche Beteiligung von Bürgern gelingen soll? Da betont wird, das Ziel der Einarbeitung der Ehrenamtlichen sei, sie „über das Leitbild, die Ziele und die Arbeitsweise der Organisation, über die Aufgaben und Positionen der Freiwilligen und vor allem über die eigenen Aufgaben und Verantwortlichkeiten“ zu informieren (Reifenhäuser u.a. S. 93).

Das Konzept individualisiert das Freiwilligenengagement. Kollektive, auf das Gemeinwesen hin orientierte Mitmach- und Entscheidungsmöglichkeiten, z.B. für die Bürger eines Viertels, sind nicht vorgesehen. Es gibt nur das (bilaterale) Verhältnis zwischen der Organisation und dem einzelnen Bürger.

Das Konzept klammert Soziale Medien aus. Das Internet spielt nur bei der Vermarktung von Engagementangeboten eine Rolle (S. 87), nicht aber, um Dialog und Vernetzung mit der Zivilgesellschaft voranzutreiben. Da das Internet heute aber integraler Bestandteil von Öffentlichkeit und Beteiligung ist, darf das Freiwilligenmangement von Nonprofits Soziale Medien nicht ausklammern, sondern muss sie integrieren als Tools, die Beziehungen, Netzwerke und Beteiligung ermöglichen.

Das Freiwilligenmanagement von Nonprofit-Organisationen kann die Zivilität der Einrichtungen fördern, wenn die inhaltliche Mitgestaltung bzw. Beteiligung von Bürgern zum integralen Bestandteil des Prozesses wird. Wenn also das Freiwilligenmanagement sich nicht auf eine ‚Koordination‘ von Ehrenamtlichen beschränkt, sondern auf die Steuerung von Koproduktionsprozessen zielt, bei denen Profis und Bürger auf Augenhöhe zusammenarbeiten

Voraussetzung dafür ist, dass die Erfahrungen der Bürger ebenso wertgeschätzt werden wie die Expertise der professionellen Mitarbeiter.

Die Einrichtung sollte in ständigem Austausch mit der Öffentlichkeit stehen, über Communitygrenzen hinweg, um auszuloten welche Ressourcen und Ideen es für die Weiterentwicklung der Dienste gibt.

Eine Präsenz im Social Web ist unerlässlich, um Online-Beteiligung und Koordinationsmöglichkeiten zu nutzen.

Im Kern muss es darum gehen, das Freiwilligenmanagement nicht allein aus Sicht der Einrichtung zu konzipieren, sondern es zu demokratisieren, um der Zivilgesellschaft Möglichkeiten zur Teilhabe zu eröffnen.

3 Gedanken zu „Freiwilligenmanagement in Nonprofits – ein Beitrag zur Bürgerschaftlichkeit des Dritten Sektors?

  1. Hallo Brigitte,

    vielen herzlichen Dank für deine kritischen Anmerkungen zum Konzept des Freiwilligenmanagements der AfED. Ich sehe hier einige Anschlüsse zu deiner Kritik am Praxiskompedium zum Management von Online-Volunteers, die ich sehr hilfreich fand.

    Es ist wohl wahr, das Konzept der AfED geht eher von den Bedürfnissen der Organisation als denen der (potentiellen) Freiwilligen aus, wenngleich das Freiwilligenmanagement immer als Mittler zwischen den Bedürfnissen der Freiwilligen (die es zu halten gilt) und denen der Organisation begriffen werden muss. Das Konzept des Freiwilligenmanagements der AfED wurzelt übrigens im Freiburger Management-Modell von Schwarz et al., dem m.W. einzigen Management-Modell aus dem deutschen Sprachraum das die Arbeit Freiwilliger (hier „Milizarbeit“) expizit einschließt. Durch diesen Anschluss sind im konzeptionellen Prozess des Freiwilligenmanagements (du zitierst hier aus dem Praxisteil, der natürlich mit ‚deutschen‘ Erfahrungen durchsetzt ist) auch außerorganisationale Faktoren inklusive, was die Öffnung zur Koproduktion sozialer Dienstleistungen zumindest nicht unmöglich macht.

