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Gemeinnützige Organisationen brauchen Netzwerke – welche genau?

Soziale Dienste sind auf den Einzelfall fixiert. „Trotz Gruppenarbeit, trotz Gemeinwesenarbeit: Der Fallbezug dominierte die Soziale Arbeit und er prägt sie bis heute“ (Hinte 2011, 101). Verantwortlich dafür sind die Leistungsgesetze und die sozialarbeiterische Praxis: beide lösen den einzelnen aus seinen sozialen Zusammenhängen heraus, um seinen Besonderheiten gerecht zu werden, und desintegrieren somit.

Durch die Personalisierung der Hilfen rücken kollektive Ressourcen und Möglichkeiten in den Hintergrund und damit die Chance, kollaborative Systeme sozialer Hilfen zu schaffen.

Der Blick auf den Einzelfall prägt den sozialen Bereich bis ins Innerste. Auch im Freiwilligenmanagement dominieren Kozepte, die das bilaterale Verhältnis zwischen der Einrichtung und dem einzelnen Freiwilligen regeln, statt die Community der Freiwilligen und ihre Netzwerke stärker in den Blick zu nehmen.

Die soziale Arbeit mit ihren verbandlichen Einrichtungen hat sich durch diese individualisierende und desintegrative Praxis selbst zu einem gesonderten System entwickelt, das zu wenig in die Gesellschaft eingebunden ist. Die zentrale Zukunftsstrategie für Nonprofits im Sozialbereich muss deshalb lauten, Netzwerke aufzubauen – in die Zivilgesellschaft hinein und gemeinsam mit staatlichen Akteuren und Unternehmen. Welche Netzwerke werden notwendig?

Wissens – und Kommunikationsnetzwerke: Nonprofits sollten sich auf lokaler Ebene zu Knotenpunkten entwickeln, die das Wissen der Bürger aufgreifen, Diskurse anstossen und der Zivilgesellschaft die Möglichkeit zum wechselseitigen Austausch bieten. Soziale Dienste wären demnach auch „information-associations“ bzw „info-sociations“ (Sadoway 2012), die lokal Wissen bündeln, abbilden und in den politischen Prozeß einspeisen (dazu gehören auch offene Daten). Vom Bürgerwissen profitiert die Qualität der lokalen Infrastruktur. Durch die Vernetzung und den Dialog untereinander werden Gegenöffentlichkeiten geschaffen. Bürger erhalten die Möglichkeit, ihre Perspektive auf das örtliche Gemeinwesen schicht- und generationenübergreifend einzubringen. Das Internet spielt eine wichtige Rolle, um solche Wissens- und Kommunikationsnetzwerke aufzubauen. Tools wie Wikis, Webkarten oder Online-Communities können dafür sehr gut genutzt werden.

Partizipationsnetzwerke: Nonprofits sollten sich zu Knotenpunkten der Beteiligung entwickeln. In den Einrichtungen und durch sie muss Teilhabe gefördert werden. Nicht nur Bürger profitieren von einer partizipativen Praxis in Nonprofits, – auch die Dienste selbst können sich vor Ort als zivilgesellschaftlich eingebundene Akteure im politischen Prozeß profilieren. Das Internet bietet viele Möglichkeiten, um Bürger auch digital zu beteiligen und ihnen Gestaltungs- und Mitmach-Chancen anzubieten (vgl. meinen letzten Blogbeitrag).

Koproduktionsnetzwerke: Koproduktion weist über das bilaterale Verhältnis zwischen Dienst und Nutzer hinaus: „co-production opens up the arena to other actors who could possbly play a role in the provision of public services“ (Meijer 2012,s.p.). Soziale Dienste sollten Koproduktionsnetzwerke gemeinsam mit Bürgern und anderen Einrichtungen aufbauen, um soziale Dienstleistungen kollaborativ zu erstellen. Dafür kann auch das Internet genutzt werden. Koproduktion über das Internet findet derzeit im Sozialbereich hautsächlich in der Beratung statt: Bürger steuern in Foren ihr Wissen bei und koproduzieren so Beratungsleistungen gemeinsam mit Fachkräften, die sich bei Bedarf einschalten (siehe z.B. – in Ansätzen – den Familienratgeber der Aktion Mensch). Diese kollektive Form der Koproduktion hat einen besonderen Mehrwert: sie schafft zusätzlich noch ‚communities of interests‘ – d.h. den teilnehmenden Bürger/inenn wird bewusst, dass sie mit ihrer Anfrage und ihrem Problem nicht alleine sind (Meijer 2012).
Wo geht die Koproduktion über den Beratungsbereich hinaus und bezieht das Service-Design oder die Implementation von Dienstleistungen mit ein? Auf Anhieb fällt mir keine hiesige (kollektiv ausgerichtete) Koproduktions-Plattform im Sozialbereich ein, die schon diese beiden Bereiche mit einschliessen würde.

