Koproduktion und der Paradigmenwechsel im Sozialsektor

Das Konzept der „Koproduktion“ im Dritten Sektor bedeutet: Dienstleistungen werden durch Netzwerke aus professionellen Anbietern und bürgerschaftlichen Akteuren (Klienten, Angehörigen, freiwilligen Helfern, Nachbarn, örtlichen Gemeinschaften usw.) erbracht. Alle am Netzwerk Beteiligten steuern Ressourcen bei. Jedem Beteiligten wird zugetraut, dass er etwas einbringen kann. Das Verhältnis zwischen professionellen Mitarbeitern und Bürgern ist auf Augenhöhe, beide Seiten sind gleich in ihrer Wertigkeit.

Es geht bei der Koproduktion nicht darum, professionelles Wissen zu ersetzen, sondern das Wissen und die Kompetenzen von Bürgern und Sozialeinrichtungen zu poolen, um die bestmöglichsten Ergebnisse für die Gesellschaft zu erzielen (Boyle/Harris 2009).

Dies bedeutet aber, dass Sozialeinrichtungen im Rahmen der Koproduktion nicht von vornherein auf die Überlegenheit ihrer – professionell legitimierten – Vorschläge pochen können. Sondern dass sich Lösungen durch einen Austausch zwischen bürgerschaftlichen Akteuren und Sozialeinrichtungen herauskristallisieren. Man kann also bürgerschaftliches Engagement und bürgerschaftliche Beteiligung nicht per se als „Ergänzung“ zur Tätigkeit der professionellen Mitarbeiter betrachten – wie die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege dies tut (via BBE ) – und diesen „ergänzenden“ Status festschreiben. Denn wenn Bürger und Sozialeinrichtungen ihre Kompetenzen und ihr Wissen poolen, dann entstehen ganz neue Lösungen, die die Erfahrungen von beiden Seiten – der professionellen und der bürgerschaftlichen – gleichberechtigt in sich bündeln.

Auch wenn gemeinnützige Träger im Sozialsektor derzeit noch in ihrem organisations- und outputorientierten Paradigma gefangen sind: die Zukunft gehört den Beziehungen, den Netzwerken und Verbindungen in die Zivilgesellschaft hinein.

Koproduktion bricht mit der binnenorientierten Tradition von gemeinnützigen Organisationen, die um sich selbst und ihr Fachgebiet und um ihre eigene Community kreisen. Koproduktion lenkt den Blick nach außen, hin zu den Stakeholdern einer Organisation und deren vielfältige Ressourcen, ohne die eine Einrichtung die Ziele, derentwillen sie angetreten ist – nämlich gesellschaftliche Problemlagen zu beiseitigen – nicht wird erreichen können.

Für einen Aufsatz für die Zeitschrift SOZIALwirtschaft, der im November erscheinen wird, habe ich beschrieben, wie der Paradigmenwechsel verfasst ist, vor dem die professionellen Dienstleister im Sozialsektor stehen. Es geht um einen Perspektivenwechsel in gemeinnützigen Organisationen:

  • von der dominierenden Binnensicht zu den Stakeholder-Netzwerken
  • von der Organisation hin zu Beziehungen
  • von der hierarchischen Steuerung zur Partizipation
  • von der Professionalisierung zum Wissen der Bürger
  • vom anbieterzentrierten Servicemodell zu den Bedürfnissen der Nutzer
  • vom Output zum Outcome
  • vom Paternalismus zum Empowerment von Bürger-Nutzern
  • von ungleichen Machtverhältnissen zwischen der Einrichtung und Bürgern zu einem Verhältnis auf Augenhöhe.

Die Koproduktion sozialer Dienstleistungen – also deren Planung, Ausgestaltung, Umsetzung und Evaluation – kann auch über das Internet erfolgen. Speziell das Bürgerwissens kann sehr einfach über das Internet abgerufen werden, ebenso deren Beteiligung, wenn es darum geht, Problemlagen empirisch zu erfassen.

Web-Mapping Projekte wie GENEVE accessible, wo Rollstuhlfahrer Barrieren in Genf fotografieren und in eine Online-Karte eintragen, oder wie die – hier schon oft zitierte – Ushahidi – Webseite bzw. Software, die die Hilfsanfragen von Menschen, die von Katastrophen betroffen sind, kartiert (Bsp.: Chile-Erdbeben), zeigen das Potential des „crowdsourcing“ für gemeinnützige Organisationen. Das Feedback der Bürger über die Qualität der erhaltenen Dienstleistungen kann ebenfalls abgefragt und in die Konzeption und Veränderung sozialer Dienste eingebracht werden. Siehe als Beispiele aus dem Gesundheitsbereich die Plattformen Patient Opinion und iWantGreatCare oder den geplanten Gesundheitsnavigator.