    Deiner Aussage, dass immer mehr Organisationen des Dritten Sektors ein Freiwilligenmanagement einrichten, würde ich nur all zu gern zustimmen. Leider zeigen die Daten des Freiwilligensurveys m.W. in eine andere Richtung. Es gibt immer weniger hauptamtliche Begleitung für Freiwillige, was nicht zuletzt mit den mangelhaften Finanzierungsmöglichkeiten dieser Arbeit zu tun hat. Insofern ist es auch nicht verwunderlich, dass die Praxis des Freiwilligenmanagements eher von Organisationsseite geprägt ist. Wäre sie dies nicht, würden sich wohl noch viel weniger NPOs auf das Freiwilligenmanagement (das ja zunächste erstmal ein Störfaktor ist) einlassen.

    Ein Punkt in dem ich dir nur zustimmen kann, ist der des Internet- und Social Media Einsatzes in Freiwilligenorganisationen. Bereis kurz nach dem Erscheinen hatte ich in meinem Blog über dieses Buch geschrieben, dass man sich das Thema Internet dazu denken müsse:

    „Keine Erwähnung findet … die Freiwilligenarbeit über das Internet, obwohl man sie an dieser Stelle für mehr als angebracht halten könnte. Die Eröffnung neuer Wege der Freiwilligenarbeit seitens der Organisationen des Dritten Sektors scheint mir zumindest der logische Schluss aus der „Verengung des Engagementmarktes““ (http://bit.ly/oXYS1x)

    Ich werde deine Kritik auf jeden Fall an die AfED weiterleiten …

    Viele Grüße
    Hannes

  2. Hannes, danke für Deinen Kommentar!

    Die Steuerung der Beziehungen zwischen der NPO und ihren Freiwilligen ist sicher eines der Top-Themen der Zukunft, mit denen die Freie Wohlfahrtspflege konfrontiert werden wird.

    Aber innovative, zukunftsbildende Themen werden von den hiesigen Wohlfahrtsverbänden gerne mit dem Verweis auf mangelnde finanzielle Ressourcen liegen gelassen – Deine Aussagen zum (Nicht)Einsatz von Freiwilligenmanagern belegen dies. Egal ob es sich um Social Media, Freiwilligenmanagement, Koproduktion, Bürgerbeteiligung etc. handelt, – Innovationen werden zu spät angegangen.

    Der Verweis auf mangelnde Mittel ist nicht wirklich überzeugend, denn es wurden schon auf einer schlechteren finanziellen Basis als der, auf welcher der deutsche Wohlfahrtssektor steht, ganz Neues angefangen und bewältigt. Eigentlich ist es ja gerade die herausragende Eigenschaft von gemeinnützigen Organisationen, neue Ideen einzubringen und mit Hilfe eines Netzwerks an Engagierten diese umzusetzen.

    Hoffen wir, dass dem Thema Freiwilligenmanagement/Steuerung von Koproduktionsprozessen in Zukunft noch mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird, – die bestehenden Konzepte sind aus Bürgersicht noch ausbaufähig, wie mein Artikel zeigt.

  3. … bist du dir sicher, dass „es ja gerade die herausragende Eigenschaft von gemeinnützigen Organisationen [ist], neue Ideen einzubringen und mit Hilfe eines Netzwerks an Engagierten diese umzusetzen“? Sicherlich ist es eine zentrale Aufgabe zivilgesellschaftlicher Organisationen die Anliegen iherer Stakeholder in die Öffentlichkeit zu tragen. Wenn dies aber geschieht, dann sind die Ideen, ob des notwenigen Prozesses, aber nicht ’neu‘ oder höchstens jenen unbekannt, die sonst nichs mit der Basis der jeweiligen NPO zu tun haben. Wenn die neuen Ideen die Prozesse selbst betreffen, würde ich einwenden wollen, dass div. Akteure der Wirtschaft eher Vorbilder für die heue mehr und mehr verbreiteten Praktiken von NPOs sind (Stichworte: „Crowdsourcing“ oder „Koproduktion von Dienstleistungen und Produkten“ [z.B. Computerspiele]).

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