Ressourcennetzwerke: Nonprofits sollten untereinander und über Fachgrenzen hinweg Netzwerke aufbauen, um (zusätzlich zum Fundraising) vorhandene Ressourcen zu teilen, zu tauschen und sich wechselseitig auszuleihen. Was auf Bürgerseite immer mehr Unterstützer findet – das Teilen von Autos, Wohnräumen, Waschmaschinen und das wechselseitige Ausleihen von Gegenständen sowie das Tauschen von Dienstleistungen und Dingen – sollte auch im Nonprofit-Sektor zur Normalität werden, um dem chronischen Ressourcenmangel abzuhelfen. Dieser Ressourcenmangel existiert nur auf den ersten Blick, – auf den zweiten sieht man, wie viel Wissen, Fertigkeiten, Räume, technische Geräte, Autos usw. in gemeinnützigen Organisationen nur unzureichend genutzt werden. Solche Aktivposten sollten stärker in gemeinsame Ressourcennetzwerke eingebracht werden. Wo über eine Zeitbank oder einen Tauschring Schnittstellen hin zum Gemeinwesen existieren, können auch Bürger und die lokale Wirtschaft in das Ressourcennetzwerk einbezogen werden (vgl. Camden Shares). So können Nonprofits auch ihre Verbindungen zur Gesellschaft stärken und mit begrenzten Budgets den maximalen impact erzielen.

Räumliche Netzwerke über verschiedene Ebenen: Nonprofits müssen ihre örtlichen Netzwerke über das Internet um Akteure und Ressourcen aus anderen Orten ergänzen. Von dieser überörtlichen Vernetzung profitieren die eigenen Zielgruppen, die zum Teil erst über das Internet Gleichgesinnte und Menschen mit ähnlichen Bedarfen kennenlernen. So entstehen – digital vermittelt – vor Ort neue Interessens- und Identitätsgemeinschaften (vgl. Morris/Gilchrist o.J., 8), die die örtliche Zivilgesellschaft mit neuen Handlungspotentialen ausstatten. Nonprofit-Organisationen profitieren ihrerseits von den Ressourcen überörtlicher Akteure, – nicht nur unmittelbar, sondern auch mittelbar durch die Ressourcen, die in den jeweiligen Netzwerken der überörtlichen Akteure schlummern.

Literatur (wenn nicht verlinkt):

  • Hinte, Wolfgang (2011): Sozialräume gestalten statt Sondersysteme befördern, in: Teilhabe , Heft 3, 100-106.
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Nonprofits müssen ins Internet und dieses mitgestalten

Die Publikations-, Austausch- und Vernetzungsmöglichkeiten des Internets („soziale Medien“) eröffnen gemeinnützigen Organisationen die Chance, ihre Verbindungen zur Zivilgesellschaft zu stärken und Ressourcen der Bürger vermehrt abzurufen. Es geht darum, „support relationships“ (Burt/Taylor 2011) zwischen Bürgern und freien Trägern aufzubauen, – und zwar in beide Richtungen. Eine stärkere Unterstützung seitens der Bürger setzt Beteiligungsmöglichkeiten für diese in Nonprofit-Organisationen voraus, nicht nur, wenn es um die Umsetzung von Projekten geht, sondern schon in der Planungsphase.

Das Centrum für Corporate Citizenship Deutschland (CCCD) lädt in einer aktuellen Blogparaden-Runde zum Diskurs über die Nutzungsmöglichkeiten von Social Media ein, die sich für die Zivilgesellschaft, d.h. für Bürger und Vereine, auftun. Dabei sollen auch die Herausforderungen und möglichen Grenzen diskutiert werden.

