Schlagwort-Archiv: Nonprofit-Organisation

Wirkungsmessung in der Freien Wohlfahrtspflege – Methoden und ihre Grenzen

Auch in der Freien Wohlfahrtspflege wird die Wirkungsmessung ein zunehmend wichtiges Thema, um die eigene Existenz und Effektivität vor Geldgebern, Politik und Gesellschaft zu legitimieren.

Um einen Überblick über die unterschiedlichen Methoden der Wirkungsmessung zu erhalten, hat das Heidelberger Centrum für soziale Investitionen und Innovationen (CSI) im Auftrag der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege ein Transparenzgutachten durch Kehl/Glänzel/Then/Mildenberger erstellt, das im März 2016 veröffentlicht wurde und online verfügbar ist.

Die Forscher untersuchten insgesamt 48 (!) Ansätze zur Wirkungsmessung und zwar nach folgenden Kriterien: methodische Qualität, Quantifizierung und Monetarisierung von Wirkung, Wirkungsdimensionen und -ebenen, Standardisierungsgrad und Ressourcenaufwand, Einsatzfelder und Adressaten. Die Ergebnisse der Analyse sind in einer Tabelle im Anhang des Berichts (S. 71- 86 zusammengefasst).

Das Fazit der Forscher (siehe CSI-Gutachten S. 6f):

  • Die meisten Ansätze betrachten gar nicht den impact (= Nettowirkung) von Maßnahmen, sondern nur den output, d.h. die Leistungen und Güter, die eine Organisation erstellt.  Manche fokussieren auch auf den outcome (= Bruttowirkung), der entsteht, wenn unterschiedliche outputs zusammenkommen. Betrachtet man nur den outcome ist es nicht möglich, einen eindeutigen Zusammenhang zwischen einer einzelnen Maßnahme und einer konkreten Wirkung herzustellen
  • Die Mehrheit der Ansätze konzentriert sich auf nur eine Wirkungsdimension, nämlich die ökonomische, und lässt andere Wirkungsdimensionen (soziale, kulturelle, politische) außen vor
  • Die meisten Ansätze beschränken sich auf die Ebene der Klienten (Mikro) oder auf die gesamtgesellschaftliche Ebene (Makro) und vernachlässigen die Ebene der Organisation (Meso)

Keiner der Ansätze wird der Komplexität von Wohlfahrtsverbänden gerecht, die nicht nur soziale Dienstleistungen erbringen, sondern auch noch weitere Funktionen haben: nämlich Interessen zu vertreten, Menschen zu integrieren und Beteiligungsmöglichkeiten zu bieten.

Die Forscher raten deshalb dazu,  unterschiedliche Ansätze miteinander zu kombinieren. Sie selbst halten fünf davon für Methoden mit größerem Potenzial für Nonprofits, sofern diese Ansätze methodisch und inhaltlich erweitert  und kombiniert werden: Kosten-Nutzen-Analyse, Quality-of-Life-Analyse, IRIS, SROI, Politische Diskursnetzwerkanalyse.

Empfohlen wird auch, auf unterschiedlichen Verbandsebenen unterschiedliche Wirkungsdimensionen in den Blick zu nehmen, also bspw. auf Bundes- und Landesebene sich eher mit den den politischen und ökonomischen Wirkungsdimensionen zu befassen und auf der lokalen Ebene in den Einrichtungen selbst mit den sozialen und kulturellen Dimensionen.

Die Herausforderung liegt darin, dass innerhalb der Freien Wohlfahrtspflege das Thema „Wirkungsmessung“ hoch umstritten ist. Analyse-Methoden mit einem rein ökonomischen Blickwinkel werden abgelehnt (und das ist auch gut so). Gleichzeitig fehlt es verbandsintern an den notwendigen Ressourcen und Kompetenzen, um Wirkungsmessungen durchzuführen.

Die Wissenschaftler schlagen deshalb ein mehrstufiges Verfahren der Wirkungsmessung vor, bei dem die Bundesebene der Freien Wohlfahrtspflege eine wichtige Rolle spielen würde, wenn es darum geht, festzulegen, was überhaupt im Rahmen einer Wirkungsmessung gemessen werden sollte (S. 63).

Tatsächlich ist die Erarbeitung einer Basis-Indikatorik, anhand derer die Wirkung gemessen werden kann, für die Freie Wohlfahrtspflege sinnvoll. Aber ich bin der Ansicht, dass diese nicht top down oder von Externen erabeitet werden sollte, sondern ausgehend von der lokalen Ebene, in enger Kooperation mit der Zivilgesellschaft.  Dass so etwas funktioniert, zeigt der Kommunale Index für Inklusion, der in der Praxis getestet und überarbeitet wurde.