Der Staat kann eine konstruktive Rolle spielen, wenn es darum geht, die Partizipation in Nonprofits zu fördern, – dies zeigt die empirische Studie von Kelly LeRoux aus dem Jahr 2009. Über Förderrichtlinien kann er die Beteiligung von Klienten und anderen an der Entscheidungsfindung von Nonprofits festschreiben.

Die Kritik (s. S. 3) der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege an der Aufnahme des freiwilligen sozialen
Engagements in die staatlichen Förderrichtlinien für den Nonprofit-Sektor ist deshalb differenziert zu betrachten. Wenn es dem Staat lediglich darum geht, aus Spargründen die „Bürgerarbeit“ in gemeinnützigen Organisationen über Förderrichtlinien zwangsweise festzuschreiben, so ist dies abzulehnen. Falls staatliche Institutionen aber versuchen sollten, die Finanzierung sozialer Dienste mit Anforderungen an die partizipative Praxis in Nonprofits zu verbinden (und dies auch zu finanzieren…), so wäre dies zu begrüßen. Denn ohne Druck von staatlicher und – vor allem – von zivilgesellschaftlicher Seite werden sich gemeinnützige Organisationen einer weitergehenden Bürgerbeteiligung in ihren Einrichtungen nicht öffnen. Zu sehr verankert ist die Dominanz der Profession und das Ungleichgewicht zwischen der Einrichtung und ihren Nutzern.

Das Konzept der „Koproduktion“ könnte eine Möglichkeit sein, bestehende Strukturen im Dritten Sektor aufzubrechen. In Großbritannien diskutiert eine eigens eingerichtete Community aus Praktikern und Experten über das Thema Koproduktion, das co-production practitioners’ network. Es würde sich lohnen, auch bei uns einen entsprechenden Gedankenaustausch zu starten. Wer am Thema interessiert ist und Ideen einbringen kann, ist eingeladen, sich am Forum „Koproduktion“ zu beteiligen, das ich im Rahmen der Xing-Gruppe „Zivilgesellschaft und Internet“ eröffnet habe.

8 Gedanken zu „Koproduktion und der Paradigmenwechsel im Sozialsektor

  1. Hallo Brigitte, vielen Dank für den Einblick in deinen Beitrag bei SOZIALwirtschaft. Ist das der, in den auch die 15. Runde der NPO-Blogparade eingeflossen ist?
    Zum Thema Crowdsourcing und freiwilliges Engagement arbeite ich gerade an einer Präsentation für die stARTconference im September diesen Jahres. Es soll um Micro-Freiwilligenarbeit — quasi dem Engagement für die Hosentasche — gehen. Bereits am Anfang meiner Diplomarbeitsrecherchen hatte ich ja mit Herbert Schmidt über Crowdsoucing und Freiwilligenarbeit diskutiert. Ich glaube da muss man Grenzen ziehen. Guckst du hier

    Gruß
    Hannes

  2. Hallo Frau Reiser, vielen Dank für diesen interessanten Artikel und die Darstellung der verschiedenen Meinungen. Nach Ihrem letzten Beitrag und der Diskussion, die wir darüber geführt haben, erkenne ich jetzt langsam erste Ansatzpunkte für meine Berufspraxis und kann das Thema und die Idee besser einordnen.
    Meine Sicht als Praktiker habe ich als Antwort auf Ihren Beitrag heute in meinem Blog veröffentlicht und hoffe damit ebenfalls zur Diskussion beitragen zu können.

  3. @Hallo Hannes, danke für Dein Feedback. Bei dem hier zitierten Artikel geht es nur um das Thema Koproduktion. Den Aufsatz über ‚Wissensmanagement mit Social Media‘, in den ich Eure Anregungen aus der NPO-Blogparade eingebracht habe, erscheint im Raabe-Verlag http://www.raabe.de/go/Gesundheit+&+Soziales/Handbuch+Sozialmanagement. Ich denke (hoffe), den zitierten Bloggern wird ein Belegexemplar zugesandt werden.

    Was die Unterscheidung Freiwilligenarbeit/Crowdsourcing angeht – aus meiner Sicht sollte man die Dinge nicht verkomplizieren. Wenn ich irgendwo für eine gute Sache meine Ideen und mein Wissen einbringe, dann fällt das für mich unter das Thema ‚Beteiligung‘ und auch unter das Thema ‚freiwilliges Engagement‘, weil ich unentgeltlich einen Beitrag für das Gemeinwesen leiste. Ob diese Sicht mit den offiziellen Klassifikationen des „Freiwilligenengagements“übereinstimmt, weiss ich nicht, – aber ich bin in der Hinsicht ganz pragmatisch.