In diesem Beitrag möchte ich drei Punkte ansprechen, die ich in Zusammenhang mit dem Thema für essentiell halte:

1. Das Ressourcenproblem – oder die Frage, wie die digitale Inklusion des Dritten Sektors vorangetrieben werden kann
2. Offliner ins Netz bringen – eine Aufgabe für den gemeinnützigen Bereich
3. Netzpolitik – in einer digitalen Gesellschaft ein wichtiges Aufgabenfeld für den Dritten Sektor

Zu Punkt 1:

Aus den gemeinnützigen Organisationen kommt immer wieder das Feedback, dass das Ressourcenproblem („kein Geld, keine Zeit, keine Mitarbeiter, kein Fachwissen“) eine enorme Hürde für die Nutzung sozialer Medien darstellt. Davon betroffen sind nicht so sehr die großen Wohlfahrtsverbände, sondern die unzähligen kleinen Vereine und Initiativen auf kommunaler Ebene. Es gibt über eine halbe Million Vereine in Deutschland. Sehr viele davon sind in den sozialen Medien nicht präsent, – weil sie niemanden haben, der sich mit den neuen Medien auskennt oder genug Zeit dafür aufbringen könnte. In der Regel fehlt auch das Geld für eine professionelle Unterstützung.

Es müsste potentiellen Geldgebern – dem Staat, den Kommunen und Stiftungen – ein Anliegen sein, den Dritten Sektor in der Fläche für das Mitmach-Web fit zu machen. Denn gemeinnützige Organisationen, die sich auf den Gebrauch sozialer Medien nicht verstehen, können in einer digitalen Gesellschaft ihre Funktionen – die Einbindung von Bürgern, die Erbringung von Dienstleistungen, die Interessenvertretung und die Schaffung von Partizipationschancen – auf die Dauer nicht erfolgreich ausüben. Es reißt so eine Kluft auf zwischen vielen zivilgesellschaftlichen Institutionen und internetkundigen Bürgern, die den Dritten Sektor schwächt.

Staat und Stiftungen sollten in ihre Budgets für gemeinnützige Organisationen Mittel für die IT-Ausstattung und die Vermittlung digitaler Kompetenzen mit aufnehmen. Die sogenannte „digitale Inklusion“ des Dritten Sektors ist kein Randthema, – sondern eines, das existentiell ist für die Weiterentwicklung der hiesigen Zivilgesellschaft.

Allerdings ist der Dritte Sektor hier selbst nicht aus der Verantwortung zu nehmen. Es gibt viele Möglichkeiten, wie man auch mit wenig Mitteln die eigenen Kenntnisse und Handlungschancen ausweiten kann, – in erster Linie durch einen stärkeren Austausch innerhalb des Sektors und mit Bürgern. Das Wissen über soziale Medien kann durch gemeinsame Arbeitsgruppen, über Webseiten und die Nutzung vorhandener Foren und Plattformen gefördert werden. Im Stiftungsbereich startete letzten Sommer die stiftungsübergreifende Arbeitsgruppe „Stiftungen 3.0“. Was darüber hinaus möglich ist, zeigen die folgenden Beispiele: Social Media Surgeries auf der lokalen Ebene in Großbritannien, Online-Communities zum Thema ICT für Gemeinnützige wie das ICT Café, crowdsourcing-Webseiten wie KnowHow NonProfit, die Vermittlung von freiwilligen IT-Fachleuten an den gemeinnützigen Sektor IT4Communities , die Socialbar als Austauschort über die Chancen sozialer Medien, Veranstaltungen und BarCamps wie die re:campaign für den gemeinnützigen Sektor.

Schließlich könnte auch eine professionelle Unterstützung im Hinblick auf den Umgang mit dem Internet von vielen Vereinen gemeinsam finanziert oder von der örtlichen Gemeinde für den Nonprofit-Sektor getragen werden, – siehe die britische Einrichtung der Circuit Riders („Circuit Riders are third sector technology development and support workers, each of whom supports a caseload of organisations the same way a development worker might“, UK Riders).

Zu Punkt 2:

Viele Vereine – besonders jene mit einer älteren Mitgliederschaft- haben das Problem, dass ihre Zielgruppen nur zum Teil (oder auch gar nicht) im Netz präsent sind. Dadurch entgehen diesen Bürgern Informations- und Beteiligungsmöglichkeiten. Es muss auch zum Aufgabenbereich einer Nonprofit-Organisation gehören, die digitale Inklusion ihrer Stakeholder voranzutreiben.
Aber dafür fehlen in der Regel die Mittel. Allerdings könnte man auch hier Ressourcen der gemeinnützigen Akteure vor Ort poolen.

