Tauschnetzwerke – ein attraktives Modell für gemeinnützige Organisationen und Bürger

Nonprofits brauchen Ressourcen, um ihre Aufgaben erfüllen zu können. Zumeist stehen monetäre Mittel im Zentrum des gemeinnützigen Fundraisings, obwohl die Kritik an dieser Engführung des Ressourcenbegriffs zunimmt. Zeit, Güter, Dienstleistungen, Räume, Wissen, Fertigkeiten, Profile und politischer Einfluss sind Ressourcen, die Nonprofits bei ihrer Akquise nicht vernachlässigen sollten. Die Entwicklung geht weg vom Fundraising und hin zum Resource-Raising (siehe Beaumont 2011 und meinen Blogartikel dazu).

Obwohl gemeinnützige Organisationen generell ihre Ressourcensituation beklagen, steigert es nicht automatisch ihren impact, wenn mehr finanzielle Mittel von außen zugeführt werden. Die Vitalität des gemeinnützigen Sektors hängt vielmehr sehr stark von dessen Fähigkeit ab, lokale Austauschnetzwerke zu bilden (Paarlberg/Varda 2009), – sprich: es kommt darauf an, was man gemeinschaftlich aus den vorhandenen Budgets macht und wie effektiv und effizient man die zur Verfügung stehenden Ressourcen einsetzt.

Eine sehr gute und noch viel zu wenig verbreitete Möglichkeit, die Ressourcen von Nonprofits und der Zivilgesellschaft besser zu nutzen, sind lokale Austauschnetzwerke – Tauschringe – in denen die Mitglieder Ressourcen und Fähigkeiten untereinander tauschen, ohne dass Geld involviert wäre. Der Austausch erfolgt vielmehr über Gutschriften. Niemand muss mit demjenigen tauschen, von dem er/sie etwas erhalten hat, sondern die Tauschnetzwerke ermöglichen indirekte und mulilaterale Tauschbeziehungen.

In Deutschland gibt es an die 436 Tauschringe (Hinz/Wagner 2010) mit jeweils 60-100 Teilnehmern (Hinz/Wagner 2005). Die Tauschringe wurden bisher insbesondere in Räumen mit vielen Einwohnern, guter Wirtschaftssituation und ökologischer Orientierung gegründet (Hinz/Wagner 2010).

Welche Tauschring-Modelle gibt es? Man kann grundsätzlich drei Formen unterscheiden (vgl. new economics foundation (nef) 2008, 14):

Person-to-Person (P2P): In diesen Austauschnetzwerken treffen sich Privatpersonen. In Deutschland entstanden viele dieser Person-to-Person-Tauschringe mit Unterstützung kirchlicher oder wohlfahrtsverbandlicher Einrichtungen (Hinz/Wagner 2010).

Person-to-Agency (P2A): An diesen Tauschnetzwerken nehmen neben Privatpersonen auch Organisationen teil, vor allem öffentliche und gemeinnützige. Sie vergüten freiwilliges Engagement in der eigenen Einrichtung mit Gutschriften und öffnen gleichzeitig Teile ihres Leistungsangebots für die Tauschring-Mitglieder.

Agency-to-Agency (A2A): hier handelt es sich um Tauschringe unter Organisationen, die untereinander Wissen, Räume, Fertigkeiten usw. teilen.

Für Nonprofits bieten Tauschringe untereinander (A2A) – durchaus auch unter Beteiligung öffentlicher und privatwirtschaftlicher Organisationen – eine attraktive Entwicklungsmöglichkeit: Räume, Autos, Geräte und gesammelte Kenntnisse könnten durch das Teilen besser ausgenutzt werden. Nonprofits würden ihre Potenziale so besser realisieren, statt durch das Ressourcenargument sich ständig selbst auszubremsen. Die Zivilgesellschaft insgesamt profitiert von einem gut vernetzten Dritten Sektor, der Ressourcen effizient einsetzt, da mehr und bessere Leistungen angeboten werden können als in einem Klima der gegenseitigen Sprachlosigkeit und Konkurrenz.

