Kategorie-Archiv: Staat

Neudefinition des „Dritten Sektors“ (Teil 2): Die Rolle des freiwilligen Engagements

Wie im letzten Blogartikel beschrieben arbeiten Forscherinnen und Forscher im Rahmen eines europäischen Projekts an einer Re-Formulierung des Konzepts des sogenannten „Dritten Sektors“.

Zum „Dritten Sektor“ sollen nun nicht mehr nur jene Organisationen zählen, die keine Gewinne erzielen dürfen („Nonprofits“), sondern auch Genossenschaften, Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit und Sozialunternehmen, sofern sie privat verfasst und freiwillig sind, öffentliche Ziele verfolgen und u.a. nicht mehr als 50% ihrer Gewinne an ihre Stakeholder verteilen. Diese inhaltliche Erweiterung macht Sinn angesichts der weiten Verbreitung von Genossenschaften speziell im Süden Europas und der Zunahme des sozialen Unternehmertums.

Die Forscher möchten nun auch das freiwillige Engagement von Bürgerinnen und Bürgern konzeptionell dem Dritten Sektor zurechnen, da Kritiker schon lange bemängeln, dass zivilgesellschaftliche Aktivitäten von Bürgerseite bisher in dem Konzept fehlten, ebenso wie Normen und Werte. Soll nun jedes freiwillige Engagement zum „Dritten Sektor“ gehören?

Salamon/Sokolowski (in VOLUNTAS, 27/4, 2016), die an dem Forschungsprojekt beteiligt sind, beginnen mit einer Definition des „freiwilligen Engagements“, die sie von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) übernehmen (S. 1538). Derzufolge ist das freiwillige Engagement

  • unbezahlt (wobei eine Aufwandsentschädigung bis zu einem gewissen Grad zulässig ist)
  • freiwillig
  • es wird im Rahmen von Organisationen oder direkt erbracht
  • die Nutznießer des Engagements gehören nicht zur eigenen Familie oder zum eigenen Haushalt

Salamon/Sokolowski grenzen sich aber in einem Punkt von der ILO-Definition ab. Ihnen zufolge kann freiwilliges Engagement, das in Organisationen geleistet wird, nur dann zum Dritten Sektor gerechnet werden, wenn es in einer Organisation erbracht wird, die ihrerseits zum Dritten Sektor bzw. zum TSE-Sektor (third sector/social ecomomy) gehört. Und staatliche/kommunale Organisationen ebenso wie for-profit-Unternehmen gehören nicht dazu. Also würde auch das folgende freiwillige Engagement nicht zum Dritten Sektor zählen:

  • das Engagement in kommunalen Einrichtungen wir bspw. im städtischen Pflegeheim oder Krankenhaus
  • das Engagement im Rahmen der staatlich geregelten oder staatlich organisierten Freiwilligendienste (FSJ, FÖJ, Internationaler Jugendfreiwilligendienst, Bundesfreiwilligendienst)
  • das Engagement im Zuge der schulischen oder universitären Ausbildung
  • das Engagement von Mitarbeitern im Rahmen der sozialen Aktivitäten von Unternehmen (corporate social responsibility)

Diese Sicht widerspricht  Ansätzen, für die der „Dritte Sektor“ und die Zivilgesellschaft deckungsgleich sind, so dass alles freiwillige Engagement auch automatisch Teil des Dritten Sektors wäre (vgl. den letzten Blogartikel).

Aber tatsächlich ist die Zivilgesellschaft doch viel größer als der Dritte Sektor und kann nicht auf diesen reduziert werden. Insofern macht die Einteilung, die die Forscher vorlegen, Sinn. Auf den ersten Blick wirkt es verwirrend, wenn gemeinnütziges Engagement im Bereich des Staates oder der gewerblichen Wirtschaft nicht zum Dritten Sektor gezählt wird, der für Gemeinnützigkeit und Solidarität steht. Auf den zweiten Blick jedoch muss man sehen, dass ziviles Verhalten in jedem Sektor beheimatet sein kann, nicht nur im Dritten Sektor, sondern auch in Markt und Staat. Zivilität wird auch hier gelebt, freiwilliges Engagement gibt es auch hier – aber eben im Rahmen anderer Strukturen: nicht denen des Dritten Sektors, sondern in einem staatlichen oder marktlichen Setting.