Für manche Organisationen im Dritten Sektor ist die digitale Inklusion ihrer Mitglieder und Klienten aber kein Thema, für das sie sich verantwortlich halten. Viele bleiben ganz eng ihrem Dienstleistungszweck verhaftet, und der hat in der Regel nichts mit dem Internet zu tun. Aber eine gemeinnützige Organisation ist mehr als nur ein Dienstleister. Sie ist Teil unseres demokratischen Gemeinwesens und spielt eine wichtige Rolle als zivilgesellschaftlicher Akteur. Dazu gehört auch, dass sie ihre Arbeit für und mit den Stakeholdern um eine digitale Dimension erweitert und jene mit nimmt, die bisher von den Online-Beteiligungsmöglichkeiten ausgeschlossen sind.

Vermittelt werden müssen in Zusammenhang mit dem Internet nicht nur technische Fertigkeiten. Sondern eine Reihe weiterer Kompetenzen, die zur „digital literacy“ gehören: die Fähigkeit, Online-Netzwerke zum Aufbau von sozialem Kapital zu nutzen, die Kompetenz zur Zusammenarbeit, zur Partizipation, zur Aufmerksamkeit und zur Beurteilung der Qualität von Informationen.

zu Punkt 3:

Gemeinnützige Organisationen müssen sich stärker um netzpolitische Fragen kümmern. Damit ist gemeint, sie müssen sich mit den Rahmenbedingungen des Internets, dessen Struktur und Angebote befassen und Einfluss auf die Ausgestaltung des Netzes nehmen.

Das Netz ist nicht statisch, – es kann und wird jeden Tag von Menschen und Organisationen verändert. Die Zivilgesellschaft muss ein Interesse daran haben, das Internet so bürgerschaftlich wie möglich zu gestalten und gemeinnützige Angebote zu stärken. Die Weiterentwicklung des Internets sollte nicht kommerziellen Interessen überlassen bleiben. Wir alle bezahlen die meisten der neuen Mitmach-Möglichkeiten zwar nicht mit Geld, aber mit unseren persönlichen Daten. Es ist wichtig, dass von zivilgesellschaftlicher Seite Alternativen zu „Faceboogle“ entwickelt und Unternehmen Grenzen aufgezeigt werden, wenn es um deren Datensammelwut und die Monopolisierung der Netzangebote geht. Über die Ambivalenz kommerzieller, hierarchischer Netzwerke- „soziale Fabriken“ (F.Stalder) – und dezentrale Alternativen siehe auch die Beiträge von Bauer und Härtel zur aktuellen Blogparade.

Durch die jahrelange Abstinenz vieler wichtiger Nonprofit-Organisationen in Deutschland von den sozialen Medien wurden hier Handlungs- und Gestaltungschancen verpasst. In manchen gemeinnützigen Einrichtungen wird das Internet noch heute inhaltlich abgewertet und nicht ernst genommen als ein neuer mächtiger und globaler öffentlicher Raum.

Es ist an der Zeit, dass der Dritte Sektor sich nicht nur als Konsument von Netzangeboten betrachtet („Wir sind jetzt auch auf Facebook“), sondern als aktiver Gestalter des digitalen Raumes zugunsten zivilgesellschaftlicher Akteure und demokratischer Beteiligungsmöglichkeiten.

Überfordert man damit Vereine? Nicht jeder gemeinnützige Akteur wird sich mit digitalen Fragen auseinandersetzen wollen. Andererseits geht es um unseren gemeinsamen öffentlichen Raum im Netz, – dessen Freiheit zu erhalten und die nicht-kommerziellen Räume und bürgerschaftlichen Handlungschancen zu stärken, sollte ein wichtiges Anliegen aller im Dritten Sektor sein.

Ein wichtiges Thema ist auch die Förderung von Zivilität im Netz bzw. die Frage: wie gehen wir miteinander im Internet um? Die Akzeptanz von Pluralität ist Voraussetzung für ein vitales und konstruktives zivilgesellschaftliches Leben online. Auch hier sind Dritte-Sektor-Organisationen als Vorbilder und Lernorte gefordert.

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Messung des impacts von gemeinnützigen Organisationen – welche Methoden gibt es?