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Gute Prinzipien für das Freiwilligenmanagement

Das Freiwilligenmanagement in gemeinnützigen Organisationen wird häufig an den Erkenntnissen ausgerichtet, die im betriebswirtschaftlichen Personalmanagement gesammelt wurden. Die Managementaufgaben im Umgang mit den Freiwilligen werden in die folgenden Phasen eingeteilt: Planung, Rekrutierung, Orientierung und Training, Supervision und Monitoring, Anerkennung, Verabschiedung/Trennung. Die Freiwilligentätigkeit wird in der Organisation so gehandhabt wie eine ganz gewöhnliche  betriebliche Beschäftigung.

Dieses „Arbeitsplatzmodell“ des Freiwilligenmanagements wird dem Umstand nicht gerecht, dass es häufig in den Institutionen keine ganz klar abgegrenzten Aufgaben für einen Freiwilligen gibt, sondern diese in der Praxis ausgehandelt werden zwischen dem Freiwilligen, den bezahlten Mitarbeitern, der Führungsebene und anderen Stakeholdern der Organisation. Die Freiwilligen sind hier eher „Co-Worker“ der professionellen Mitarbeiter als „Dienstleister“ (Rochester 1999). In diesem Fall muss auch das Freiwilligenmanagement den Aushandlungsprozessen zwischen Freiwilligen und Mitarbeitern Rechnung tragen.

Sibylle Studer hat die Komponenten bzw. Prinzipien eines interaktionalen Freiwilligenmanagements in einem wissenschaftlichen Aufsatz  (2015) zusammengetragen. Sie hat dafür die relevante Fachliteratur und 399 ausgefüllte Fragebögen von Freiwilligenmanagern aus schweizerischen Nonprofit-Organisationen ausgewertet.  Was ist wichtig, um im Rahmen des Freiwilligenmanagements Aushandlungsprozesse zwischen Freiwilligen und Mitarbeitern, Freiwilligen und der Führungseben der Organisation und den Stakeholdern einer Einrichtung erfolgreich zu steuern?

  • Unterschiedliche Interessen und Werte müssen ausbalanciert werden
  • Für den Einsatz und die Wertschätzung von Freiwilligen ist in der Organisation Überzeugungsarbeit zu leisten
  • Freiwillige brauchen Partizipations – und Mitbestimmungsmöglichkeiten
  • Strategisches Commitment, d.h. die Führung der Organisation muss den Einsatz von Freiwilligen befürworten, diesen fördern und in die dafür zuständigen Organisationsstrukturen investieren
  • Koordination und Austausch in Freiwilligen-Angelegenheiten über Organisationsgrenzen hinweg
  • Rollenklarheit bei Freiwilligen und bezahlten Mitarbeitern schaffen
  • Den Teamgeist in der Organisation stärken
  • Respekt und Wertschätzung der Freiwilligen fördern

(Studer 2015, S. 10 und 11). Diese Prinzipien beeinflussen die Ergebnisse des Freiwilligenmanagements laut Studer positiv. Wobei hier die Ergebnisse „Rekrutierung“ und „Erhalt“ von Freiwilligen im Mittelpunkt der Betrachtung stehen. Lediglich die Komponenten „Partizipation und Mitbestimmung“ bleiben ohne positive Korrelation mit dem outcome des Freiwilligenmanagements, – ein Ergebnis, das Studer verwundert (ebd., S. 17). Ihr zufolge könnte eine mögliche Erklärung dafür sein, dass Freiwillige, die mitgestalten wollen, gemeinsam mit anderen Freiwilligen ihre eigenen Projekte organisieren und nicht mehr beim klassischen Ehrenamt in Organisationen mitmachen (ebd.).  Schaut man sich die Ergebnisse des Deutschen Freiwilligensurveys 2014 an, dann sieht man tatsächlich, dass der Anteil derjenigen steigt, die in selbstorganisierten Gruppen aktiv sind, und der Anteil jener sinkt, die sich in formalen Organisationen  engagieren (Freiwilligensurvey 2014, S. 522). Gleichzeitig ist im Freiwilligensurvey aber zu lesen, dass die Mehrheit der Freiwilligen ihre Mitsprachemöglichkeiten in Organisationen als gut oder sehr gut bewerten, – wobei die Älteren die Dinge positiver sehen als die Jüngeren (Freiwilligensurvey 2014, S. 526).

