Koproduktion als Chance für gemeinnützige Organisationen

Vielen gemeinnützigen Organisationen in den sozialen Diensten fehlt ein Leitbild, – eine klare Vorstellung davon, in welche Richtung ihr Weg in den nächsten Jahren führen soll.

Aber ebenso wenig wird öffentlich diskutiert, welche Wege sich die Zivilgesellschaft für den Dritten Sektor wünscht. Es herrscht eine große Leere wenn es um Zukunftsentwürfe für den organisierten Teil der Zivilgesellschaft in unserem Land geht. Es wird allenfalls noch die Frage gestellt: „in was für einer Gesellschaft wollen wir leben?“, aber niemals „wie wünschen wir uns als Bürger/innen den Dritten Sektor?“.

Gemeinnützige Organisationen haben sich das New Public Management der öffentlichen Verwaltung überstülpen lassen. Nonprofits im Sozialbereich konzentrieren sich heute auf eng definierte Leistungsziele. Dadurch treten gemeinwesenbezogene Konzepte in den Hintergrund. Nonprofits müssen sich durch messbaren output gegenüber der öffentlichen Hand legitimieren. Dadurch geht der Blick auf nicht-quantifizierbare Ressourcen und Ergebnisse verloren. Nonprofits implementieren Standards und vernachlässigen darüber innovatives Handeln.

Welche Gestaltungsmacht besitzt ein so instrumentalisierter Dritter Sektor in unserer Gesellschaft? Welche Handlungschancen eröffnet er Bürgern, welche Wirkung kann er auf kommunaler Ebene entfalten?

Nonprofits sind als demokratiepolitische Akteure und als Enabler von bürgerschaftlicher Partizipation zu wenig präsent. Es fehlt ein Leitbild, das Bürgern, Klienten und den Organisationen selbst mehr Handlungschancen ermöglicht. Nonprofits sind nicht nur Dienstleister, sondern auch wichtige Akteure unseres Gemeinwesens. Und Klienten und engagierte Bürger wollen sich nicht mehr länger nur dem Primat der Einrichtung unterordnen, sondern stärker mitgestalten und ihre Ideen einbringen.

Ein Konzept, das zu einem Empowerment von gemeinnützigen Organisationen und Bürgern führen kann, ist das der ‚Koproduktion‚. „Full co-production“ (Tony Bovaird) bedeutet, dass Nutzer von Sozialeinrichtungen und Bürger gemeinsam mit der NPO an der Planung und Produktion sozialer Dienstleistungen beteiligt sind. An der Produktion sozialer Dienste partizipieren die Bürger in Deutschland schon heute, – an der Planung und Gestaltung sozialer Dienstleistungen aber seltener.

Der Vorteil des Koproduktions-Modells für den Dritten Sektor und die Zivilgesellschaft: die Ressourcen (monetärer/nicht-monetärer Art) von Bürgern können so von der Einrichtung viel stärker genutzt werden und Innovation ist durch das Zusammentreffen von unterschiedlichen Wissensbeständen – seitens der Nutzer, der Bürgerschaft, der professionellen Mitarbeiter – leichter möglich. Die Bürger ihrerseits erfahren einen Empowerment-Prozess, weil sie nicht als (defizitäre) Klienten oder (unwissende) Laien wahrgenommen werden, sondern ihre Erfahrungen, ihr Wissen, ihre Kompetenzen, ihre Kontakte stärker einbringen können.

Koproduktion ist Boyle und Harris (2009, 17f) zufolge

  • transformativ: sie verändert die bisherigen Rollen von Klienten/Pofis/Freiwilligen und von NPO-Strukturen. Sie verändert bestehende Machtungleichgewichte in NPOs zugunsten von Nutzern und Bürgern. Sie verschafft aber auch professionellen Mitarbeitern die Möglichkeit, ein neues Profil zu gewinnen und Handlungschancen zu entwickeln. Zum Beispiel, indem sie die bestehende Arbeitsteilung korrigiert, die den Freiwilligen jene betreuenden und kommunikativen Aufgaben überlässt, welche man aus der Tätigkeit der Profis „herausrationalisierte“ (Evers 2010, S. 4).
  • egalitär ausgerichtet: das heißt, sie anerkennt das Koproduktionspotential aller und wertschätzt das unterschiedliche Wissen, das Klienten und bürgerschaftlich Engagierte einbringen können. Profis und Laien begegnen sich auf Augenhöhe
  • nachhaltig: weil Koproduktion die Ressourcen, die sich aus sozialem Kapital ergeben, ausschöpft und nicht – wie in der gegenwärtig nur auf Effizienz (und nicht auf Beziehungen) fixierten Praxis – vernachlässigt.

Die Koproduktion verschafft gemeinnützigen Organisation mehr Handlungsspielräume. Sie kann durch einen partnerschaftlichen Umgang mit Bürger-Nutzern von deren Ressourcen profitieren und und sich durch diese Ausdehnung ihrer Handlungsoptionen auch auf lokaler Ebene ganz anders als Gestalterin der örtlichen Lebenswelt und des Gemeinwesens einbringen.

