Kategorie-Archiv: Ehrenamt

Soziale Dienste und die Bürgerschaft – wo bleibt der Dialog?

Die sozialen Dienste sind in unserem Land hoch professionalisiert und institutionalisiert: für die meisten Bedarfe gibt es das entsprechende Angebot eines Trägers. Aufgaben, die früher privat übernommen wurden, sind zwischenzeitlich dem professionellen Hilfssystem überantwortet.

In einem Aufsatz für die Beilage ‘Aus Politik und Zeitgeschichte’ stellt Klaus Dörner die These auf, dass das Hilfesystem der Moderne, so wie wir es kennen, an seine Grenzen stößt. Drei Gründe seien dafür ausschlaggebend: der zunehmende Hilfsbedarf der Gesellschaft, die steigenden Kosten des Systems und seine desintegrierende Wirkung, – die Menschen werden aus ihrem Umfeld gerissen, um sie in einer Einrichtung unterzubringen. Er geht davon aus, dass die Zukunft des Hilfesytems in einem Bürger-Profi-Mix liegt, bei dem die professionellen Helfer Aufgaben abgeben und sie die Bürger mobilisieren und beim Helfen begleiten.

Auch ich bin der Ansicht, dass sich die Profis in den sozialen Diensten stärker mit der Bürgerschaft – den Klienten, Angehörigen, Nachbarn, Viertelbewohnern, Freunden und Förderern – verbünden sollten. Denn intern leiden die Dienste derzeit unter der “Verbetriebswirtschaftlichung” der sozialen Arbeit (Möhring-Hesse), die den professionellen Handlungsspielraum der Mitarbeiter immer stärker beschneidet und sie ihrer Tätigkeit entfremdet. Die politisch Verbündeten in dieser Situation könnten die Bürger sein, die kein Interesse an der weiteren Taylorisierung der sozialen Hilfen haben.

Zu diesem Zweck müssten Profis und Bürgerschaft in einen gemeinsamen Diskurs eintreten, der die Fragen klärt, die momentan noch nicht besprochen und geklärt sind. Z.B. wie sollen die sozialen Dienstleistungen in Zukunft erbracht werden? Wie wollen wir gepflegt, beraten, betreut werden? Wieviel Geld möchten wir dafür ausgeben? Welche Kompetenzen sollen die professionellen Helfer, welche die Bürger selbst haben? Wer hat das letzte Wort, wenn es Unstimmigkeiten gibt usw.? Fragen gibt es viele, doch außer den Experten und den dafür Zuständigen aus Politik und Verwaltung redet so gut wie niemand über diese Themen. Das ist schade, denn so fehlt der Debatte die Transparenz, die notwendig wäre. Und so wird sie weiterhin in spezialisierten, nicht-öffentlichen Verhandlungsgremien geführt. Dabei böten gerade die neuen Internet-Technologien die Möglichkeit, die Ansichten der unterschiedlichen Zielgruppen bzw. Stakeholder von Nonprofit-Organisationen relativ leicht abzufragen.

Es wäre auch die Aufgabe der Wohlfahrtsverbände, eine solche Debatte über die Zukunft des Hilfesystems anzustossen. Aufgrund ihrer Rolle als Dienstleister sind sie aber befangen bzw. können nur schwer einen offenen Dialog über die sozialen Dienste führen, der über die üblichen Forderungen nach mehr öffentlichen Mitteln hinaus geht.

Immerhin gibt es schon eine Online-Debatte, die von Wohlfahrtsverbänden angestoßen wurde, nämlich über die Frage der Aktion Mensch: “in was für einer Gesellschaft wollen wir leben” ? Aber die Frage ist hier sehr allgemein gestellt, richtet sich an die Gesellschaft als Ganzes und klammert die Verbände als Akteure aus. Konkreter würde es werden, wenn man fragen würde: wie sollen die sozialen Dienste der Zukunft aussehen? Welche Möglichkeiten für einen Bürger-Profi-Mix gibt es? Jede Einrichtung könnte diese Fragen ihren Stakeholdern stellen und sich so einen Überblick über die Wünsche und Möglichkeiten ihrer Zielgruppen verschaffen. Aber wie ich kürzlich in einem Beitrag geschrieben habe: Nonprofits fragen zu wenig nach den Ideen ihrer Stakeholder.

Der Grund hierfür liegt möglicherweise in einem vorherrschenden Knappheitsdenken, das den Dialog mit den Stakeholdern unter der Prämisse beurteilt: mehr Einfluß für die Stakeholder = weniger Einfluss für die Einrichtung/ die Profis selbst. Von diesem Denken sollte man Abstand nehmen. Wer die Welt durch die Brille von Verteilungskonflikten wahrnimmt, vergibt sich zuviele Entwicklungsmöglichkeiten und Handlungschancen.