    @Stefan Zollondz, Danke für Ihren sehr lesenswerten Blogbeitrag „Soziale Koproduktion als Weg zur Zukunftssicherung von Non-Profit-Organisationen?“, den ich gerne weiterempfehle
    http://www.net-pilots.de/stefanzollondz/digitale-wissensarbeit/soziale-koproduktion-als-weg-zur-zukunfssicherung-von-non-profit-organisationen/

  4. Liebe Frau Reiser,
    Danke für Ihren Artikel, der das Thema „Koproduktion“ vertieft.

    Knapp 10 Jahre war ich selbst aktive Kommunalpolitikerin, davor in Fachschaft und der Schülervertretung aktiv. Partizipation und Basisdemokratie sind mir wirklich wichtig. Gern habe ich für diese Prinzipiel geworben und tue es auch weiterhin als Beraterin für Sozialmarketing, bei dem ich den Schwerpunkt auf Community Building lege.

    Und dennoch bleibt für mich die Frage, ob durch das Modell der Koproduktion in der Zuspitzung, die Sie mit verordneten Förderrichtlinen für NPO skizziert haben, Menschen nicht überfordert werden?

    Die aktuelle Studie von ARD und ZDF zum Gebrauch des Internet zeigt sehr deutlich, dass „nur“ deutlich unter 5% User Content liefern. Diese Ergebnisse entsprechen meinen Erfahrungen aus meiner aktiven kommunalpolitischen Zeit; damals haben wir innerlich gejubelt, wenn 10% der Eingeladenen erschienen sind oder sich etwa 10% wie auch immer beteiligt haben.

    Auf diesem Hintergrund frage ich:
    Ist es nicht gerade bei dem Modell der Koproduktion besonders wichtig , bereits „kleine“ Beiträge wert zu schätzten? Damit weder Überforderung bei den Freiwilligen eintritt, noch Enttäuschung bei den Professionellen?

    Alexandra Ripken

  5. Liebe Frau Ripken, danke für Ihren Kommentar.

    Beim Modell der Koproduktion geht es nicht darum, Bürger zwangsweise zum Engagement zu verpflichten oder eine Hierarchie der Bürgerbeiträge zu erstellen, wie das z.B. im Rahmen der vielzitierten Ladder of Participation von Arnstein gemacht wird.

    Alle Beiträge, die Bürger leisten, sind gleich wertvoll. Und niemand, der sich nicht einbringen möchte, wird zum Mitmachen gezwungen. Es geht bei der Koproduktions-Idee lediglich darum, Bürgern eine ganze Palette von Mitwirkungsmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen, die eben auch die Politikformulierungs- und ausgestaltungsphase umfassen, die in der Regel Bürgern verschlossen ist.

    Sie haben recht, dass viele Bürger sich zurückhalten, wenn es darum geht, sich gestaltend einzubringen. Aber die mangelnde Responsivität von Organisationen und die Passivität vieler Bürger bedingen einander. Wer das Gefühl hat, dass die eigene Stimme nicht zählt, wer nicht weiß, wie er/sie sich einbringen kann und soll, wer von der Organisation nicht entsprechend ermuntert und befähigt wird, Partizipationsmöglichkeiten auch wahrzunehmen, wird sich abseits halten. Man darf jedoch von der Zurückhaltung der Bürger in öffentlichen Dingen nicht auf ihr Desinteresse schließen.

    Weil gemeinnützige Organisationen eine so wichtige Rolle in unserem Gemeinwesen spielen, wäre es durchaus förderlich, wenn staatliche Institutionen oder Bürger Nonprofits zu einer stärkeren Öffnung und mehr Partizipationsmöglichkeiten ermuntern würden. Auch hierbei geht es nicht darum, Nonprofits top-down zu mehr Demokratie zu „verdonnern“, sondern einen gemeinsamen Diskussionsprozess zu starten über die Vorteile der Partizipation für gemeinnützige Organisationen, um hier einen Bewusstseinswandel einzuleiten.

    Wenn Partizipationsziele eines Tages aber in staatliche Förderrichtlinien für Nonprofits eingebunden werden sollten, fände ich dies nicht negativ. Denn der Staat kann eine konstruktive Rolle spielen, wenn es darum geht, mehr Demokratie in den eigenen Institutionen oder auch im Dritten Sektor festzuschreiben. Manchmal geht es nur über diesen hierarchischen Weg. Eine freiwillige Öffnung von NPOs wäre aber besser.

  6. Liebe Frau Reiser,
    Danke für Ihre Antwort, über deren Hinweis, dass die mangelnde Responsivität von Organisationen und Passivität vieler Bürger einander bedingen, ich gern weiter nachgedacht habe.
    Ein Ausweg aus diesem „Dilemma“ sehe ich vor allem darin, Schwellen niedrig zu setzen und das Eigeninteresse der Bürger aufzugreifen. Für mich bedeutet das als Formel, „spielerische“ Angebote zu machen, die vollkommen ernst gemeint sind.
    In meinem Bereich des Sozialmarketing übersetzte ich die von Ihnen vorgeschlagene Koproduktion mit Poolen als „Spenderorientierung“.
    Wie die stärker aufgegriffen werden kann, rege ich in meinem aktuellen Artikel „So setzt Du Spenderorietierung um“.

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