Auf welche Weise man die Wirkung gemeinnütziger Projekte auf die Gesellschaft – den „social impact“ – messen kann und ob man den impact der Projekte überhaupt messen sollte, ist im Dritten Sektor immer noch hoch umstritten.

Die kontroverse Debatte zwischen zivilgesellschaftlichen Akteuren und Vertretern der Wirkungsmessung wurde auch im Unterausschuss „Bürgerschaftliches Engagement“ des Bundestags sichtbar. Hier stand PHINEO, eine Bertelsmann-Gründung, mit den eigenen Wirkungsanalysen in der Kritik. PHINEO reiht sich ein in die vielen unterschiedlichen Projekte, die weltweit entwickelt werden, um die Leistungsfähigkeit von gemeinnützigen Organisationen transparenter zu machen. Auf diese Weise will man Spendern, Stiftern und engagierten Unternehmen, die eine gute Organisation für ihr „Investment“ suchen, Informationen und Hilfe an die Hand geben. Zu nennen sind hier Plattformen und Projekte wie Give Well, Philanthropedia, Charity Navigator, das Center for Effective Philanthropy und das Charting Impact Projekt. Einen guten Überblick über die Akteure der strategischen bzw. outcome-orientierten Wohltätigkeit liefert der Beitrag von Paul Brest in der Stanford Social Innovation Review.

Wie virulent das Thema Wirkungsmessung ist, zeigt auch die Gründung der „Social Impact Analysis Association“ in London – ebenfalls ein Bertelsmann-Projekt – , die professionelle Wirkungsanalysten zu einem Austausch über Messmethoden zusammenbringen möchte.

In einem Aufsatz für das International Journal of Nonprofit and Voluntary Sector Marketing setzen sich Polonsky und Grau (2011), zwei amerikanische Forscher, mit den Methoden zur sozialen Wirkungsmessung auseinander.

Ihnen zufolge liegt das Grundproblem des Themas darin, dass es keine allgemein akzeptierte Definition des „social impact“ gibt, – jeder Akteur – Spender, NPO-Mitarbeiter, Unternehmensvertreter, Nutzer von Diensten – versteht darunter etwas anderes und würde die Wirkungsanalyse anhand unterschiedlicher Kriterien durchführen. Die beiden Forscher ziehen sich auf die Definition zurück, dass unter dem „social impact“ die gesamte Wirkung zu verstehen ist, die eine gemeinnützige Organisation auf ihre Stakeholder hat (Polonsky/Grau 2011, 196).

Weshalb eine Evaluation der Wirkung von Nonprofits sinnvoll ist, beantworten Polonsky/Grau wie folgt (2011,197f):

1. Eine solche Untersuchung kann zur kritischen Überprüfung von Organisationspraxis und -strukturen beitragen. So ist z.B. unklar, ob die in den vergangenen Jahren durchgeführte Ökonomisierung der gemeinnützigen Dienstleister tatsächlich zu besseren gesellschaftlichen Ergebnissen ihrer Projekte geführt hat.
2. Spender wünschen sich zunehmend mehr Transparenz im Nonprofit-Sektor. Sie wollen von den Trägern wissen, wie effektiv Spenden eingesetzt werden, d.h. wie gut – oder weniger gut – soziale Probleme von der Organisation gelöst werden konnten
3. Das Aufzeigen der eigenen Wirkung kann zu einer größeren Gleichbehandlung von Projekten führen, die momentan aufgrund der unterschiedlichen Popularität von Themen und Klienten nicht gegeben ist

Welche Argumente zählen die Forscher gegen die Wirkungsmessung auf?

1. Nonprofits werden zu strategischem Verhalten, das auf Effektivität zielt, animiert.
2. Der Zwang zu möglichst hohem impact schränkt die Risikofreude und die Lust am Experimentieren und damit auch die Lernmöglichkeiten ein.
3. Wenn die Wirkungsmessung von externen Partnern verlangt wird – von Spendern, Stiftungen, dem Staat – dann werden Nonprofits Indikatoren aufgezwungen, die sie selbst für ihre Arbeit niemals wählen würden. Polonsky und Grau sprechen von dem Gefühl Gemeinütziger, „that they are being micro-managed by major funders“ (2011, S. 198).
4. Werden die Ergebnisse der Wirkungsmessung veröffentlicht oder wird ein Ranking erstellt, dann müssen Einrichtungen mit geringem impact mit einem Abfluß von Spendenmitteln rechnen.