Interessante Perspektiven für das Gemeinwesen eröffnen sich durch Tauschringe speziell dann, wenn Schnittstellen zwischen Organisationen und Bürgern existieren, also bei P2A-Modellen.

In diesem Fall können Organisationen das Wissen und die Kompetenzen der Bürger/innen in ihre Einrichtungen holen uns so ihr Dienstleistungsangebot erweitern bzw. Angebote stärker koproduzieren. Dazu müssen Organisationen entsprechende Teilhaberäume schaffen und sich nach außen hin öffnen: Dienste verändern sich hin zu einem „open community-led service, where community assets are shared and utilised. What lies outside (…) is allowed to come in“ (Timebanking UK 2011, 20). Gleichzeitig bieten Organisationen ihre Ressourcen auch dem Gemeinwesen an, d.h. sie teilen Räume, Wissen, Fertigkeiten mit anderen. So wird eine Vernetzung zwischen Nonprofits und dem Gemeinwesen hergestellt, die in vielen Einrichtungen so schmerzlich fehlt.

Für das bürgerschaftliche Engagement böten P2A-Tauschringe zusätzliche Entwicklungsmöglichkeiten. Während beim herkömmlichen Engagement ein Bürger mit einer Organisation in Verbindung tritt und der bilaterale Austausch dominiert, vernetzt ein Tauschring den einzelnen stärker mit dem Gemeinwesen: durch credits, die ihm das Engagement einbringt, erhält der Freiwillige die Chance, noch andere Angebote und Dienste der örtlichen Gemeinschaft kennenzulernen und sich breiter zu vernetzen.

Der Tauschgedanke könnte auch eine Alternative bieten zu den beiden herkömmlichen Wegen des bürgerschaftlichen Engagements: des freiwilligen Engagements „für nix“ und der zunehmenden materiellen Vergütung der Freiwilligentätigkeit im Rahmen von Freiwilligendiensten (BFD, FSJ, FÖJ).

9 Gedanken zu „Tauschnetzwerke – ein attraktives Modell für gemeinnützige Organisationen und Bürger

  1. Hallo Brigitte, ganz kurz, weil von unterwegs:

    Den Tausch / das Teilen von Freiwilligen halte ich prinzipiell für eine gute Idee. Insbesondere im sozialen Bereich steht bei den Freiwilligen vielmehr die Beziehungsarbeit als die Marke im Vordergrund.Kurzum: Ihnen ist es meist egal, für welchen Verband / Verein sie sich engagieren, solange verlässliche Rahmenbedingen vorhanden sind.

    Abstriche würde ich hier allerdings auch machen:

    – Freiwillige tauschen bedeutet eine unkontrollierte Beschleunigung des Engagements und macht Engagementkarrieren schwierig.

    – Freiwilligenarbeit für credits / Karmapunkte oder sonst welche Alternativmedien zu Geld finde ich in zivil- bzw. demokrarietheoretischer Hinsicht schwierig. Rückt der materielle Aspekt beim Freiwilligenengagement zu sehr in den Vordergrund, wird Ehrenamt käuflich (Freiwilligendienste sind es schon). Dann ist’s aus mit sozialer / gesellschaftlicher Koproduktion.

    Gruß
    Hannes

  2. @Hannes, danke für Dein Feedback!

    Sobald Freiwillige im Spiel sind, handelt es sich um einen P2A-Tauschring, in dem sich Organisationen und Freiwillige auf Augenhöhe begegnen. Gerade darin liegt ja die Voraussetzung für Koproduktion bzw. Beteiligung. Insofern können Organisationen Freiwillige nicht einfach ‚teilen‘ oder ‚tauschen‘, da diese keine Verfügungsmasse für Nonprofits sind. Letztere können Freiwillige nur mit deren Einverständnis an andere Einrichtungen ‚ausleihen‘. Wer bekommt dann die credits? Ich würde sagen: beide Parteien, d.h. die Organisation, die einer anderen aushilft und der Freiwillige, der die konkrete Dienstleistung erbringt.