Die Funktion von Blogs – für mich persönlich und für Nonprofits

Karin Janner vom Kulturmarketing-Blog hat mich via ‘Stöckchenwurf’ gefragt, warum ich blogge.
Hier meine Antwort:

Ich blogge, weil ich einen Ansatz entwickelt habe, den ich im Nonprofit-Sektor bekannt machen möchte. Die Botschaft lautet: Nonprofits – vor allem im Sozialsektor – sollten weg vom Leitbild Staat und sich viel stärker als bisher mit ihrem gesellschaftlichen Umfeld vernetzen. Der Aufbau von sozialem Kapital muss in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit von Nonprofits rücken. Eine stärkere Vernetzung mit den Bezugsgruppen (Stakeholdern) einer Organisation gelingt nur, wenn diese in einen Dialog eingebunden werden und sie die Möglichkeit zur Partizipation haben. Die gemeinnützigen Träger müssen nach außen hin durchlässiger werden und sich stärker öffnen für Feedback. Nur wenn die Beziehungen zu den Stakeholdern auf Augenhöhe stattfinden, bringen sie den größtmöglichen Nutzen für alle Beteiligten.

Der Aufbau von sozialem Kapital wird mit Hilfe des Web2.0 erleichtert. Über das Internet können sich Nonprofits vernetzen, Ressourcen gewinnen, Kampagnen durchführen usw. Deshalb stelle ich in meinem Blog Informationen über Web2.0 für Nonprofits zur Verfügung. Und zeige auf, wie das Internet den Sozialsektor verändern wird. Mit meinem sozialwissenschaftlichen Hintergrund sehe ich mich als Vermittlerin zwischen dem technischen und dem sozialen Sektor.

Das Weblog dient mir aber nicht nur als Katalysator für meinen Ansatz, sondern auch als Lernmittel. Zum eine bin ich ständig auf der Suche nach neuen Themen und interessantem Material, hauptsächlich in der Blogosphäre, aber auch offline in Büchern, wissenschaftlichen Zeitschriften usw. Zum anderen zwingt mich das Blogformat dazu, meine Gedanken zu einem Thema auf den Punkt zu bringen und einen Beitrag mit rotem Faden und Links zu schreiben. Mit der Zeit wird mein Blog zu einem Archiv und einer Ressource, aus der ich beruflich immer wieder schöpfen kann und es würde mich natürlich freuen, wenn es meine Lesern genauso geht.

Mit meinem Blog möchte ich in einen Dialog mit den Lesern eintreten. Im Unterschied zu Printmedien bekomme ich im Idealfall zu einem Artikel sofort ein Feedback. Diese Kommentare fördern die Vernetzung zwischen mir und Menschen, die an den selben Themen interessiert sind. Und durch die Rückmeldungen meiner Leser erhalte ich neue Informationen, kann meinen Standpunkt überdenken, ergänzen, kurz: kann ich hinzulernen.

Welche Funktionen können Blogs einer Nonprofit-Organisation (NPO) bieten?

Weblogs

  • ermöglichen der NPO einen direkten und vor allem interaktiven Zugang zur Öffentlichkeit. Und das kostengünstig.
  • erlauben es, die eigene Botschaft zu vermitteln, ohne von externen Medien-Gatekeepern abhängig zu sein
  • schärfen das Profil einer Organisation bzw. einer Marke. Die regelmäßigen Beiträge machen eine Organisation transparenter und geben ihr ein differenzierteres und authentischeres ‘Gesicht’
  • ermöglichen den Dialog der NPO mit ihren Stakeholdern. Die Organisation erhält ein Feedback von den Stakeholdern, kann neue Ideen und Anregungen sammeln.
  • binden die Blog-Leser an die NPO. Schaffen ein Netzwerk aus Bloglesern, der NPO und themenverwandten Blogs/Bloggern/Leserschaften
  • In diesem Online-Netzwerk kann die NPO um Ressourcen werben (Unterstützung für Kampagnen, Spenden, Mitarbeiter usw.)
  • Über Weblogs kann eine NPO ihr Publikum schulen und umsetzbares Wissen anbieten (z.B. Pflegetipps für Angehörige, Freizeittipps für Jugendliche usw.)
  • Wenn ein Weblog als Gruppenblog konzipiert wird, in dem nicht nur eine Person sondern mehrere schreiben (Mitarbeiter, Ehrenamtliche, Freunde und Förderer, Spender), dann dient ein Weblog auch der Integration von Stakeholdern und fördert (neue) Kompetenzen bei den Blogautoren.
  • Ein Blog bewirkt durch das Verschlagworten der Beiträge, dass diese von Suchmaschinen leichter gefunden werden. Ein Blog kann folglich die Anzahl der Seitenbesuche erhöhen und auf diese Weise eine Nonprofit-Organisation bekannter machen

Trotz des hohen Nutzens von Weblogs würde ich nicht jeder Nonprofit-Einrichtung zum Aufsetzen eines Blogs raten. Drei Voraussetzungen sollten unbedingt gegeben sein, damit ein Blog interessant für die Leser wird. 1. die Organisation muss eine Botschaft haben und die Leidenschaft hierfür muss spürbar sein, 2. Blogtexte dürfen nicht wie Werbetexte daherkommen. Authentizität, Glaubwürdigkeit und Offenheit sind entscheidend für ein gutes Weblog, 3. Der oder die Autoren müssen sich mit ihrem Publikum austauschen wollen und vom Weblog-Format überzeugt sein.