Social Media können die Koproduktion sozialer Dienstleistungen online unterstützen. Sie ermöglichen die Vernetzung, den Dialog und die Mitwirkung von Bürger-Nutzern an der Gestaltung und Produktion sozialer Dienste. Zu diesem Zweck muss das Internet aber strategisch genutzt werden. Das heißt, es muss seitens der NPO über quantitative und reine Selbstvermarktungsziele hinaus gedacht werden. Statt den Status quo zu verstärken, sollten Social Media zur Strukturveränderung genutzt werden. Aber dafür braucht man Leitbilder und Visionen. Wo sind die des Dritten Sektors?

5 Gedanken zu „Koproduktion als Chance für gemeinnützige Organisationen

  1. Sehr interessanter Artikel. Koproduktion bedeutet für mich in Hinblick auf NGO’s/Verbände: Partzipation ernst nehmen und tatsächlich umsetzen. Für NGO’s wird dies mit der Abgabe von Kontrolle einhergehen. Für Einrichtungen aber auch Verbände gilt es hier auszuloten in welchen Bereichen dies sinnvoll, machbar und überhaupt erwünscht ist. Ebenso wäre interessant zu diskutieren, welche (einflussreiche) Rolle das Web 2.0 und damit einhergehende „neue“ Soziabilitätsformen bei dieser Entwicklung spielt. Wir planen für das kommende Jahr ein entsprechende Abschlussveranstaltung (des Engagementwettbewerbs PlusPunkt KULTUR) mit diesem Themenschwerpunkt.

  2. Aus der Sicht unseres Begegnungszentrums im Stadtteil lesen sich Ihre Ideen wie ein Lichtstreifen am Horizont. Gestern habe ich mit meiner Kollegin über das Konzept der Koproduktion anhand Ihres Blogbeitrags diskutiert und würde gerne diese Erfahrung direkt aus der Praxis hier zur Diskussion stellen.
    Unser Haus besteht seit 1980 mit einem gemeinwesenorientierten Ansatz, der sich aber, wie Sie das beschrieben haben, in den letzten Jahren Anhand von Leitbildern und einzuhaltenden Standards seitens der Geldgeber immer mehr verwässert hat. Ein Schwerpunkt, die offene Altenarbeit, bröckelt durch die Alterung der Besucher und die neue Generation „junger Alter“ lässt sich mit dem Begriff der „Generation Vielleicht“ am besten charakterisieren. Feste Gruppen sind nicht mehr gefragt, man entscheidet spontan, was man gerade machen möchte.
    Der gesamte Bereich zwischen 30 und 60 Jahren findet zur Zeit nur wenig passende Angebote im Haus, für Jugendliche sind wir nicht ausgestattet und die Betreuungsgruppe für Kinder von 1 bis 3 Jahren läuft mit Warteliste. Angebote für die Eltern sind aber auch nicht nachgefragt, da diese ihre Kinder ja bei uns zur Betreuung während ihrer Arbeitszeiten unterbringen. So lässt sich die Situation ganz kurz umreißen.
    Um den Gedanken der Koproduktion also überhaupt aufnehmen zu können, müssen potenziell Engagierte erst einmal erfolgreich angesprochen werden. Einladungen zu Veranstaltungen gehen aber im allgemeinen Angebot der Tageszeitung unter und stoßen kaum auf Resonanz.
    Und die Möglichkeiten von Social Media bringe ich mit dieser Situation überhaupt nicht zusammen. Wen sollte ich da wo über das Internet ansprechen können?
    Es ist also so, als wenn die Verbindung irgendwo abgerissen ist und das Zentrum im Moment etwas ziellos in Hinsicht auf die Zukunft vor sich hin treibt.
    Es hat also einen schleichenden Generationenwechsel gegeben, den wir stellenweise erkannt haben, aber für den wir bisher keine funktionierenden Strategien entwickeln konnten, um darauf zu reagieren.
    Gibt es Ideen, um diese Lücke zu schließen und wieder Fahrt aufzunehmen?

  3. Liebe Frau Reiser,
    gern beteilige ich mich am Gespräch zu Ihrem spannenden Artikel über das Modell der Koproduktion. Dazu weise ich auf die Arbeitsweise des „Community Organizing“ hin. Community Organizing zielt genau darauf ab, Beziehungen als Soziales Kapital zu begründen und zu stärken.
    Saul Alinsky führte das Community Organizing 1939 in Chicago ein, um die Bewohner ganzer Stadtteile für sich selbst sprechen und agieren zu lassen. Seitdem wird diese Methode insbesondere in den USA, England und auch ersten deutschen Kommunen praktiziert.
    Der Grundsatz bei diesem Vorgehen lautet „Mit-anderen-für-sich-etwas-Tun“. Dieses Selbstverständnis löst die gerade bei uns in Deutschland weit verbreitete Form des „Für-andere-Tuns“ ab. An die Stelle des primären Fürsorgeprinzip tritt als zivilgesellschaftliche Grundregel für eine Kultur der Beteiligung: „Nichts für andere tun, was sie nicht selbst tun können-stattdessen das solidarische Tun vieler ermöglichen“. Dazu werden Verknüpfungsgespräche mit sogenannten Schlüsselpersonen geführt.
    Vielleicht hilft dieses Buch weiter: Leo Penta, Community Organizing/ Menschen verändern ihre Stadt, Edition Körber Stiftung, 2007