Die beiden Autoren selbst stellen die zivilen Potenziale von Staat und Markt aber nicht heraus. Sie sind ganz auf den Dritten Sektor fixiert. Sie möchten dessen Leistungsfähigkeit, Wirkung und Bedeutung für die europäischen Gesellschaften nachweisen. Dadurch verlieren sie Überschneidungen zwischen Markt, Staat und Drittem Sektor aus den Augen. Die Autoren betonen aus statistischen Gründen eher das Trennende und nicht das Verbindende. Dadurch gerät ihnen auch einiges durcheinander. So betonen sie bspw., dass das Engagement von Minderjähringen und Bürgern mit Lernbehinderung nicht zum Dritten Sektor zählt, weil nicht sichergestellt werden kann, ob es freiwillig erfolgt. Durch diese Exklusion von Freiwilligen werden neue Gräben aufgerissen, statt alte zugemacht.

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Quartiersvernetzung fördern (Teil 5) – soziale Innovationen erzielen

Dies ist der fünfte Beitrag einer kleinen, wöchentlichen Artikelserie hier im Blog zum Thema „Quartiersvernetzung“. Nach dem ersten Beitrag, warum Quartiersvernetzung wichtig ist, ging es im zweiten Blogartikel  um den Wissensaustausch unter den örtlichen Stadtteilvernetzern. Der dritte Beitrag nahm die engagierten Bürger, die als Vernetzer tätig sind, und die örtlichen Freiwilligenagenturen in den Blick. Der vierte Artikel analysierte die Rolle von Unternehmen und Stiftungen in der Quartiersvernetzung. Der nun folgende Beitrag befasst sich mit sozialen Innovationen auf lokaler Ebene und der Frage, welchen Beitrag Sozialunternehmer hier leisten können. Der Artikel in der kommenden Woche beleuchtet die Rolle der Kirchengemeinden beim Aufbau neuer sozialer Beziehungen im Viertel.

Unter einer „sozialen Innovation“ versteht man nicht nur eine neue Idee,  die  einen gesellschaftliche Bedarf abdeckt. Sondern zu einer sozialen Innovation gehört, dass sie in der Umsetzungsphase auch zu neuen sozialen Praktiken und Arrangements führt, wie bspw. zum Aufbau von Netzwerken, zur Beteiligung verschiedener Akteursgruppen und zu  interaktiven Lernprozessen, so Grohs/Schneiders/Heinze in ihrem Buch  „Mission Wohlfahrtsmarkt“ (2014), das die Grundlage für diesen Blogartikel bildet.

Voraussetzung für soziale Innovationen ist der Wille zur Kooperation unter den Beteiligten und der Wille zum Erfahrungsaustausch. Auch ein Quartiersbezug kann soziale Innovationen fördern, da die Vernetzung mit anderen Institutionen, mit Bürgern und der Wirtschaft im Stadtteil durch die räumliche Nähe gut gelingen kann.

Schwierig sind Innovationen im Feld der sozialen Dienste, da Vernetzungsversuche sich hier an einem extrem segmentierten Finanzierungs- und Rechtssystem reiben, das die Zusammenarbeit erschwert, obwohl gerade im Bereich sozialer Dienste eine ganzheitliche Betrachtung von Menschen und ihren Problemlagen notwendig wäre. Laut Grohs u.a. setzen sich in Deutschland neue soziale Dienste erst dann durch, wenn sie sozialstaatlich anerkannt,  verrechtlicht und damit auch refinanzierbar sind (Grohs u.a. 2014, 187).

Welche Rolle kann in einem solch eher statischen Umfeld das Sozialunternehmertum einnehmen? Kann dieses auf lokaler Ebene innovative Praktiken etablieren, die auf Kooperation und Vernetzung zielen?