Polonsky und Grau stellen die populärsten Ansätze, die zur Wirkungsmessung in der Praxis benutzt werden, vor. Das Problem ist, dass die Ansätze sich sehr voneinander unterscheiden und insofern auch die Messergebnisse untereinander nicht vergleichbar sind. Jeder Ansatz verfolgt eine ganz bestimmte, eingeschränkte Perspektive, die der Multidimensionalität von Nonprofits nicht gerecht wird.

Der ROI (Return on Investment) fokussiert auf die Finanzströme in gemeinnützigen Organisationen. Untersucht wird, welcher finanzielle Mehrwert den Investitionen gegenüber steht. Der SROI (Social Return on Investment) untersucht auch Finanzströme, bezieht aber die Kosten und den outcome für die unterschiedlichen Stakeholder mit ein. Der QIA (Qualitative Impact Approach) konzentriert sich auf die qualitative Erhebung der Leistungsfähigkeit einer Organisation bzw. ihrer capacities.

Aus den Ausführungen der Forscher über die drei Messmethoden lässt sich ihr jeweiliges Profil bestimmen:

 

 

 

 

 

 

Häufig wird versucht, die Ansätze zu kombinieren und quantitative und qualitative Messmethoden zusammenzubringen. Dennoch wird es unmöglich sein, von „oben herab“ ein Messmodell zu entwickeln, das alle befriedigt – zu unterschiedlich sind die Auffassungen darüber, was der Dritte Sektor leisten soll, welche Wirkungen erwünscht sind und wie man diese am Besten analysieren kann.

Holger Kimmer vom Projekt Zivilgesellschaft in Zahlen regt an, in den Wirkungsanalysen über den Nonprofit-Bereich neben Effizienz und Effektivität auch die zivilgesellschaftlichen Aktivitäten einer gemeinnützigen Organisation bzw. ihre demokratische Leistungsfähigkeit zu berücksichtigen. Wie könnte dies jenseits von top-down-Konzepten realisiert werden?

Man müsste vor Ort in den Einrichtungen die Evaluationskriterien mit den unterschiedlichen Stakeholdern gemeinsam erarbeiten. Die Rolle der Freiwilligen wäre es, hier die bürgerschaftliche Perspektive in die Diskussion einzubringen. Die dezentral und kollaborativ erarbeiteten Evaluationskriterien müssten dann auf Sektorebene zu einem Katalog zusammengefasst werden, der wiederum auf die lokale Ebene wirkt. Man könnte so die Pluralität der Perspektiven – auch die zivilgesellschaftliche – besser in der Evaluation abbilden, als dies top-down-Konzepte leisten.

Die Evaluationskriterien der Stakeholder könnte eine Organisation im Rahmen eines World-Cafés oder einer Open Space-Veranstaltung abfragen, – siehe meinen letzten Blogbeitrag über „Führung in Vereinen, – vom ‚Held‘ zum ‚Gastgeber'“.

Zusätzlich könnte der Dritte Sektor bzw. könnten die großen Verbände auch online eine öffentliche Diskussion darüber anstoßen, was Bürger von Nonprofits erwarten, was ihnen ganz besonders wichtig ist und welche Kriterien sich für eine Messung des impacts eignen könnten.

Mehr Öffentlichkeit und Bürgerbeteiligung wird aber gescheut von den großen Trägern. Sie bevorzugen Gespräche hinter verschlossenen Türen und „untereinander“ (UA 2011, S. 13), statt mit den Bürgern. Dabei ist Transparenz das A und O, wenn es um Evaluation geht. Evaluationskriterien und -abläufe müssen offengelegt werden, damit jeder beurteilen kann, auf welcher Grundlage und durch wen der impact eines Trägers gemessen wurde.

Gemeinnützige Organisationen fühlen sich gegenüber Akteuren wie PHINEO in der Defensive – die Diskussion im oben erwähnten Unterausschuss belegt dies. Nonprofits sollten in der Tat selbst aktiv werden und Wirkungsansätze entwickeln, die ihren Vorstellungen und ihrer Komplexität besser entsprechen, – aber nicht hinter verschlossenen Türen, sondern gemeinsam mit ihren (Bürger)Stakeholdern.

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