  4. @Matthias Riesterer, vielleicht sollte man bei dem Thema ‚Koproduktion‘ gar nicht so sehr die Abgabe von Kontrolle seitens der Einrichtungen betonen, sondern eher herausarbeiten (und das müsste man noch im Detail machen), welche Chancen darin für den professionellen Bereich liegen. Sicher würden mir viele zustimmen, wenn ich sage, dass auch die Situation für das Personal in gemeinnützigen Einrichtungen doch keineswegs befriedigend ist bzw. wir hier noch nicht an das Ende sämtlicher Entwicklungsmöglichkeiten gekommen sind. Die professionellen Mitarbeiter würden im Rahmen der Koproduktion durch die Rolle als ‚Mentoren‘ und ‚Enabler‘ aufgewertet.

    @Stefan Zollondz, danke für Ihre Fragen und Ihre Offenheit. Ich denke, es gibt vier Lösungen für die von Ihnen angesprochenen Probleme:

    1. Netzwerkorientiertes Denken und Handeln
    2. Multiplikatoren in der Einrichtung suchen und als Koproduzenten aufbauen
    3. Die Bedingungen für das Engagement und die Teilnahme an den Angeboten Ihrer Einrichtung so nutzerfreundlich wie möglich zu gestalten.
    4. Eine Social Media Präsenz mit einem Weblog starten

    Zu Punkt 1: Vernetzen Sie Ihre Einrichtung mit anderen Einrichtungen und Initiativen/Vereinen in der Stadt und binden Sie diese als Akteure und Nutzer in Ihr Begegnungszentrum ein. Sie können alleine – mit den beschränkten Ressourcen Ihrer Einrichtung – nicht diese Angebotspalette abdecken, die andere in Ihre Einrichtung bringen können. Der Vorteil für Ihre Partner: Sie bieten die Infrastruktur und den Zugang zu einem bestimmten Publikum, Ihre Partner können Vorträge, Veranstaltungen, Feste usw. einbringen. Wie bunt und vielseitig kann eine Einrichtung werden, wenn sie offen ist für die anderen Akteure in der Gemeinde bzw. im Viertel.

    Ich würde einen Vernetzungsstammtisch ins Leben rufen bzw. eine Socialbar und dort die eigenen Problemlagen offen kommunizieren. Letztlich teilen viele Einrichtungen Ihre Sorgen (z.B. die Kirchengemeinden), so dass es Sinn macht, gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

    Zu Punkt 2: Suchen Sie nach engagierten Senioren/Eltern/Besuchern in Ihrer Einrichtung, machen Sie diese handvoll Menschen zu Ihren Verbündeten und Multiplikatoren. Kommunizieren Sie Ihre Sorgen und entwickeln Sie gemeinsam mit dieser Gruppe Lösungswege. Ohne das Feedback der Nutzer bzw. ohne deren Ideen und Mithilfe wird eine Revitalisierung der Einrichtung schwierig. In diese Gruppe sollte auch die Leitung der Kita und ein Vertreter des Trägers sowie wichtige Kooperationspartner aus dem engen Umfeld.

    zu Punkt 3: gestalten Sie die Nutzerangebote gemeinsam mit den Betroffenen und denken Sie daran, den Aktivitätsrahmen so nutzerfreundlich wie möglich zu gestalten. Ein Engagement der Eltern am Abend scheitert oft aufgrund mangelnder Kinderbetreuungsmöglichkeiten. Wenn man Freiwillige einbinden will, muss man ihre Engagementkosten so niedrig halten wie möglich und soziale Anreize bieten.

    Zu Punkt 4: Ich würde eine Social Media-Präsenz mit einem Blog beginnen. Allein deshalb, um Transparenz zu schaffen, d.h. um die Einrichtung und ihre Arbeit – aber auch ihre Sorgen – besser öffentlich zu machen. Ein Blog könnte auch ein Mittel sein, um Ihr Netzwerk zu veranschaulichen, indem auf befreundete lokale Einrichtungen und Partner verlinkt wird, die ihrerseits in Ihrem Blog ein Diskussionsforum finden könnten. Dieses Blog wird zu Beginn vielleicht nicht so sehr von Ihren Besuchern gelesen werden – man muss es erst entsprechend bekannt machen, speziell bei der älteren Generation. Das Blog wäre, wie erwähnt, zuerst ein Tool, um Transparenz und Klarheit für Sie selbst zu schaffen und um Ihr Netzwerk abzubilden.

    Ich hoffe, diese Anmerkungen sind hilfreich für Sie und grüße Sie herzlich!

    @Alexandra Ripken, – vielen Dank für Ihre Ausführungen. Ich habe schon von diesem Ansatz gehört, bin im communitybuilding/organizing aber nicht so sattelfest. Deshalb Danke für den Literaturtipp, – das wird meine Urlaubslektüre. Falls Sie noch weitere gute Texte haben, freue ich mich über Empfehlungen.

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