Grohs u.a. zeigen, dass die Stärke der von ihnen untersuchten Sozialunternehmen nicht in der Originalität ihrer Dienstleistungsidee liegt, sondern gerade darin, dass sie Netzwerke aufbauen und interdisziplinär arbeiten (S. 170f). Zahlenmäßig spielen sie im deutschen Wohlfahrtsstaat aber nur  eine kleinere Rolle. Im Unterschied zum angelsächsischen Raum, aus dem das Modell des Social Entrepreneurship stammt, demzufolge gesellschaftliche Probleme mit unternehmerischen Methoden bearbeiten werden, sind in Deutschland die „Lücken in der Wohlfahrtslandschaft sind nicht groß genug, um ausreichende Profilierungsmöglichkeiten für Einzelpersönlichkeiten zu bieten“ (Grohs u.a. 2014, 180).

Soziale Innovationen kommen übrigens keineswegs nur von den wenigen Social Entrepreneurs, sondern auch aus den etablierten Organisationen, wo es immer wieder einzelne Intrapreneure gibt, die innovative Projekte anschieben (Grohs u.a. 2014, 170).  Dennoch können Sozialunternehmen auf lokaler Ebene als „Innovationsinkubatoren“ wirken, indem sie sozialräumliche Netzwerke bilden, Beteiligung fördern, Erfahrungen austauschen, Best-Practice-Beispiele sichtbar machen und in ihrer Arbeit soziale Medien einsetzen. Sie entwickeln so ein „Irritationspotential“ (Grohs u.a.  2014, 180) für etablierte wohlfahrtsverbandliche Träger, von denen einige ein erhebliches Beharrungsvermögen an den Tag legen. Statt von den Sozialunternehmen innovative Praktiken zu erlernen, „ging man in den meisten Verbänden den Weg der Ausgrenzung. Diese neuen Akteure strategisch in ihrer Funktion als Innovationsinkubator zu nutzen, ist nur in Ausnahmefällen angedacht bzw. umgesetzt worden“ (Grohs u.a.  2014,  193).

Grundsätzlich gibt es einige Politikfelder, die als „Innovationsarenen“ (Grohs u.a. 2014 , 186) gelten, nämlich u.a. der demographische Wandel, die Integration von Migranten, die veränderten Familienstrukturen, die soziale Stadtentwicklung. Hier kommen die Kommunen allein nicht weiter, sondern sind auf  die Beteiligung von Bürgern, Gemeinnützigen und der Wirtschaft angewiesen. Alle diese Politikfelder sind speziell auf der Quartiersebene von Bedeutung: hier sind die sozialen Probleme direkt erfahrbar und fordern zu sozialen Innovationen wie der Netzwerkbildung auf. Grohs/Schneiders/Heinze sind optimistisch und rechnen damit, dass soziale Innovationen, die auf lokaler Ebene entwickelt werden, langfristig in die etablierten Strukturen eingehen, so dass sich in diesem Fall das Engagement von Social Intra- und Entrepreneuren gelohnt haben dürfte (S. 194).

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Vereine stärken – ein Leitfaden für die Praxis

Vereine bilden die institutionelle Basis der Zivilgesellschaft, aus diesem Grund sollte der Zustand der Vereine in jeder Kommune ein wichtiges Thema bilden. Zwar gibt es auch neue Formen des zivilgesellschaftlichen Engagements – Netzwerke,  Initiativen, Bewegungen, digitale Plattformen usw. Aber diese Formen des Engagements sind aufgrund ihres informellen Charakters schwerer zu greifen. Sie sind „unter dem Radar“ der Nonprofit-Forschung und öffentlichen Förderung aktiv.

Für Vereine und damit für den formalisierten zivilgesellschaftlichen Bereich hat das Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE) eine Ressource ausgearbeitet, die sich besonders auch an die Kommunen richtet. Diesem Papier („Vereine in der Kommune. Chancen und Herausforderungen“) wünsche ich eine große Verbreitung. Es enthält viele wichtige Anregungen, wie Vereine unterstützt und weiterentwickelt werden können und ist sehr praxisnah verfasst.