Wer nach mehr Argumenten sucht, die für ein Weblog sprechen, wird hier fündig: 10 Ways Nonprofits Can Use Blogs und 10 Reasons Why Every Nonprofit Must Have a Blog

Sind Nonprofits Netzwerker?

Wie arbeiten Nonprofits an der Basis, wenn sie mit der Umsetzung eines öffentlichen Programms betraut sind? Verhalten sie sich als Netzwerker oder pflegen sie einen eher bürokratischen Arbeitsstil, der wenig nach außen hin orientiert ist?

Diese Frage wurde vor Jahren von australischen Wissenschaftlern untersucht und gewinnt neue Bedeutung vor dem Hintergrund von Web 2.0, das auch mit dem Begriff ‘Social Media’ belegt wird. ‘Social Media’ sagt aus, um was es bei Web 2.0 eigentlich geht: um die stärkere Vernetzung von Menschen und Organisationen über das Internet. Ein erneuter Blick in die empirische Studie von Mark Considine/Jenny M. Lewis aus dem Jahr 1999 (PAR ) lohnt sich also. Denn so viel wissenschaftliche Untersuchungen existieren zu diesem Thema nicht.

Die beiden Forscher wollten wissen, welche Arbeitshaltung die Frontline Worker von gemeinnützigen, gewerblichen und staatlichen Einrichtungen einnehmen bei der Umsetzung eines öffentlichen Programms für australische Langzeitarbeitslose. 345 Interviewpartner standen zur Verfügung. Das Ergebnis der Untersuchung:

Entgegen den Erwartungen erweisen sich Nonprofits nicht als Netzwerker, sondern als ‘Prozeduralisten’ . Während Netzwerker Wert auf Austauschbeziehungen, Verhandlungen und die Kooperation von Diensten legen, sind Prozeduralisten stark regel- und aufsichtsorientiert, haben wenig Interesse an der Evaluation ihrer Leistungen und konzentrieren sich auf standardisierte Leitungen für ihre Klientel.

Prozeduralisten würde man eher auf staatlicher Seite erwarten (hier gibt es aber keine dominante Arbeitshaltung), aber nicht bei Nonprofit-Organisationen, die doch eine andere Philosophie vertreten und sich als unbürokratischer und flexibler als staatliche Organisationen begreifen.

Aber die Studie legt dar, dass die jeweilige Arbeitshaltung der Fontline Worker interessanterweise nichts mit dem jeweiligen Organisationstyp (öffentlich, gemeinnützig, gewerblich) oder der Organisationsphilosophie zu tun, hat sondern mit der Ressourcenausstattung bzw. den Beschränkungen, denen eine Organisation unterworfen ist.

Nonprofits sind, verglichen mit staatlichen oder privatwirtschaftlichen Organisationen, in einer unsicheren Position. Sie verfügen laut Considine/Lewis nur über begrenzte Ressourcen und haben größere Probleme im Umgang mit der Informationstechnologie und der Fortbildung der Mitarbeiter. Darin liegen den Autoren zufolge die Hauptgründe für die konservative Arbeitshaltung und -praxis von Nonprofits.

Dies bedeutet aus meiner Sicht, dass man zuerst die Ressourcensituation von Nonprofits verbessern muss, bevor man von ihnen einen anderen Arbeitsstil erwarten kann. Eine gute Infrastruktur ist unerlässlich, um sich von bürokratischen Handlungsmustern zu lösen und entspannter mit der Umwelt interagieren zu können.

Allerdings muss man an dieser Stelle auch kritisch hinterfragen, ob die Ressourcenängste von Nonprofits einen realen Hintergrund haben, oder ob es sich hier um eine organisationale Ressourceneinschätzung handelt, die mit der objektiven Ressourcensituation nicht unbedingt übereinstimmt. Denn unentdeckte Ressourcen und Potentiale existieren definitiv in Nonprofit-Organisationen – man denke nur an die Kompetenzen/Mittel von Ehrenamtlichen, Spendern, Unterstützern und Angehörigen. Es kommt darauf an, diese Schätze auch zu bergen. Aber hier wirkt sich die Staatsfixierung deutscher Nonprofit-Organisationen (vor allem im Bereich sozialer Dienste) negativ aus – die bürgerschaftlichen Ressourcen werden nicht so hoch bewertet und pfleglich behandelt wie die staatlichen Mittel.

Es wäre jedenfalls ein wichtiges Ziel, sich in Nonprofits mit Hilfe von Unterstützern um eine bessere Infrastruktur zu bemühen. Insbesondere die Ausstattung mit PCs und Internetanschlüssen sollte besser werden, um die Fundraising- und Vernetzungsressourcen, die das Internet bietet, effektiver nutzen zu können.