Laut Studer eignen sich die obigen Prinzipien sehr gut, um organisationsintern das eigene Freiwilligenmanagement auf den Prüfstand zu stellen und zu schauen, inwieweit es den Prinzipien des interaktionalen Freiwilligenmanagements gerecht wird.

Studer hat ihre Forschungsergebnisse gemeinsam mit Schnurbein in einer deutschsprachigen Studie zusammengefasst, die Umsetzungshilfen und Checklisten für Nonprofits enthält:
Studer, S./ von Schnurbein, G.: Integrierte Freiwilligenkoordination, CEPS Forschung und Praxis Bd. 9, Basel: CEPS, 2013.

Ein Manko der  ganzen Untersuchung ist, dass die Komponenten für ein interaktionales Freiwilligenmanagement nur aus Organisations- und Wissenschaftsperspektive zusammengestellt wurden. Die Freiwilligen selbst wurden nicht befragt.

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Literatur für Netzwerk-Knüpfer im Nonprofit-Sektor

Wie funktionieren Netzwerke aus Organisationen? Wie bilden sie sich und wie wachsen sie, welchen Mehrwert besitzen diese Netzwerke, wie kann man sie steuern und wie evaluieren? Da im Sozialsektor durch die De-Institutionalisierung bzw. durch die Vorgabe „ambulant vor stationär“ und die Dezentralisierung von Angeboten der Bedarf nach Koordination unter den Diensten wächst, braucht die Praxis Wissen über Netzwerke als mögliche Steuerungsform.

Wer also Fragen im Hinblick auf interorganisationale Netzwerke hat, findet Antworten in den beiden folgenden Publikationen mit dem Anspruch, Wissen für Praktiker im Nonprofit-Sektor zu bieten:

Popp, J./MacKean, G./Casebeer, A./Milward, H.B./Lindstrom, R. (2013): Inter-organizational networks: A critical review of the literature to inform practice (online verfügbar)

Die Autoren haben 265 englischsprachige Aufsätze, die zwischen 2002 und 2012 zum Thema publiziert wurden, durchgesehen und davon 142 Arbeiten – auch graue Literatur, die nicht im Buchhandel zu finden ist – in ihren kritischen Literaturüberblick aufgenommen. Er soll das Wissen für Praktiker zusammentragen, das derzeit über Netzwerke aus Organisationen existiert.

Die Autoren beleuchten das Phänomen interorganisationaler Netzwerke  aus unterschiedlichen Blickwinkeln und bringen jeweils den aktuellen Stand der Forschung ein.  Sie machen deutlich, dass Netzwerke sehr komplexe Strukturen sind, über die noch zu wenig bekannt ist. Obwohl es schon seit 20 Jahren eine rege Netzwerk-Forschung gibt, sind viele Netzwerk-Eigenschaften immer noch unklar und gibt es zu wenig empirische Studien zum Thema. Die Autoren ermuntern deshalb auch die Netzwerk-Praktiker im Sozialbereich, ihr Wissen über Netzwerke zu veröffentlichen und mit anderen zu teilen.

Quilling, Eike/Nicolini, Hans J./Graf, Christine/Starke, Dagmar (2013): Praxiswissen Netzwerkarbeit. Gemeinnützige Netzwerke erfolgreich gestalten, Springer VS

Auch diese Veröffentlichung richtet sich explizit an Praktiker im Sozial- und Gesundheitsbereich, um diese zum professionellen Netzwerkaufbau und -management zu befähigen. Das Buch fängt an mit der Definition von Netzwerken und einer kurzen Einführung in die inhaltlichen Grundlagen zum Thema . Danach handeln die Autoren die einzelnen Schritte ab, die ein Netzwerk-Gründer im Dritten Sektor gehen sollte, befassen sich mit dem Netzwerkmanagement, der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, der Netzwerkevaluation und der Netzwerk-Finanzierung.

Im Mittelpunkt des Buches stehen Netzwerke, die von der Politik oder vom Gesetzgeber angestoßen wurden und professionell gesteuert werden über eine Steuerungsgruppe oder eine Geschäftsstelle, und weniger Netzwerke, die sich „bottom-up“ bildeten und sich basisdemokratisch koordinieren.

Beide Publikationen, die englisch- und die deutschsprachige, bieten wertvolles Netzwerk-Wissen für Netzwerk-Knüpfer, wobei das Buch von Quilling u.a. die beste Wahl ist für jene, die konkret vor der Aufgabe stehen, ein Netzwerk aus Organisationen aufzubauen und die handlungsorientiertes Wissen benötigen.

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