    Dass das Tauschsystem bzw. die hier übliche Reziprozität die Idee der Freiwilligkeit schädigen könnte, glaube ich nicht, – im Gegenteil: es wäre ein Aufbruch zu neuen Ufern. Denn das bisherige Engagement-Modell das sich auf das zweiseitige Verhältnis ‚Organisation-Freiwilliger‘ konzentriert ist im Hinblick auf Vernetzungsmöglichkeiten unzulänglich. Freiwillige müssen mit Chancen und Handlungsmöglichkeiten ausgestattet werden, – ein Tauschmodell, das den einzelnen stärker mit dem Gemeinwesen in Verbindung bringt und Beteiligungsoptionen eröffnet, könnte dies leisten. Das herkömmliche Modell ’sperrt‘ den Freiwilligen in eine bestimmte Community ein (und bietet auch meist keine oder keine ausreichenden Beteiligungsmöglichkeiten), – es geht aber darum, Community-Grenzen zu überwinden und sich mit anderen gesellschaftlichen Akteuren und Bereichen zu vernetzen.

  3. Hallo an die Aktiven!

    Ich bin über die Fundraisingseite der Sozialbank auf diesen Blog gestossen. Hättet Ihr eventuell einen Tipp in Richtung Tauschring, eventuell Agency-to-Agency (A2A) hier in Münchent? Natürlich könnte ich stundenlang googlen ;-).

    Memoro – Die Bank der Erinnerungen e.V. ist ein gemeinnütziges Projekt, nun in 13 Ländern online, und wir zeichnen persönliche Erinnerungen von Menschen über 60 Jahren auf Video auf, um vergangene Traditionen und persönliche Erfahrungen zu bewahren. Diese Clips werden anschließend online zur Verfügung gestellt. Auch Kids können ihre Großeltern filmen und dies uploaden, um z.B. den Generationendialog anzuregen. Ich habe Kontakt zur Stiftung Gute-Tat.de, ansonsten wenig Kontakte. Könnte z.B. Computerkurse geben im Tausch gegen ..

    Gruß Niko

    nikolai.schulz@memoro.org

  4. @Herr Schulz, ich selbst kenne keinen A2A-Tauschring. Informelle gibt es sicherlich unter befreundeten Nonprofits, aber ein formaler, der wirklich auf Gutschriften basiert und neuen Organisationen offen steht, – davon habe ich noch nichts gehört. Im Raum München gibt es drei Tauschringe, aber im P2P-Format, siehe Tauschringadressen.de . Gerade für kleine Nonprofits mit knappem/improvisiertem Budget liegt in Tauschringen sicher eine große Chance. Vielleicht bringen Sie das Thema auf lokaler Ebene einfach mal ins Spiel? Infos und Gesprächspartner zum Thema finden Sie sicher auch beim Tauschwiki

  5. Wie kann man, insbesondere in finanzschwachen Kommunen, öffentliche Leistungserbringungsprozesse so öffnen und organisieren, dass durch Bündelung öffentlicher und privater/zivilgesellschaftlicher Ressourcen neue Gestaltungsmöglichkeiten entstehen? Tauschnetzwerke, Zeitbanken und Regiowährungen sind hier wichtige Bausteine. Anstatt die IT in den Mittelpunkt der Open Government-Strategien zu stellen, sollten besser die gewünschten öffentlichen Leistungen und die offenen Wertschöpfungsketten, die es dafür zu organisieren gilt, thematisiert werden. Das vom Kompetenznetz Bürgerhaushalt konzeptionell weiterentwickelte Bürgerhaushaltsverfahren „Bürgerhaushalt in Bürgerhand“ http://zumlink.de/e1mu liefert hierzu einige Anregungen. Mehr dazu gibt es beim Barcamp Offene Kommunen.NRW am 10.11. in Wuppertal. http://www.buergerhaushalt-wuppertal.de/wp/2012/10/offenekommunennrw

  6. @Dieter Hofmann, danke für den Kommentar und die Links.

    Sich auf Wertschöpfungsketten zu konzentrieren und nicht auf die IT ist sicher der richtige Ansatz, wenn es um mehr Demokratie und Transparenz geht. Technik alleine kann die Herausforderungen nicht lösen, die mit der Zusammenarbeit über Sektoren- und Organisationsgrenzen und zwischen Bürgern und Professionellen verbunden sind.

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