Das BBE-Papier basiert auf der Überzeugung, dass Vereine ein „nicht wegzudenkender Faktor in der lokalen Engagementkultur“ sind (S. 3) und dass sie bestimmte Bedingungen brauchen, um zur örtlichen Partizipationskultur beitragen zu können. Viele Vereine stehen vor großen Problemen: der Nachwuchs fehlt, Ämter können nicht besetzt werden, der Verein überaltert. Hier sind die Vereine selbst gefragt, interne Prozesse und ihre Öffentlichkeitsarbeit zu verändern und sich lokal stärker mit anderen Organisationen zu vernetzen, um die eigene Effizienz und Effektivität zu steigern.

Gleichzeitig sind aber auch die Kommunen wichtige Unterstützer der örtlichen Vereinslandschaft, nicht nur wenn es um deren finanzielle Förderung geht. Auch methodisch und inhaltlich können örtliche Freiwilligenagenturen und ähnliche Einrichtungen die Vereine auf ihrem Weg begleiten. Diese Unterstützung sollte nicht als untergeordnetes Thema, sondern als Führungsaufgabe der kommunalen Spitze begriffen werden, wie es im BBE-Papier heißt, denn die Vitalität der örtlichen Zivilgesellschaft und das Ausmaß des Bürgerengagements ist eng mit der Vitalität und Leistungsfähigkeit von Vereinen verwoben.

Das BBE -Papier sieht in den folgenden fünf Bereichen Handlungsbedarf auf Seiten der Vereine:

  • Vereinsprobleme benennen und öffentlich machen, d.h. Probleme bei der Ämterbesetzung nicht verschweigen, sondern in das Gemeinwesen hineintragen, Unterstützung erbitten, um Mitglieder werben, auch über das Internet (eine digitale Präsenz ist bei vielen kleinen Vereinen und solchen mit älterer Mitgliedschaft nicht gegeben)
  • Nachwuchs gewinnen indem man auf die Bedürfnisse potentieller Freiwilliger eingeht, u.a. mit flexiblen Engagementmöglichkeiten und Engagement-Begleitern
  • Vorstandsaufgaben entlastend organisieren und attraktiv gestalten, indem man sie in Einzelaufgaben zerlegt, die Teamarbeit fördert und stärker auf Tandemlösungen setzt (Jung und Alt gemeinsam)
  • Ein gutes Miteinander aufbauen durch eine gute Kommunikationskultur und Beratungsangebote im Falle von internen Konflikten vorhalten.
  • Effizienz und Effektivität des Vereins stärken durch Vernetzung mit anderen Vereinen und Organisationen, um voneinander zu lernen und bestimmte Vereinsaufgaben (wie z.B. die IT-Betreuung) personell zusammenzulegen.  (Siehe hier auch die Chancen für Vereine durch Tauschnetzwerke unter Gemeinnützigen)

Die Kommunen sollten

  • die Bedeutung der Vereine für die örtliche Zivilgesellschaft herausstellen und das eigene Personal dafür sensibilisieren. Informationsportale der Kommune sollten zur Selbstdarstellung der Vereine geöffnet werden
  • Beratungs- und Vernetzungshilfen für Vereine bereitstellen und diese auch öffentlich kommunizieren
  • mit Vereinen partnerschaftlich zusammenarbeiten und sie in örtliche Beteiligungsprozesse einbeziehen

Die Länder können die örtlichen Aktivitäten durch Serviceeinrichtungen und Expertenpools und Plattformen für den Wissenstransfer fördern.

Viele Kommunen unterstützen schon die Weiterentwicklung der kommunalen Vereinslandschaft, in vielen Orten wird das Thema aber verdrängt oder ausgesessen. Obwohl gerade der demografische Wandel den Aufbau und die Pflege lokaler Netzwerke und des lokalen Engagements nahelegt. Neben den Vereinen sollten auch die oben erwähnten gering formalisierten bürgerschaftlichen Netzwerke eine Chance auf inhaltliche Unterstützung und finanzielle Förderung bekommen. Sie stehen derzeit noch nicht im Fokus der lokalen Engagementförderung.

Mehr Hilfen für Vereine, denen Ehrenamtliche fehlen, um Ämter besetzen zu können, bietet auch das Programm „Besetzung und Qualifizierung ehrenamtlicher Vereinsvorstände“ der Robert-Bosch-Stiftung.  Vereine aus drei Bundesländern können hier mitmachen und sich um eine Aufnahme in das Programm bewerben.

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